Peter Michalzik: 1900

Tolstoi will sein Land verschenken. Johannes Guttzeit zieht als moderner Apostel durch die Lande und predigt die vegetarische Lebensweise. Nietzsches zarathustrische Philosophie wird zum Glauben einer neuen Zeit. In Zürich formt sich der Dadaismus. Auf dem Monte Verità in Ascona tanzen langhaarige Menschen den „Tanz an die Sonne“ – nackt, frei, ekstatisch. Um 1900 bildet sich eine Gegenbewegung zur zunehmenden Industrialisierung. Die eigene Selbstentfaltung steht im Vordergrund. Peter Michalzik folgt den schillerndsten Figuren dieser Epoche. Er gibt Anekdoten zum Besten, die es nicht in unsere Geschichtsbücher geschafft haben. Sehr unterhaltsam!

Von Philosophie bis Politik: Selten haben „gehaltvolle“ Bereiche so viel Spaß gemacht, wie in diesem Buch. Der Autor versieht seine Informationen mit einem humoristischen Unterton, der hervorragend zu den besonderen Akteuren passt. Wussten Sie, dass Nietzsche mit beginnendem Wahn seine Briefe mit „Der Gekreuzigte“ oder „Dionysos“ unterschrieb? Oder dass Kafka in Mailand ein Bordell besuchte, um die Damen lediglich aus der Ferne zu beobachten?

Dreh- und Angelpunkt der Bewegung ist der Monte Verità – eine Vegetarier-Kolonie am Lago Maggiore, die zwischen freier Kommune und touristischer Kureinrichtung wandelt. Hermann Hesse, Käthe Kruse, Ernst Bloch, Max Weber und viele weitere Schriftsteller, Künstler und Denker werden von der Gegend rund um Ascona geprägt. Sie fasten, nehmen Lichtbäder, wandern nackt, hören sich Vorträge über Theosophie an. Sie suchen das schöne Leben, die totale Freiheit. Doch es gibt auch Gegenstimmen. Gerhardt Hauptmann kann mit der abstinenten Lebensweise nichts anfangen. Motto: „Tinte und Wein, ein farbig verwandtes Sein.“ Das homoerotisch verbundene Paar Erich Mühsam und Johannes Nohl weiß mit der freien Natur nichts anzufangen, will sich lieber auf die freie Liebe und die Psychoanalyse konzentrieren.

Viele Weltanschauungen, die diese Strömung hervorgebracht hat, lesen sich sehr fortschrittlich. Tier- und Naturschutz, Gleichberechtigung der Frau, Toleranz gegenüber anderen Religionen, der Wunsch nach Weltfrieden… man fragt sich, warum es überhaupt noch die 1968er bedurfte oder vielmehr: Warum ist unsere heutige Gesellschaft in vielen Fragen nicht schon wesentlich weiter?

Auch hierfür liefert Michalzik Erklärungsversuche, indem er die Schwachstellen von Überzeugungen und Menschen aufzeigt. Kann eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse überhaupt existieren? Wie kann das Singuläre in einer Gemeinschaft bestehen bleiben? Was, wenn es zu viele Traumtänzer und Faulpelze, aber zu wenige Hüttenbauer und Feldarbeiter in einem Kollektiv gibt? Auch ein Wanderapostel muss von irgendetwas leben. Nur wovon? Eine Möglichkeit: Bringe deine Predigten zu Papier, werde Bestsellerautor!

Peter Michalzik unterteilt die Entwicklung auf dem Monte Verità in drei Phasen. In der Gründungsphase finden sich allerlei optimistische Freidenker in der Kolonie ein. Sie wollen die Welt verändern, das enge Korsett der Gesellschaft (die Frauen sprichwörtlich) abstreifen, sich selbst verwirklichen. Die zweite Phase ist von Rückschlägen gekennzeichnet. So mancher Traum verkommt zur bloßen Utopie. Eifersuchtsdramen, Selbstfindungskrisen, Fanatismus sowie finanzielle Schwierigkeiten werfen Schatten auf das irdische Paradies. Die dritte Phase reicht von 1914 bis 1920. Eine neue Generation erobert die Kolonie, eine Mischung aus Tänzern, Exilanten, Anarchisten. Sie sind rationaler, abgeklärter. Der Erste Weltkrieg hat Spuren hinterlassen.

Aufgebaut ist das Buch in einer strengen chronologischen Reihenfolge, was ein ständiges Hin- und Herschwenken zwischen Personen und Orten bedeutet. Manchmal sind es nur einzelne Sätze oder literarische „Stillleben“. Dem Thema Sexualität wird ebenso Platz eingeräumt. Daran lässt sich die Vertreibung aus dem Paradies, das Scheitern der großen Ideale, hervorragend nachvollziehen. Feiern die ersten Bewohner des Monte Verità ihren nackten Körper noch als eine reine, offene und enttabuisierte Verbindung zur Natur, kommt nach und nach der erotische Aspekt dazu. Dies liegt zum einen an den Schaulustigen, zum anderen an Psychoanalytikern wie Otto Groß, die ihr getriebenes und triebhaftes Wesen hier ausleben. Manch amouröse Verflechtung liest sich besser als jede Soap Opera. Dennoch sind es vor allem die Frauen, die in alternativen Zentren ihren Befreiungsschlag feiern.

Fazit: 1900 ist überraschend, tragisch, komisch und lehrreich zugleich. Das Buch zeigt auf, dass der damals gesäte Samen in uns allen weiterlebt. Zahlreiche Themen sind immer noch aktuell. Beispiel: Vegetarier/Veganer werden sich nach der Lektüre bestätigt sehen, denn ihre Ernährungsweise ist ganz gewiss kein „neumodischer Quatsch“. Weitere Erkenntnis: Individualismus und Gemeinwohl können miteinander harmonieren. „Jeder werde er selbst,“ schreibt Hermann Hesse. Die Mitbegründerin des Monte Verità, Ida Hoffmann, führt den Gedanken weiter fort: „Wenn jeder seinen Wünschen und seinem Können nachgeht, hat er keinen Grund zu streiten, neidisch zu sein oder gierig zu werden.“ Wie das konkret auszusehen vermag, dafür liefert dieses Buch jede Menge gelungener, misslungener, tragischer und komischer Ansätze. La vita è bella! Oder könnte es zumindest sein.

Peter Michalzik: 1900: Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies.
DuMont Buchverlag, März 2018.
414 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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