Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde

Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen in den USA. Zum Glück werden ihre Texte auch nach und nach in Deutschland entdeckt. Ich bin durch ihr Buch „Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens“ auf sie aufmerksam geworden und war von ihrer feministischen Essay-Sammlung „Wenn Männer mir die Welt erklären“ schwer beeindruckt.

Nun erzählt sie in „Unziemliches Verhalten“, wie sie Feministin wurde. Und das macht sie auf ihre ganz eigene, unnachahmliche Weise, indem sie nicht nur ihre Geschichte erzählt, sondern ihre Erlebnisse, ihr eigenes Verhalten und ihre Gefühle in einen größeren Zusammenhang stellt. So verleiht sie Frauen, die nicht oder kaum wahrgenommen werden, eine Stimme.

Anfang der 1980er-Jahre zieht die junge Rebecca nach San Francisco, um zu studieren und ihrem Elternhaus zu entfliehen. Sie findet eine kleine Wohnung, die für viele Jahre ihr Zuhause wird. Sie erzählt von ihrer anfänglichen Armut, von ihrer Sehnsucht nach der Weite des Meeres und der Natur, von ihrer Suche nach sich selbst und dem Leben, das sie leben will, aber auch von ihrem bunten Viertel und seinen Bewohner*innen. Selbst wenn sie schon seit Jahren sicher ist, dass sie Autorin werden möchte, fehlt ihr zunächst die Orientierung: „Ich hatte keine klare Vorstellung davon, wo ich hinwollte, aber ich wusste, dass es möglichst fern von da sein sollte, wo ich herkam.“ (Kapitel „Nebelhorn und Gospel“/3)

Gleichzeitig ist sie durchdrungen von der Furcht, Opfer einer Gewalttat zu werden – und nicht nur sie ist davon betroffen. Das Thema ist allgegenwärtig, aber für viele Männer scheint es kein Ziel zu sein, die Welt für Frauen sicherer zu machen. Im Gegenteil. Rebecca Solnit stellt fest, dass in der Kunst, in Filmen, Büchern und später in Videospielen häufig gilt: „Ihre Vernichtung war seine Selbstverwirklichung.“ (Kapitel „Leben im Kriegszustand“/2)

Und das bestätigt sich für sie auch im wahren Leben. Sie sieht sich mit zahllosen Übergriffen durch Männer konfrontiert – nicht erst in San Francisco, sondern auch schon vorher im familiären und sozialen Umfeld (aber natürlich gibt es auch Männer, die Frauen und ihre Rechte respektieren). Doch sie findet niemanden, der ihre Not sieht und ernst nimmt. Eine eigene Stimme hat sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie macht dieselbe Erfahrung wie viele Frauen: „Wenn niemand anders dir traut, ist es schwierig, dir selbst zu trauen, und tust du es doch, stellst du dich gegen alle anderen – beide Optionen können dazu führen, dass man das Gefühl hat, verrückt zu werden, und von anderen als verrückt bezeichnet wird.“ (Kapitel „Leben im Kriegszustand“/3)

Rebecca Solnit lernt, sich unsichtbar zu machen, nicht aufzufallen, zu verschwinden, sich fortzuschleichen und zieht sich zurück in die Welt der Bücher und Texte. Sie bleibt meistens für sich und lebt in Tagträumen, fliegt der Realität in ihren Träumen und beim Lesen davon. Doch irgendwann kommt für sie die Zeit, sich der Wirklichkeit zu stellen. Nach ihrem Studienabschluss und einem Jahr „Auszeit“ mit einem Job an der Rezeption eines kleinen Hotels beginnt sie ein Journalistik-Studium an einer Graduate School, bei dem sie das Schreiben von der Pike auf lernt. Sie findet einen Nebenjob in einem Museum, gewinnt Selbstbewusstsein und Vertraute und fängt an, sich politisch, gesellschaftlich und für die Umwelt zu engagieren. Und sie entwickelt einen Plan für ihre berufliche Zukunft.

Äußerst kenntnisreich, klug und belesen, gleichzeitig sehr privat und mit tiefen Einblicken in ihre Gefühle zeichnet Rebecca Solnit ihren Weg von der jungen unsicheren Frau zur Autorin, die etwas zu sagen hat, nach. Manchmal schweift sie ab, macht einen großen Bogen, um das Thema weiterzuführen, doch kehrt sie immer wieder zum Kern zurück und man erkennt: Jeder Umweg hat seinen Grund, fügt einen wichtigen Aspekt hinzu oder knüpft Verbindungen, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Bewusst lässt sie auch Lücken, erwähnt zum Beispiel ihre Familie, viele Freund*innen und auch Lebensgefährten nur am Rande. Denn es geht um ihre persönliche Entwicklung, darum, wie sie ihre Stimme gefunden und gelernt hat, für sich und andere einzustehen.

Für Rebecca Solnit steht fest, dass sich – nicht zuletzt durch den Kampf von Feminist*innen – seit ihrer Jugend schon viel für Frauen verbessert hat. Doch was erreicht wurde, muss bewahrt und ausgebaut werden und es gibt noch Gegenden und Länder auf dieser Erde, in denen die Rechte der Frauen mit Füßen getreten werden. Es gibt noch viel zu tun.

„Unziemliches Verhalten“ ist ein wichtiges, sehr lesenswertes Buch für Frauen und Männer. Es kann darin bestärken, sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen und öffnet die Augen für manche Mechanismen, die noch immer (halb) im Verborgenen wirken. Und außerdem macht es einfach Spaß, Rebecca Solnits fein formulierte, aber dennoch kraftvolle und pointierte Texte zu lesen.

Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde.
Hoffmann und Campe, September 2020.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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