Rachel Joyce: Miss Bensons Reise

Bei Rachel Joyce darf man sich immer über originelle Figuren und unkonventionelle Handlungen freuen. So auch in ihrem neuen Buch, in dem sie uns von Margery Benson erzählt, einer leicht verschrobenen Hauswirtschaftslehrerin, die einen Traum hat: sie möchte den goldenen Käfer finden, den bislang noch niemand entdeckt hat. Als sie ein Kind war, hatte ihr Vater ihr ein Bild dieses Käfers gezeigt und damit ihr Interesse an diesen Tieren in ihr geweckt. Doch aus vielerlei Gründen hat sie diesen Traum jahrelang in ihrem Herzen verborgen, erst ein für sie erschütterndes Ereignis bringt sie dazu, ihr Leben zu ändern. Sie plant eine Reise nach Neukaledonien, um den Käfer zu suchen.

Aber sie möchte die Reise verständlicherweise nicht allein antreten und sucht eine Assistentin. Unter anderem meldet sich Enid Pretty, eine offensichtlich nicht sehr gebildete, dafür aber umso hübschere und vor allem ausgesprochen redselige junge Frau, mit anderen Worten das komplette Gegenteil der verklemmten, scheuen, wortkargen Miss Benson. Doch trotz all der Widrigkeiten, all der Gegensätze entsteht zwischen den beiden Frauen eine tiefe Freundschaft. Beide haben ihre Geheimnisse und ihre Träume. Beide haben viel mehr innere Stärke, als sie selbst ahnen und beide wachsen über sich selbst hinaus, als ihnen Gefahr droht.

Bei all den humorvollen Szenen, all den Missgeschicken, die den beiden Frauen passieren, trotz all der dramatischen Ereignisse und den Naturgewalten, denen sie sich aussetzen, ist der Roman doch auch still und behutsam, wenn er über die inneren Zweifel, die Selbstkritik und die Kämpfe gegen Vorurteile und Vorverurteilung berichtet. Hier liegt die Stärke der Autorin, die auch in ihren so erfolgreichen Romanen „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ oder „Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ (ein ganz wunderbares Buch), bewies, wie gut sie sich in Sonderlinge und Träumer einfühlen kann. Ohne sich über die Absonderlichkeiten oder unvernünftige Handlungen ihrer Figuren zu mokieren, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Bewertung schildert sie mit Feingefühl, Empathie und sanftem Humor die Ereignisse um Miss Bensons Reise nach Neukaledonien. Die Abenteuer der beiden Frauen, die Erfüllung ihrer Träume, aber auch die Schicksalsschläge, die ihnen widerfahren, die Eitelkeiten und Manierismen der Ehefrauen von Konsuln und Botschaftern in dem Inselstaat, Vorurteile und Egoismus, denen Margery und Enid begegnen, für all das findet Rachel Joyce die passenden Worte.  Dabei gelingen ihr ebenso wunderbare Beschreibungen der Natur, der Tiere und Pflanzen und der Landschaft dieser entlegenen Insel: „Als die Sonne aufging, blitzten kräftige Farben am Himmel auf, die eigentlich zu anderen Dingen gehörten: Ampelgrün, Geburtstagskerzenrosa, Eidottergelb, Briefkastenrot.“ (S. 156) wie auch der dort lebenden Menschen mit all ihren Marotten und Eigenheiten.

Der Roman ist ein Plädoyer für die Freundschaft, für Vertrauen und für den Glauben an die Erfüllung von Träumen: „Aber egal, wie schrecklich das Leben war, es wäre mir nie eingefallen, einfach aufzugeben. Ich wollte immer weiterleben. Ich habe immer auf den Moment gewartet, wenn es wieder aufwärts ging. Merk dir das, Marge. Du darfst nie aufgeben. … Was uns zugestoßen ist, macht nicht das aus, was wir sind. Wir können sein, was wir sein möchten.“ (S. 329).

Unbedingt empfehlenswert.

Rachel Joyce: Miss Bensons Reise.
Krüger, Dezember 2020.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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