Paul Pen: Glühwürmchen, glüh

gluehDer Protagonist von Paul Pens „Glühwürmchen, glüh“ ist 10 Jahre alt und hat noch niemals die Sonne gesehen. Vor etwas über 10 Jahren ist seine Familie in einen Keller gezogen und hat diesen seitdem nicht verlassen. Tag für Tag lebt er auf engstem Raum mit seinen beiden volljährigen Geschwistern, einem Bruder und einer Schwester, seiner blinden Oma und seinen beiden Elternteilen. Zu Beginn des Erzählten bringt seine Schwester außerdem einen kleinen Jungen im Keller zur Welt. Tag für Tag verbringt der Protagonist damit, sich die Welt auszumalen und Bücher zu lesen, die Naturphänomene, Insekten oder Tiere im Allgemeinen beschreiben. Als ein Glühwürmchen durch einen Spalt geflattert kommt, kann er es kaum fassen und schöpft neue Hoffnung, dass da draußen doch noch mehr ist.

Paul Pens Roman bedrückt und stößt gleichmaßen innerhalb weniger Kapitel massiv ab. Die Schwester, etwa Ende 20, bekommt im Keller ein Baby und alle Familienmitglieder müssen bei der Entbindung helfen. Nun, die Familie lebt seit 10 Jahren unter der Erde im Keller, ohne Kontakt zur Außenwelt. Als Vater des Babys kommen also nur die beiden männlichen Personen im Keller in Frage. Der Junge, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, braucht für diesen Gedankengang wesentlich länger, als Leser oder Leserin hat man das natürlich schneller durchschaut. Und doch ist es faszinierend, alles aus der Sicht des 10-Jährigen zu sehen. Er fürchtet sich schrecklich vor einem Wesen, das er den Grillenmann nennt. Unregelmäßig kommt dieses Wesen mit quietschenden Knien in den Keller und sucht nach unartigen Kindern. Deshalb setzt der Junge meist alles daran, sich artig zu benehmen.

Auf Vornamen verzichtet der Autor in seinem Roman gänzlich. Alle sind nur „Schwester“, „Mutter“, „Oma“ oder „Junge“. Die Familie ist durch Lieblosigkeit geprägt und es treten viele verdeckte Konflikte auf, die man durch die Augen des Jungen nur erahnen kann. Schafft man es, über die ersten, abstoßenden Seiten hinweg zu lesen, hat „Glühwürmchen, glüh“ eine ungemeine Sogwirkung und man wird diesen Roman so schnell nicht vergessen. Er ist ein Pageturner der besonderen Art, ohne sonderlich spannend zu sein. Es nagen so viele Fragen an dieser Geschichte, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann und einfach wissen muss, was die Familie zu diesem dramatischen Bruch mit der Außenwelt bewegt hat.

Unbedingt lesen!

Paul Pen: Glühwürmchen, glüh.
AmazonCrossing, April 2016.
412 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

 

 

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Ein Kommentar zu “Paul Pen: Glühwürmchen, glüh

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