Peter Härtling: Der Gedankenspieler

Der im Juli des vergangenen Jahres verstorbene Peter Härtling war einer der großen deutschen Schriftsteller. Neben zahlreichen Romanen, Essays und Biografien war er auch ein sehr erfolgreicher Autor von Kinderbüchern. Bei Kiepenheuer & Witsch erschien im März 2018 sein letzter Roman „Der Gedankenspieler“.

Der dreiundachtzigjährige Johannes Wenger, Architekt oder „Baumeister“ (wie er sich selbst bezeichnet), ist nach einem Sturz auf Pflege und Hilfe angewiesen. Das passt dem intellektuellen, unabhängigen Geist nicht. Er hadert mit seinem Alter und seiner Hilfsbedürftigkeit. Aber er hat einen Freund, seinen Hausarzt Dr. Mailänder, der ihn nicht nur medizinisch versorgt, sondern sich auch in seiner Freizeit um den alten Mann kümmert. Wenger müht sich mit seiner Einsamkeit, den Tücken des Alltags als Rollstuhlfahrer und den Routinen des Pflegepersonals. Er betrachtet besorgt die Entwicklung der Welt und der Menschen. Wenger fühlt sich müde, schwach und einsam. Trotz Alter und Krankheit erhält er Anfragen für Fachartikel von Zeitschriften. Die Recherchen dazu werden mühselig und anstrengend. Einmal bricht er mit einer Unterzuckerung zusammen.

Da überrascht ihn Mailänder damit, dass er seine Praxiskollegin Karola Merz heiraten will. Karola hat eine sechsjährige Tochter Katharina. Und Wenger soll Trauzeuge werden. Das Kind nennt ihn Opa Hannes. Karola und Katharina besuchen Wenger hin und wieder. Das Kind erobert mit seiner unbefangenen, ehrlichen Art sein Herz.

Sie schlagen ihm vor, die Familie mit in den Urlaub nach Travemünde zu begleiten. Wenger genießt diesen Urlaub, nur einmal betrinkt er sich hemmungslos. Seine Gesundheit verschlechtert sich. Wenger erhält eine Einladung, im Kloster Andechs einen Vortrag über den Architekten Kurt Ackermann zu halten. Der treue Mailänder begleitet ihn. Zusammen mit Katharina baut er eine Stadt, die leider kurz darauf durch einen Windstoß zerstört wird. Eine kleine Bemerkung Wengers erbost Mailänder.

Noch einmal wiederholt Wenger ein Trinkgelage. Gesundheitlich geht es weiter bergab. Wegen einer Urämie kommt er ins Krankenhaus und während sein Körper entgiftet wird, hüllt sich Wenger in „schwefelgelbe“ Träume. Von da an ist er abhängig von der regelmäßigen Dialyse und er schreibt Mailänder einen letzten Brief.

Der Protagonist aus Peter Härtlings Roman, Johannes Wenger, ist ein alter Mann, ein alter und hilfsbedürftiger Mann. Seine Art ist oft sperrig, ruppig, er kämpft um den Erhalt seiner Würde im Alter, aber gleichzeitig ist Wenger ein feiner, aufmerksamer Gesprächspartner mit leisem Humor. Er muss mühsam lernen, Unterstützung anzunehmen und Freundschaft wertzuschätzen, wie zu seinem „Chauffeur“, dem Türken Berkan, oder der Zufallsbekanntschaft, dem Arzt Kratochwil aus Prag. Wenger, der Zeit seines Lebens zu Menschen Distanz gehalten hat, muss Nähe ertragen lernen und zulassen. Er, der intellektuelle Einzelgänger mit seiner Leidenschaft für die Architektur, die Musik und die Gedankenspiele, wird ungewollt und unfreiwillig zum Familienmitglied der Familie Mailänder. Und damit hat er Glück. Wenger kann trotz aller Krankheit und Gebrechen das Leben lebenswert finden, und dazu trägt das Kind Katharina in hohem Maße bei. In Härtlings Buch treffen Generationen aufeinander.

Und dieses Miteinander erzählt Härtling so einfach wie anrührend: „Wenger kam sich albern vor, dass er sich wegen eines im unbekannten Kindes auf die Folter spannen ließ. Endlich trat es in Begleitung seiner Mutter auf – nicht schüchtern, nicht theatralisch, sondern eigentümlich ungeschützt: ein wenig schief, dünn, mit einem ebenmäßigen, wie aus einem alten Gemälde geholten Gesichtchen.“ (Kapitel 3)

Härtling lässt seine Hauptfigur Briefe denken oder in außerordentlichen Fällen auch schreiben. Briefe an wichtige Personen (wahre und fiktive), die in seinem Leben Bedeutung hatten, wie Nazim Hikmet, Karl Friedrich Schinkel, Mies van der Rohe oder Fidelio. Die Briefe sagen mehr aus über Härtlings Figur, als jede ausführliche Charakterbeschreibung es je könnte. Eine für mich als Lesende eindrückliche Form. Er schreibt auch Briefe an Mailänder und Katharina („Ein Brief für später.“), in denen man seine Dankbarkeit für die mit ihnen verbrachte Zeit und seinen Abschied vom Leben ahnt.

Peter Härtlings „Der Gedankenspieler“ macht Mut: alt und krank sein, ist schlimm, aber allein alt und krank sein, ist schlimmer.

Was hat uns Peter Härtling mit „Der Gedankenspieler“ für ein wundervolles Buch hinterlassen? Und wie wird er uns mit seiner Schreibkunst in Zukunft fehlen?

Peter Härtling: Der Gedankenspieler.
Kiepenheuer&Witsch, März 2018.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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