Rena Fischer: Das Lied der Wölfe

Kaya hat Gründe, dem Leben in Deutschland entfliehen zu wollen. Die junge Wolfsforscherin nimmt das Angebot des schottischen Milliardärs Allistair an, im Hochland sein Wolfsprojekt zu betreuen. Die Briten haben nicht weniger Vorurteile gegen freilaufende Wölfe als die deutschen Landwirte, aber noch liegt Allistairs Projekt hinter Zäunen und beschränkt sich auf ein Pärchen. Ebenfalls in dem Herrenhaus, in dem Kaya untergebracht ist, wohnt Allistairs Sohn Nevis, der sich dort von den Verletzungen erholen soll, die er während seiner Soldateneinsätze erlitten hat – den physischen und den psychischen. Nevis fühlt sich durch das Projekt seines Vaters unter Druck gesetzt und versucht alles, um nicht mit hineingezogen zu werden.

Rena Fischer erzählt uns die Geschichte aus zwei Perspektiven: aus Kayas und aus Nevis. So erfahren wir nach und nach, was die beiden auch innerlich umtreibt. Sie haben beide mit eigenen Dämonen zu kämpfen und nähern sich doch Schritt für Schritt an. Denn Kaya kann Nevis mit ihrer Begeisterung mitreißen und sie verhält sich so ganz anders, als die Frauen, die Nevis bislang kannte. Trotzdem ist diese Geschichte sehr viel mehr, als eine Highlander-Liebesgeschichte mit Wölfen. Denn die Autorin hat hervorragend recherchiert, sich sowohl mit der modernen Wolfsforschung, den Gründen für die Ablehnung in der Bevölkerung für alles was „Wolf“ heißt, als auch mit den Auswirkungen des Krieges auf den Menschen auseinandergesetzt. Außerdem hat sich auch in den Nebensträngen den Klischees widerstanden und diese sorgfältig und teils überraschend ausgearbeitet (ich hätte bis zum Schluss drauf geschworen, dass Gawyn einfach verunglückt ist, vermutlich ertrunken).

Alles in allem gibt das ein wunderbar rundes Buch, das ich kaum aus der Hand legen wollte und das wirklich bis zum Schluss spannend blieb. Sehr schön fand ich auch, dass Rena Fischer am Ende, sozusagen zur Abrundung, noch einen Ausblick auf das weitere Leben der Protagonisten gegeben hat, so dass man als Leser nicht einfach im leeren Raum hängt. Sehr schön fand ich auch die Erklärungen, warum Wölfe in den Wäldern auch für einen gesünderen Wald sorgen (also wirklich für den Pflanzenteil) und die Aufrechnung, was ein gesunder Wolf wirklich an kg Wild benötigt. Das ist viel weniger, als die Meisten glauben, aber es stimmt – 2 % von 50 kg sind wirklich nur 1 kg (das ist ungefähr die Menge, die man bei gebarften Hunden rechnet, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Wölfe davon deutlich abweichen), zum Vergleich: ein gesunder Hirsch wiegt um die 200 kg, selbst wenn die Hälfte Knochen ist, reicht das einem Rudel eine Weile.

Es gibt auch traurige Stellen im „Lied der Wölfe“, es gibt ignorante Menschen und es gibt den Kampf gegen Windmühlen. Rena Fischer hat es geschafft, dass das Buch mich trotzdem glücklich zurücklässt und das finde ich wirklich bemerkenswert.

Rena Fischer: Das Lied der Wölfe.
dtv, Mai 2021.
512 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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