Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg

Vier Männer, alle um 1900 geboren, alle mit einem Bezug zu Lemberg, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Philippe Sands verwebt ihre Lebensgeschichten, ihre Ideen, ihre Erfolge und ihre Niederlagen zu einer ebenso informativen wie bewegenden Geschichte.

Da wären zunächst Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Beide waren Juden und haben große Teile ihrer Familie durch NS-Verbrechen verloren. Beide haben an der Universität in Lemberg im Abstand von wenigen Jahren Jura studiert und gelten als Experten und Vorreiter auf dem Gebiet des Völkerrechts und der Menschenrechte. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen der Nationalsozialisten juristisch zu fassen und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen in den Nürnberger Prozessen strafrechtlich belangt werden konnten. Doch hier endeten auch schon die Gemeinsamkeiten. Während Lauterpacht sich auf den Schutz des Individuums konzentrierte und den Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ prägte, führte Lemkin das Konzept des „Genozids“ ein, das die gezielte Vernichtung von nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Bevölkerungsgruppen beschrieb. Beide Straftatbestände sind in der Zwischenzeit etabliert und in das Völkerrecht integriert. Die Überlegungen der beiden Juristen und Wissenschaftler wirkten weiter und mündeten letztendlich viele Jahre nach ihrem Tod 1998 in die Gründung eines internationalen Strafgerichtshofs.

Den persönlichsten Zugang hat Sands, selbst ein bekannter Anwalt für Menschenrechte und Professor für internationales Recht, zur dritten Hauptperson, seinem Großvater Leon Buchholz, der ebenfalls als Jude in Lemberg aufgewachsen war. Als er sich für einen Vortrag über seine Arbeit und Menschenrechtsfragen in Lemberg vorbereitete und über Lemkin und Lauterpracht recherchierte, fing er an, auch nach Spuren seiner Familie zu suchen. Dabei entdeckte er große Teile einer verloren geglaubten Geschichte.

Der vierte im Bunde ist Hans Frank, hochrangiger Nationalsozialist der ersten Stunde und während des Krieges Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, in denen auch Lemberg lag. In dieser Funktion war er verantwortlich für eine Vielzahl von Gräueltaten und wurde in den Nürnberger Prozessen dafür angeklagt.

Die fünfte „Hauptperson“ des Buches ist Lemberg, je nach „Besitzer“ (oder Besatzer) auch Lwow, Lwów oder Lwiw genannt. Zwischen 1914 und 1944 wechselte die Stadt achtmal die nationale Zugehörigkeit: Österreich-Ungarn, Russland, die Westukraine, Polen und Deutschland verleibten sie sich ein. Derzeit gehört sie als Lwiw zur Ukraine. Entsprechend bunt gemischt war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die Bevölkerung, ein großer Teil davon waren Juden. Die Stadt bildet den Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse, alle Fäden laufen dort zusammen oder gehen von dort aus.

Sands begab sich auf Reisen zu den Orten, an denen die Basis von Lauterpachts und Lemkins Denken gelegt wurde und an denen die Verbrechen geplant oder begangen wurden. Ihm war wichtig, auch die persönlichen Geschichten zu erforschen, die hinter der Entwicklung ihrer Ideen standen. Lauterpacht und Lemkin waren nicht nur in ihrer Sichtweise unterschiedlich, auch ihre Persönlichkeiten waren fast konträr. Auf der einen Seite Lauterpacht, der ruhige, rationale, verschlossene Professor, von vielen geachtet, fast verehrt, auf der anderen Seite Lemkin, emotional, leidenschaftlich, manchen zu anstrengend und zu unbequem. Wie zwei Seiten einer Medaille.

In akribischer Recherchearbeit setzte Philippe Sands ein Mosaik zusammen und füllte es mit immer mehr Steinchen, bis nur noch wenige Lücken blieben. Unterstützt wurde er dabei unter anderem von engagierten Studenten und Doktoranden, freundlichen Archivarinnen, auskunftsfreudigen Professorinnen, Söhnen, Töchtern und Enkeln der „Haupt- und Nebenfiguren“ und einigen der letzten Zeitzeugen. In seinem Buch tummeln sich Dutzende von Menschen, die es alle verdient hätten, dass man auch ihre Geschichten schreibt.

Immer wieder verknüpft Sands dabei die Ereignisse und Handlungen der Personen, überlegt, was der eine oder der andere zur selben Zeit getan haben könnte oder wo sie sich hätten treffen können. Dabei haben sich die vier Hauptpersonen wohl nie persönlich kennengelernt.

Es sind vor allem die Details, die Sands immer wieder einstreut, die das Buch so lebendig und anschaulich machen: der (heutige) Flohmarkt in Lwiw mit sowjetischen Kuckucksuhren und Stahlhelmen mit Hakenkreuz; seine Bemühungen, eine Person nur aufgrund eines Fotos aufzuspüren; das Kellerloch, in dem sich 18 Juden über fast zwei Jahre versteckt und so überlebt hatten oder der Zynismus und die Verschwendungssucht von Hans und Brigitte Frank, die sich eine Zeitlang wie der König und die Königin von Polen gefühlt haben. Alles, was möglich ist, nimmt er selbst in Augenschein und schildert es aus seiner Sicht, ohne bei den rechtlichen Themen die Objektivität zu verlieren.

„Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte“ lautet der Untertitel des Buches und er spiegelt dessen Inhalt. Persönliches trifft Geschichte, Verstand trifft Emotion.

„East West Street“, so der Originaltitel, ist auf Englisch bereits 2016 erschienen, wurde mit mehreren Preise ausgezeichnet und liegt seit Januar 2018 in der deutschen Übersetzung vor. Die rund 500 Seiten eigentlicher Text, inklusive einiger Fotos, lesen sich über weite Strecken wie ein Roman. Auch die rechtlichen Betrachtungen sind alles andere als trocken. Wer sich für Rechts- und Zeitgeschichte oder für Biografien interessiert, sollte „Rückkehr nach Lemberg“ auf jeden Fall lesen, aber auch allen anderen sei dieses wichtige Buch empfohlen.

Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg: Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Fischer, Januar 2018.
592 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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