Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben

Außergewöhnliche Perspektive: Raffaella Ramagnolo hat ein amüsantes, wunderbares, fast schon philosophisch anmutendes Werk aus Sicht der 16-jährigen Erzählerin geschrieben. Die

Autorin und ehemalige Gymnasiallehrerin schafft dabei mühelos den Spagat, die mangelnde Lebenserfahrung samt jugendlicher Komplexe der Figur Paola dem frühreifen, tiefgründigen Geist ihrer Protagonistin gleichwertig gegenüberzustellen. Das Ganze würzt sie mit einer guten Portion Humor. Paola weiß vieles noch nicht, aber sie stellt die richtigen Fragen. In einem Punkt ist sie ihren erwachsenen Mitspielern weit voraus: Sie ist offen für die Wahrheit. Auch jenseits der Instagram-Oberfläche.

La Storia: In einer Stadt im Norden Italiens wächst die 16-jährige Paola in privilegierten Verhältnissen auf. Sie lebt im Villenviertel, während ihre Familie mit dem Betreiben von Steinbrüchen und dem Bau billiger Sozialbauwohnungen zu Reichtum gelangte. Glücklich ist die Famiile De Giorgi dennoch nicht. Denn in der Welt der Reichen und Schönen können die beiden jüngsten Familienmitglieder nicht bestehen. Paolos Bruder Richi ist schwer behindert. Paolo selbst nach eigenem Empfinden zu dick, zu hässlich und nur eine mittelmäßige Schülerin. Anstatt mit den coolen Teenagern abzuhängen, vertieft sie sich in Bücher und schiebt ihren Bruder stundenlang im Rollstuhl spazieren. Allein schon, weil ihr die Mutter 60 Minuten strammes Gehen pro Tag verordnet hat, um abzunehmen. Dabei marschiert Paola mit ihrem Bruder in die „verbotene“ Margeritensiedlung. Ein Arme-Leute-Viertel, dessen Besuch ihr die Mutter strengstens untersagt hat, obwohl das Viertel von der elterlichen Firma errichtet wurde. Dort trifft sie den 18-jährigen Antonio. Er zeigt Interesse an Paola. Nachdem Paolo Opfer eines Mobbing-Scherzes geworden ist, misstraut sie ihren Schulkollegen und hält Antonio auf Distanz.

Zumal sich dysfunktionale Beziehungen durch sämtliche Generationen der Familie De Giorgi ziehen. Der Vater ständig in seine Arbeit vertieft, die Mutter auf Schlaftabletten, dazu die mondäne Großmutter, die ihre große Liebe verloren hat, weil sie sich für den falschen Mann entschieden hat. Lediglich Richi und Paolo – die Außenseiter der Familie – halten zueinander. Dann kommt ein familiäres Geheimnis ans Licht, das all die verborgenen Risse zu Tage fördert. Warum wurde Richi krank geboren? Beruht der familiäre Reichtum auf einem Verbrechen? Wieso ist die Margeritensiedlung eine No-Go-Area? Was ist dort passiert?

Die jugendliche Protagonistin spricht ihre Leser direkt an. „Ihr wisst schon…“, als wären wir ihre Follower. Dies schafft zum einen eine direkte Verbindung, zum anderen liest sich ihre altkluge und lakonische Sprache einfach köstlich. Andererseits wirft Paola stets lebenskluge Weisheiten ein, die ihrem Alter voraus scheinen. „Ich bin ich, weil er er ist. Wenn ich anders bin, dann weil er anders ist.“ So ihre Gedanken über ihre Beziehung zu ihrem behinderten Bruder, den sie über alles liebt.

Mit feinfühligem Blick für (kuriose) Details skizziert die Autorin ihre Charaktere. Da ist die rumänische Bedienstete Nina, die nie etwas wegwerfen kann. Da ist der sture, stolze Gärtner Buttita, der sich täglich mit der Großmutter kabbelt, bis die Gartenschaufeln fliegen. Die Großmutter wiederum liebt den großen Auftritt, die grande emozioni. Da ist Ricchi, der in kritischen Augenblicken epileptische Anfälle vortäuscht, um unsympathische Personen auf Abstand zu halten. Und natürlich Paola, die ihr Leben wunderbar abgeklärt beschreibt, wie ihren ersten Besuch beim Psychiater inklusive „Menarche-Mutismus“.

Die norditalienische Autorin Raffaella Romagnolo hat eine Coming-of-Age-Story geschrieben, in der nicht nur die 16-jährige Paolo erwachsen wird, sondern auch die Erwachsenen in ihrem Umfeld einen Reifeprozess durchlaufen. Gespickt mit köstlichen Charakteren, wie es sie nur im Land des Stiefels gibt. Ihre Prosa ist jung, kess, modern, ganz nah am Leben. Alla grande – einfach großartig!

Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben.
Diogenes, Oktober 2020.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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