Pajtim Statovci: Grenzgänge

Manche Bücher eröffnen neue Welten. „Grenzgänge“ von Pajtim Statovci ist eines davon. Der Roman erzählt die Geschichte von Bujar, der ein Junge ist, aber ein Mädchen sein möchte. Erzählt von Flucht und der Suche nach Wertschätzung und nach Liebe.

Bujar wächst in Albanien auf, beim Sturz der letzten kommunistischen Regierung ist er vierzehn Jahre alt. Kindheit und Jugend sind geprägt von den Geschichten, die der Vater erzählt – von Helden und Gleichnissen, von Skanderbeg und dem Adler und vom Stolz darauf, ein Albaner zu sein.

Im Frühling 1991 stirbt sein Vater, seine Schwester verschwindet und die Mutter versinkt in Trauer.  Bujar verlässt mit seinem Freund Agim sein Elternhaus. Im Sommer 1992 kaufen sie sich ein kleines Motorboot und wagen die Überfahrt nach Italien.

Bujar verbringt mehrere Jahre in Rom, wo er seine Träume von einem erfolgreichen Leben schwinden sieht. Er ertrinkt fast in dem Gefühl, unbedeutend zu sein, wagt schließlich nach einem misslungenen Selbstmordversuch einen neuen Anfang. Die Suche nach dem neuen Leben führt ihn nach Berlin, Madrid, New York und schließlich nach Helsinki. Er gibt sich mal als Mann, oft als Frau, erfindet seine Lebensgeschichte immer wieder anders. Familie, Kindheit, Herkunft in immer neuen Varianten. Seine wahre Herkunft verrät er nicht. Er erlebt Ausgrenzung im doppelten Sinne – als Flüchtling und als Transsexueller. Jeder Ort auf seiner Reise steht für eine Beziehung, keine davon hält lange. In Madrid zieht er bei Rosa ein, die schon von Heirat träumt, bis sie ihn in Frauenkleidern antrifft. In Berlin lebt er als Frau und trifft bei einem Kurs für kreatives Schreiben auf Anton, welcher ihn zu sich einlädt, etwas später seinen Irrtum erkennt und seinen Frust mit Schlägen Luft macht. In New York wohnt er bei Maria, in Helsinki liebt er Tanja, die eigentlich ein Mann ist, sich aber wie er als Mädchen fühlt. Dazwischen immer wieder Agim, sein Jugendfreund. Seine erste Liebe. So als müsste sich jede neue Beziehung daran messen.

Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern wechselt ständig zwischen den Kindheits- und Jugenderinnerungen in Albanien und der Zeit nach der Überfahrt nach Italien. Sie kreist um den einen großen Schmerz, um die schlimmste Erinnerung, die sich nicht aussprechen lässt, sich nur in einem Gleichnis und erst ganz am Ende andeuten lässt.

Der finnisch-kosovarische Autor Pajtim Statovci zeichnet seinen Helden in kraftvollen Bildern. Der Text schafft gleichzeitig Nähe und Distanz. Nähe, weil Bujar mich an seinen Gedanken teilhaben lässt. Ich werde zum heimlichen Mitwisser, weil ich als Leser einordnen kann, welche Teile seiner Lebenserzählung wahr und welche erfunden sind. Im Präsens geschrieben, vermittelt die Geschichte zudem das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein. Distanz, weil  Bujar eher beiläufig erzählt, als würde er aus einiger Entfernung ein Leben betrachten.

Statovci hat einen sympathischen Helden geschaffen, dessen Welt mir fremd ist und dessen Lebensträume mir vertraut sind. Ich entdecke eine neue Perspektive, eine neue Sicht auf die Dinge. Eine weitere Seite im Buch unserer Geschichte. Mein Fazit: Unbedingt lesenswert.

Pajtim Statovci: Grenzgänge.
Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster.
Luchterhand Literaturverlag, August 2021.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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