Patrick Bard: Point of View: Wenn du nicht wegschauen kannst

Lucas Leben ist vollständig durcheinander. Er kann nicht mehr schlafen, seine Schulnoten sind unterirdisch, und er verliert völlig den Kontakt zu seinen Freunden. In seinem Kopf sind ständig diese Bilder und Szenen.

„Das Problem ist: Nur die Flucht in die Pornowelt lässt ihn zur Ruhe kommen. Dabei kann er loslassen und alles vergessen.“ (S. 88, 89)

Irgendwann erkennen auch seine Lehrer und Eltern, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Lange glauben sie, Strenge und Gespräche könnten helfen. Natürlich weiß Lucas aus eigener Erfahrung, dass das Aufhören nicht so einfach ist. Wie kann man mit etwas aufhören, das seine Gedanken vollständig beherrscht.

An dem Tag, an dem seine Eltern mit ihm eine neue Maßnahme ausprobieren wollen, trifft Lucas selbst eine Entscheidung, die drastisch und folgenreich wird.

„Er hatte sich von uns zurückgezogen“, wird die einzige vernünftige Antwort sein, die der Richter von Lucas Eltern herausbekommen wird, um zu erklären, warum Lucas […] auf der […] A11 […] bei 110 Stundenkilometern […] die hintere Autotür geöffnet hat und […] gesprungen ist.“ (S. 108)

Patrick Bards Romane wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Autor, Reiseschriftsteller und Fotojournalist aus Frankreich bearbeitet meistens die Themen Grenzen und Frauenfragen. Sein aktueller Jugendroman widmet sich dem Tabu der Internetpornosucht bei Jugendlichen. Diese baut auf den schon seit einer Weile gängigen Begriff der Generation Porno auf. Allein die Annahme, es gäbe nur eine ganz normale Neugier auf Sexualität, wenn Kinder und Jugendliche bereits vor der ersten Liebe und dem ersten Kuss Pornos sehen, verharmlost das Betrachten von nicht jugendfreien Bildern und Filmen.

In einer sehr nüchternen Sprache erzählt der Autor, was passieren kann, wenn aus der Neugier ein Drang nach mehr entsteht, und dieser Drang nach verbotenen Reizen immer stärker und stärker wird.

Der häufige Blick in die Welt des Pornos gaukelt eine Sexualität vor, in der angeblich jeder der Beteiligten voller Freude und aus eigenem Antrieb seine Geschlechtsteile der Kamera präsentiert. Was geschieht in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen, wenn das Fehlen von Scham Freiräume für alle Arten von Sexualpraktiken geschaffen hat, wenn Mädchen und Frauen angeblich stets Sex wollen und nie ein Nein sagen und wenn die unterschiedlichsten Formen der Gewalt scheinbar gewollt sind?

Ein Verständnis für die Gefühle und Würde eines Menschen geraten bei der Darstellung von Sexualpraktiken schnell in den Hintergrund, wenn die Einnahmen und Klickzahlen wichtiger sind. Dies alles hat Lucas begriffen, und trotzdem kann er seinem Drang, Pornos anzuschauen nicht widerstehen. Es gibt bei ihm Momente, in denen er begreift, einem Zwang zu folgen. Er kann jedoch mit der Erkenntnis weder umgehen, noch den Zwang aus eigener Kraft beenden. Schon lange hat er den Überblick verloren, genauso, wie er sich verloren hat. Als ein IT-Fachmann seinen von Viren verseuchten Computer aufräumt, erfährt Lucas‘ Vater, dass sein Sohn in der Nacht durchschnittlich 140 Pornos ansieht mit der Tendenz zu immer gewalttätigeren Filmen. Und trotzdem bleibt eine Hilflosigkeit in der Familie, mit Lucas‘ unkontrollierbaren Veränderungen umzugehen.

Patrick Bard gelingt ein glaubwürdiger und packender Einblick in die Welt des süchtigen Lucas, bei dem stellvertretend die Tragweite deutlich wird. Der Autor gibt ebenfalls einen kleinen Einblick in die Situation der Opfer vor der Linse und wie Pornos das Verständnis von Sexualität bei Kindern und Jugendlichen manipuliert. Einige Beispiele zeigen Kinder und Jugendliche, die ihre eigene Sexualität in dem Glauben ausleben, der Umgang zwischen den Geschlechtern müsse wie in den Pornofilmen verlaufen. Aus Fake ist eine neue und zugleich traurige Wahrheit geworden, die ernüchtern, erschrecken und auch mögliche Ungereimtheiten im eigenen Umfeld zu erklären vermag.

Die Übersetzung aus dem Französischen schrieben Ann Lecker und Bettina Arlt.

Patrick Bard: Point of View: Wenn du nicht wegschauen kannst.
Aus dem Französischen übersetzt von Ann Lecker & Bettina Arlt.
Loewe, August 2022.
224 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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