Eva Siegmund: H.O.M.E. – Das Erwachen

Zoë ist 17 Jahre alt und die begabte Schülerin einer Eliteakademie, die junge Menschen auf einen Einsatz im Ungewissen vorbereitet. Sie ist sogar die Kommandantin ihrer Gruppe und liebt niemanden mehr als ihren Leutnant Jonah. Dann allerdings wird Zoë plötzlich im Krankenhaus wach. Das Erstaunen der Menschen um sie herum ist groß, denn Zoë habe 12 Jahre lang im Koma gelegen und sei nun zurück im Leben. Zoë ist verwirrt und weiß nicht recht, was sie glauben soll. Hat sie sich die H.O.M.E.-Akademie wirklich nur eingebildet? Schon bald stehen Menschen vor ihrem Bett, die sich als Vater, Mutter und Bruder entpuppen. Nur vage kann sich Zoë an den jungen Mann erinnern, die anderen Personen scheinen völlig fremd. Was wird hier gespielt? Je mehr Zoë wieder am Leben der anderen teilnimmt, desto größer werden ihre Fragen.

Schnell muss Zoë feststellen, dass sich das Leben in Deutschland, genauer Berlin, sehr verändert hat. Etwa zu dem Zeitpunkt als Zoë ins Koma fiel, wurde das Wasser knapp. Weiterlesen

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Die achtzehnjährige Annie Duchesne kann es kaum erwarten, ihrem behüteten Elternhaus zu entfliehen, um in ihren Ferien als Betreuerin in einer Ferienkolonie zu arbeiten. Zuvor hat Annie ihr Dorf nie verlassen. Ihre Eltern, die einen Krämerladen führen, verwöhnten ihr einziges Kind, das zu Hause nie etwas arbeiten musste, stets. Im Gegenzug fehlt dem Mädchen der Blick über den Tellerrand in das Leben, wie es um sie herum stattfindet und in andere Milieus hinein. Sie kann nicht mit einem Telefon umgehen, hat noch nie geduscht oder gebadet, weil in ihrem bäuerlich-katholisch geprägten Zuhause einfach andere Gepflogenheiten und Gegebenheiten üblich sind. Alles, was sie über die Welt weiß, hat sie sich aus Büchern angelesen. Überhaupt ist Annie ein überdurchschnittlich intelligentes Mädchen, das sich von ihrer einfachen Familie abhebt. Nun aber will sie endlich einen Jungen kennenlernen und sich verlieben. – Genau dies passiert dann auch.

Zumindest redet Annie sich geradezu obsessiv ein, in den jungen Lehrer H. verliebt zu sein. Tatsächlich aber findet H. in Annie lediglich ein gefügiges Opfer seiner sexuellen Bedürfnisse.  Annie, die bislang keine Kontakte zu Jungen hatte, unterwirft sich in ihrer Unerfahrenheit H., der sie nur benutzt, wodurch sie sich zum Gespött der anderen macht. Weiterlesen

Francesco Vidotto: Der Klang eines ganzen Lebens

Fabro wird Anfang November 1925 in einem Bergdorf in den Dolomiten geboren. Die Welt dort oben ist unwirtlich. „In jenem Herbst war es so kalt, dass die Betten hart waren wie Holz.“ Deshalb verlegt die Großmutter die Geburt kurzerhand in den Kuhstall, wo es zwischen den Kühen Mosca, Dama, Nobila und America warm und fast schon gemütlich ist.

Die Geborgenheit in der Familie prägt Fabros Leben. Der Vater ist Hufschmied und „ein guter Mensch“, der niemandem etwas abschlagen kann. Von der Schule hält er allerdings nicht viel: „Er sagte, dass man Bücher nicht essen kann und dass es besser ist, dumm zu leben, als gescheit zu sterben.“ Aber weil er seine Frau liebt und sie keinen größeren Wunsch hat, als dass ihr Sohn lesen und schreiben lernt, gibt er schließlich nach.

Fabro ist kein guter Schüler, aber mit Hilfe seiner Freundin Rina, schafft er den Abschluss nach der fünften Klasse und beginnt danach, seinem Vater in der Werkstatt zur Hand zu gehen, denn das Geld ist knapp. Als Rina heiratet, trifft ihn das hart. Doch sie war schon lange einem anderen Mann versprochen, da ist nichts zu machen und über seine Emotionen zu sprechen fällt ihm nicht leicht. Weiterlesen

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat

Als Zoli ein kleiner Junge war, fiel er bei einer Fahrt mit dem Vater vom Motorrad. Irgendwann bemerkte dieser den Verlust des Sohnes. Es verging weitere kostbare Zeit, bis er ihn im Straßengraben liegend wiederfand. Noch immer nahm der Vater die Situation nicht ernst. Erst als Passanten ihn von der Schwere der Kopfverletzung überzeugen konnten, bekam Zoli ärztliche Hilfe.

Zoli ist nun anders als die Nachbarjungen. Er stottert, ihm fließt der Rotz aus der Nase und seine Ordnung der Dinge folgt der Natur, den Jahreszeiten. Was er liebt, schätzen seine Eltern gering. Er soll ein richtiger Mann werden, einer der saufen kann, sich für Frauen interessiert und vor allen Dingen die Eltern aus der Armut rettet.

Aber Zoli funktioniert anders. Zoli ist Zoli. Sein Garten, die Blumen und sein Hund Tango stehen im Mittelpunkt seines Lebens. Auch seine Freundin Anna aus Kindheitstagen, die er Hanna nennt. Weiterlesen

Edgar Cantero: Mörderische Renovierung

A. ist mehr als erstaunt, als er von einem ihm unbekannten entfernten Verwandten in den USA dessen Anwesen und sein reich gefülltes Bankkonto erbt. Zusammen mit seiner stummen Freundin Niamh macht er sich auf nach Virginia, um sein Erbe in Besitz zu nehmen. Ihn erwartet nichts weniger, als ein hoch-herrschaftliches Anwesen im bekannten Südstaaten-Stil.

Das Axton House, wie seine neue Wohnstatt heißt, hat einen Ruf – einen gewissen berüchtigten Ruf bei Nachbarn und Ortsansässigen. Die Axtons, die das Haus einst bauen ließen waren als mitleidlose Sklavenhalter bekannt, A.s entfernter Cousin und sein Vater galten als etwas merkwürdige, aber höflich zurückhaltende Sonderlinge. Dass beide sich gerade jeweils 50-jährig mittels einem Sturz aus einem der Fenster der Hauses das Leben nahmen, mag tragisch klingen, stört A. zunächst aber nicht wirklich. Immerhin hat der Suizid ihn zu einen begüterten Mann gemacht.

Im verwinkelten Innen des Herrschaftssitzes finden die beiden neuen Bewohner nicht nur jede Menge Bibliotheken, sondern sie stoßen auch auf Hinweise, dass der Verstorbene, wie vor ihm sein Vater, einer Geheimgesellschaft angehörte. Zur Wintersonnenwende trafen sich deren Mitglieder im Haus, um dort vermeintliche dunkle Riten zu zelebrieren. Weiterlesen

Melissa Albert: Hazel Wood: Wo alles beginnt

Alice ist 17 Jahre alt, als sie und ihre Mutter die Nachricht erhalten, dass ihre Großmutter Althea Proserpine, eine bekannte Märchenerzählerin, gestorben ist. Dabei hat Alice sie niemals kennengelernt! Mit ihrer Mutter zieht sie seit vielen Jahren von einem Ort in den USA an den anderen. Nirgendwo bleiben sie viel länger als ein halbes Jahr. Und doch folgt ihnen stets das Unglück, seltsame Dinge geschehen und Alice wird misstrauisch. Als ihre Mutter dann gänzlich verschwindet, muss Alice handeln. Sie nimmt sich ihren Mitschüler Finch zur Seite, der ein großer Verehrer Altheas ist, und bricht zu ihren Wurzeln auf: Sie will Hazel Wood, das Anwesen, auf dem ihre Großmutter lebte, suchen.

Melissa Albert hat einen magischen Roman über Märchen geschrieben, der eine in sich geschlossene Geschichte anbietet. Das Ende gibt Raum für Fortsetzungen, diese sind aber nicht nötig und aktuell auch nicht geplant. Man taucht ein in das Amerika der Gegenwart und lernt einen älteren Teenager kennen, der wurzellos durchs Land zieht. Alice folgt ihrer Mutter und hat außer ihr eigentlich kaum Vertraute. In einer Schulklasse war sie nie lang genug, um ernsthaft Freunde zu finden. Zudem kämpft sie mit ihrer eigenen Wut und inneren Zerrissenheit. Ihre Mutter ist eine wichtige Stütze und hilft ihr bei Wutausbrüchen und Unsicherheiten. Weiterlesen

Alma Katsu: The Hunger – Die letzte Reise

Springfield, Illinois im Jahr 1846: Die „Donner Party“ eine Gruppe von Familien mit Kindern, die von dem Donner-Clan angeführt wird, macht sich auf den Weg nach Kalifornien. Alle sind sich im Klaren, dass die Reise keine leichte sein wird. Doch so beschwerlich, wie sie sich dann herausstellt, hat sie sich niemand vorgestellt. Schon bald wird ein Junge des Trecks unweit des Lagers tot aufgefunden. Er ist seltsam verstümmelt, die Wunden sind aber keinem Tier, das die Anwesenden kennen, zuzuordnen. Schon bald werden Männer entsandt, die das Monster stellen sollen. Unterdessen bewegt sich die Menschengruppe immer weiter auf einen Gebirgspass zu, der als besonders gefährlich gilt.

Alman Katsus Roman, der eine Mischung aus historischer Geschichte und Thriller bietet, ist von der ersten Seite an sehr atmosphärisch dicht geschrieben. Die Donner Party hat es wirklich gegeben. Sie wanderte die im Roman beschriebene Strecke nach Westen mit 87 Personen, 34 von ihnen überlebten die Reise nicht, da die Gruppe in den Bergen vom Winter überrascht wurde. Es ist überliefert, dass es zu kannibalistischen Handlungen kam. Ein Monster findet sich in den Aufzeichnungen der Siedler nicht – aber wer sagt, dass es dieses nicht doch gegeben hat? Auf dieser Frage baut Alma Katsu ihre Geschichte auf. Weiterlesen

Corinna Mell: Marienfelde

Im Frühling 1952 im Westen Berlins: Der Schulabschluss von Sonja und ihren Klassenkameradinnen steht kurz bevor. Die Mädchen und jungen Frauen schmieden Pläne für die Zeit nach der Mittleren Reife. Sonja möchte auf die kaufmännische Schule gehen, um dort Maschinenschreiben, Stenografie, Rechnungswesen und Buchhaltung zu lernen, damit sie die Eltern im Büro ihres Fahrdienstes unterstützen kann. Sie steht mit beiden Beinen im Leben und hilft auch ab und zu in der Werkstatt mit – ein Ölwechsel ist kein Problem für sie. Doch dann bekommt ihr Vater ein Angebot, das er kaum ablehnen kann. VW ermöglicht ihm, ein Autohaus zu eröffnen und unterstützt ihn finanziell. Allerdings hat die Sache einen Haken für Sonja. „Die Firma VW bietet dir eine einmalige Gelegenheit für deine unmittelbare Zukunft“, eröffnet ihr der Vater. Die Firma bezahlt ihr ein „privates Institut, erstklassig geführt“. Eine Hauswirtschaftsschule, eine Bräuteschule, in der junge Frauen auf ihre Hausfrauenrolle vorbereitet werden. Sonja ist entsetzt und wütend. So hat sie sich das nicht vorgestellt, aber eine Absage würde den Vater bei VW in ein schlechtes Licht rücken und so fügt sie sich schließlich mit dem Gedanken, dass die kaufmännischen Kurse dadurch ja nur aufgeschoben werden.

Schnell findet sie sich im Institut in die Gemeinschaft ein, lernt die anderen Mädchen kennen und viele davon schätzen. Auch ein paar Herrenbekanntschaften sind dabei: der „Schöne Walter“, der die Lebensmittel für die Küche bringt, geht ihr nicht aus dem Kopf Weiterlesen

A. L. Kennedy: Süßer Ernst

Die schottische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy (Jahrgang 1965) lebt aktuell in der Nähe der britischen Hauptstadt und hat mit „Süßer Ernst“ einen Roman über zwei Menschen in London geschrieben. Das Buch ist am 5. November 2018 in einer Übersetzung von Ingo Herzke und Susanne Höbel im Carl Hanser Verlag erschienen.

In „Süßer Ernst“ beschreibt A. L. Kennedy das Leben von Jon und Meg während eines Tages im Frühjahr des Jahres 2015. Jon ist Ende fünfzig und Regierungsbeamter, geschieden mit einer erwachsenen Tochter. Meg ist  Mitte vierzig und eine trockene Alkoholikerin, die einmal Buchhalterin war und jetzt in einem Tierheim arbeitet. Die Geschichte beginnt um 6:42 Uhr in der Früh damit, dass Jon in der Wohnung seiner Ex-Frau die Blumen gießt und dabei einen kleinen Vogel aus einem Netz befreit, in dem er sich verfangen hatte. Dabei kackt ihm der Vogel aus Angst auf die Hose, und Jon kotzt zum ersten, jedoch nicht zum letzten Mal an diesem Tag. Meg spaziert auf den Telegraph Hill, um den Sonnenaufgang zu sehen. Sie feiert ihren ersten Geburtstag. Seit einem Jahr hat sie keinen Alkohol getrunken.

Kennedy erzählt im Folgenden abwechselnd aus Jons und Megs Perspektive mit vielen inneren Monologen. Eingeleitet werden die Kapitel, die jeweils eine Uhrzeit als Überschrift tragen, durch kurze Miniaturen, in denen Stadtszenen beschrieben werden. Irgendwann am Ende der vierundzwanzig Stunden und nach mehreren Verzögerungen werden Jon und Meg sich treffen. Weiterlesen

Sabine Bode: Das Mädchen im Strom

Sie ist groß, schön und selbstbewusst: Gudrun Samuel zieht im Mainzer Strandbad alle Blicke auf sich, wenn sie als 13-Jährige selbstbewusst raucht und oder fahrende Sattelschlepper erklimmt. Der Buchtitel ist hierbei genial gewählt. Beginnt er noch verspielt in den Fluten des Rheins, wird Gudrun schon bald vom Strom des Lebens hinfort gerissen. Auf der Flucht durch das NS-Regime muss die Jüdin um den halben Erdball ziehen, erfährt Armut, Vertreibung und Heimatlosigkeit am eigenen Leib. Mit diesem Buch ist Sabine Bode ein beeindruckendes Portrait einer starken Frau gelungen, die trotz aller Rückschläge das Prinzip Hoffnung lebt, Neubeginn und Versöhnung miteingeschlossen. Der Roman basiert zum Großteil auf der realen Biografie von Gertrude Meyer-Jörgenson, geborene Salomon, die von der Autorin 2011 interviewt wurde. Ein Buch aktueller denn je! Denn es macht den Schrecken begreifbar, dem heute noch Millionen von Menschen weltweit ausgesetzt sind.

Als Tochter eines Schuhgroßhändlers in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, endet Gudruns unbeschwerte Jugend schon bald. Zum Beispiel als ihre Jugendliebe zu dem deutschen Martin plötzlich als „Rassenschande“ gilt. Aus dem eigenen Zuhause vertrieben, im Gefängnis der Gestapo monatelang verhört, begibt sich Gudrun auf die schwierige Flucht über Russland in das Judenghetto von Shanghai. Weiterlesen