Petra Hammesfahr: Das Mädchen Jannie

Petra Hammesfahr ist seit langem bekannt für ihre spannenden und brisanten Kriminalromane, die sich immer wieder mit hochaktuellen und oft verstörenden Themen beschäftigen.

So auch in diesem Fall: Die 10-jährige Jannie flüchtet vor der Brutalität des Anführers der Bettlerbande, an die sie im Alter von vier Jahren von ihrem eigenen Großvater verkauft worden war. Sie landet auf dem abgelegenen Bauernhof von Dieter Leuken, einem Psychopathen, der, um möglichst authentische Thriller schreiben zu können, die Taten, die er in seinem Büchern beschreiben möchte, vorher selbst ausübt. Doch Jannie beginnt, Dieter zu vertrauen, der ihr zu essen gibt, sie einkleidet und ihr Lesen und Schreiben beibringt. Und sie hat Freude daran, seine Mutter, die nach einem Schlaganfall gelähmt und stumm im Bett liegt, zu versorgen. Dass die Frau mit Augenblinzeln versucht, Jannie zu warnen vor dem, was Dieter mit ihr vorhat, erkennt sie nicht.

Parallel ermittelt Kommissar Klinkhammer im Fall einer rumänischen Kinderhandelbande und findet relativ bald heraus, dass zwischen dieser und der Bettlergruppe ein Zusammenhang besteht.

Die Autorin hat ganz offensichtlich hervorragend recherchiert, die Hintergründe zu den Verbrechen der Kinderhändler und Zuhälter sind detailliert geschildert. Auch die Polizeiarbeit wird in allen Einzelheiten und Schritten beschrieben. Diese Informationen sind zweifellos interessant und lesen sich flüssig. Allerdings leidet aus meiner Sicht darunter die Spannung. Die Handlung schreitet extrem langsam voran, in vielen Szenen eigentlich gar nicht, so dass man sich fragt, wofür sie im Roman enthalten sind. Auch ist das Personaltableau sehr umfangreich, allein die vielen verschiedenen Polizeidienststellen, -behörden und –mitarbeiter verwirren. Man erfährt über fast jede auch noch so nebensächliche Person sehr viel, leider aber über die Interessanten, nämlich die Mitglieder der Bettlerbande, bei der Jannie so viele Jahre so elendig lebte, relativ wenig.

Sehr gut gelungen ist aber auf jeden Fall das Psychogramm des Protagonisten (oder eher Antagonisten, aus Sicht von Jannie) Dieter Leuken. Wie er versucht gegen seine Wut anzugehen, wie er um das Vertrauen von Jannie kämpft, wie er unter den Verrissen seiner Thriller leidet und vom Tod der Rezensentin träumt, das geht unter die Haut. Das ist die Hohe Kunst des Schreibens.

Einige Kürzungen hätten dem Roman noch mehr Biss gegeben, grundsätzlich aber ein spannender, aufgrund des Themas erschütternder Krimi.

Petra Hammesfahr: Das Mädchen Jannie.
Diana, August 2019.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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