Raymond Chandler: Die Lady im See (1943)

„Die Lady im See “, im Original „The Lady in the Lake”, ist Chandlers vierter Roman. Er wurde im Jahr 1943 veröffentlicht und inzwischen auch schon mehrfach ins Deutsche übersetzt. Für die Neuedition hat der Diogenes Verlag in Robin Detje einen Übersetzer gefunden, der Chandlers Text gekonnt ins Deutsche übertragen hat.

Die Geschichte beginnt eher harmlos: Der Unternehmer Derace Kingley beauftragt Privatdetektiv Marlowe, seine Frau zu suchen. Chrystal Kingsley ist vor etwa einem Monat verschwunden. Sie war zuletzt in einer Blockhütte an einem kleinen See in den Bergen, bevor sie sich angeblich mit einem neuen Lover nach Mexico angesetzt hat. Kingsley will vor allem sicherstellen, dass seine zu Ladendiebstählen neigende Gattin ihm keinen Ärger macht. Marlowe fährt zum Ferienidyll der Kingsleys und findet eine Frauenleiche im See. Damit beginnt ein Verwirrspiel um Namen und Identitäten.

Die Tote wird als Muriel Chess identifiziert, die Frau des Hausverwalters Bill Chess, welcher behauptet, seine Frau habe ihn vor einem Monat nach einem Streit verlassen. In den weiteren Ermittlungen tauchen immer mehr Namen auf, vor allem blonde Frauen mit ausschweifendem Lebendstil, die selten sind, was sie zu sein vorgeben, und es gibt weitere Tote.

Man merkt der Story nicht an, dass sie aus mehreren Kurzgeschichten zusammengefügt wurde. Sie ist aus einem Guss und wirkt zudem trotz ihres Alters modern. Auch wenn sich das Los Angeles des Detektivs Marlowe enorm verändert hat, Chandlers Blick in die Abgründe menschlicher Verdorbenheit hat an Aktualität nicht verloren. Es gelingt ihm, seine Protagonisten mit knappen Worten zu beschreiben. Typisch sind die straffen und treffenden Dialoge und ebenso die wohldosiert eingestreuten Adjektive. Typisch auch die detailgetreuen Beschreibungen von Menschen und Umwelt, wenn der Detektiv einen Ort inspiziert und gleich darauf die rasante Beschleunigung des Erzähltempos, sobald Gefahr droht.

Marlowe gibt sich betont cool, ein desillusionierter Idealist, der sich hinter Zynismen verbirgt und damit die Distanz wahrt. In seiner Welt regieren Machtgier, Verfall und Korruption, die Reichen und Schönen verlieren sich in Alkohol und Drogen, ehrliche Mitmenschen sind rar. An allen Ecken lauert Ärger, der „Schnüffler“ muss ständig damit rechnen, verprügelt zu werden oder in Lebensgefahr zu geraten. Der Eindruck von Gefahr wird durch gelegentliche Anspielungen auf Kriegshandlungen verstärkt – der Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 hatte zur Kriegserklärung der USA an Japan geführt.

Wie in allen seinen Romanen spielt Chandler auch hier lange mit offenen Karten, ich erfahre alle Erkenntnisse und Überlegungen, Ermittlungsansätze und Ideen – bis zu dem Punkt, an dem der Detektiv den Fall gelöst und alle lockeren Enden miteinander verknüpft hat und es dem Leser überlässt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen oder einfach dem Showdown zu folgen.

Ganz egal, wie man sich dabei entscheidet, ganz egal auch, dass man das Buch vielleicht, so wie ich, gefühlt schon hundertmal gelesen hat, es ist immer (wieder) ein Genuss.

Raymond Chandler: Die Lady am See (1943).
Aus dem Englischen übersetzt von Robin Detje.
Diogenes, Oktober 2021.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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