Angelika Waldis: Ich komme mit

Einsam geworden ist es in Vitas Wohnung in der Torstraße 6. Erst ist ihr Sohn ausgezogen, dann ihr Mann verstorben. Nun ist Vita Maier 72 und hat sehr viel Zeit. Immer wieder läuft sie ihrem Nachbarn Lazar, genannt Lazy, über den Weg. Er ist das krasse Gegenteil von Vita: Zwanzig Jahre alt, Student – nur Zeit, Zeit hat er keine. Denn Lazy leidet an einer schweren Krankheit und Zeit bleibt nicht mehr viel, bis die Chemo endlich anschlagen muss. Vita nimmt sich seiner an, lädt ihn erst zum Frühstück, dann zum Mitwohnen ein. Und aus den beiden ungleichen Menschen wird ein Team, das nur allzu oft über das Leben philosophiert.

„Ich komme mit“ sprüht vor Wortgewaltigkeit, vor Tiefe zwischen den Zeilen. Lazy und Vita entwickeln mit der Zeit ein Ritual, in dem sie über das Leben philosophieren. Einer sagt ein Zitat über das Leben, der andere antwortet:

„‚Warum sagst du nichts?‘, ruft Maier vom Sofa aus.

‚Leben ist Wärme im Hundeohr‘, sag ich.

Maier scheint zu überlegen.

‚Leben ist Melodie erkennen im Summen des Kühlschranks‘, sagt sie dann.“ (Zitat Kapitel 9) Weiterlesen

Maxim Biller: Sechs Koffer

Der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller (Jahrgang 1960) steht mit seinem neuesten Buch „Sechs Koffer“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. Der Roman ist am 8. August 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Darin erzählt Maxim Biller die Geschichte einer jüdisch-russischen Familie, die Ähnlichkeiten mit seiner eigenen Familiengeschichte aufweist. Der Ich-Erzähler ist der junge Sohn der Familie, der in den Geheimnissen, Gerüchten und Geschichten um den Tod des Großvaters Schmil Biller, des „Taten“, stöbert. Dabei hat jede und jeder in der Familie ihre bzw. seine eigene Version darüber, wie es 1960 zur Hinrichtung des Großvaters durch den KGB kam.

Der Roman beginnt 1965 in Prag. Die Eltern des Erzählers, Semjon (Sjoma) und Rada, sind aus Moskau nach Prag geflüchtet. Sjoma arbeitet als Übersetzer, Rada in einem Institut. Der Bruder von Sjoma, Dima, wird aus dem Gefängnis entlassen. Dima wird von der Familie für den Verrat und den Tod des Großvaters verantwortlich gemacht. Aber war er es wirklich? Oder war es vielleicht Dimas schöne Ehefrau, Natalia Gelernter? Natalia dreht Filme („Hanka Zweigová 1967“) und war einst die Geliebte von Sjoma. Später bringt sie sich in Genf um. Weiterlesen

Gesa Schwartz: Emily Bones 01: Die Stadt der Geister

Mit dreizehn, da hat man noch Träume. Auch die zusammen mit ihrer kleinen Schwester in Paris lebende Emily hat ganz viele Träume. Träume von ihrer früh verstorbenen Mutter, Träume von ihrem, bei einem Unfall getöteten Vater und Träume, wie man sie als junges Mädchen eben so hat. Zusammen mit ihrer besten Freundin denkt sie sich Geschichten aus, spielen die Beiden sich mehr oder minder harmlose Streiche. An Halloween dreht ihre kleine Schwester ihr extra jede Menge wilder Locken, bevor sie auf Tour geht. Danach verliert sich ihre Erinnerung. Als sie wieder zu sich kommt, findet sie sich in einer Kiste wieder. Da hat ihr ihre Freundin, deren Vater Bestatter ist, wohl wieder einen Streich gespielt. Als sie sich aus dem Grab befreit, ist dann aber doch alles anders, als gedacht. Nichts mit Streich, nichts mit lustig Halloween – Emily ist tot, so wie in auf ewig gegangen, nichts mehr mit Schule, Party oder sich um die kleine Schwester kümmern.

Erst rennt sie in ein wandelndes Skelett, dann macht sie die Bekanntschaft eines Irrwichts und anschließend – sie ist das erste Mal in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen – kümmert sich ein Zombie als Sanitäter um sie. Der Friedhof Père Lachaise ist ihre neue Heimat, die Gesetze dort sind streng, die Toten ebenso skurril, wie die Strafen, die drakonisch ausfallen – schließlich gibt es auch im Reich der Geister Gesetze, die zu beachten sind. Weiterlesen

Anita Brookner: Ein Start ins Leben

Mit 40 Jahren sitzt Dr. Ruth Weiss an ihrem Schreibtisch, lässt ihr Leben an sich vorüberziehen und fragt sich, was sie zu dem gemacht hat, was sie ist.

Zuallererst gibt sie den Büchern die Schuld, dass sie und ihr Leben so verkorkst sind, dass sie trotz ihrer unbestrittenen Vorzüge, meist ein zurückgezogenes, eigenbrötlerisches Leben führt. Als Literaturwissenschaftlerin haben es ihr besonders die Frauen bei Balzac angetan, bei ihnen sucht sie Halt und Antworten, aber auch andere Geschichten und Romane haben sie schon von frühester Kindheit an geprägt. Doch plötzlich wird ihr klar: Die moralische Erziehung, die sie durch die Literatur genossen hat, ist für den modernen Alltag einfach nicht tauglich.

Und darüber hinaus war niemand in ihrer Verwandtschaft geeignet, ihr einen Weg zu zeigen, wie sie zu einer selbstbewussten, emotional stabilen Frau werden konnte. Einzig das Verhalten der preußisch strengen, den Haushalt dominierenden Großmutter konnte bis zu deren Tod als Richtschnur dienen, die allerdings deutlich überholt war und aus der Zeit fiel. Mit einer im Theater, im Film und zuhause schauspielernden Mutter, die nie erwachsenen geworden war und mit der es nach dem unfreiwilligen Ende ihrer Karriere steil bergab ging und einem Vater, der nur zu gern mitspielte, die Mutter vergötterte, sich aber ab und zu auch seine kleinen Fluchten ohne sie nahm, war Ruth Weiss schon als Jugendliche der Spielball widerstreitender Interessen und trotzdem die einzige in ihrer Familie, die sich erwachsen benahm. Weiterlesen

Volker Klüpfel & Michael Kobr: Kluftinger

Kommissar Kluftinger löst seinen 10. Fall. Diesmal sieht es ganz so aus, als wäre er selbst das Opfer. Ein Grab mit seinem Namen und eine Todesanzeige deuten stark darauf hin, dass jemand es auf Kluftinger selbst abgesehen hat. Weitere Drohungen bestätigen das und der Kommissar macht sich auf die Suche, die ihn in seine eigene Vergangenheit führt.

Das ist definitiv eine interessante Idee, die sich deutlich vom Handlungsverlauf der bisher erschienen Bände abhebt. Genau das war wohl auch der Gedanke des Autorenduos Klüpfel und Kober, die zum Jubiläum des 10. Bandes etwas Besonderes bieten wollten. Das ist ihnen sicherlich gelungen. Ob es freilich den eingefleischten Klufti-Fans zusagt, erscheint mir fraglich. Während der etwas kauzige Kommissar sich bisher in relativ klar strukturierten Kriminalfällen auf die Jagd nach Verbrechern begab und diese dann auch regelmäßig zur Strecke brachte, sieht es im neuen Roman anders aus. Hier wird die Handlung von zahlreichen Rückblenden unterbrochen und es gibt ein offenes Ende. Man lernt dabei Kluftinger (und sogar seinen Vornamen) zwar näher kennen, dem Erzählfluss tut das allerdings nicht gut und schmälert insgesamt das Lesevergnügen. Weiterlesen

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin

Mel liebt Bienen und findet es furchtbar, dass die Menschen in den USA dem zunehmenden Bienensterben so gleichgültig begegnen. Glauben die denn wirklich, dass kleine Roboter jemals die Aufgabe der Bienen übernehmen können? Im Garten des Wohnhauses, das sie sich mit vier anderen Menschen teilt, hat Mel selbst einen Bienenstock und fühlt sich mit den Bienen verbunden. Als sie allerdings eines Tages am Bienenstock eine seltsam nachtschwarze Biene findet, die sich als hochtechnische Drohne entpuppt, ist Mel in hoher Aufruhr. Versucht jemand systematisch die Bienenvölker auszurotten?

Claudia Praxmayer ist ein fantastischer Öko-Thriller gelungen, der auch noch junge Leser und Leserinnen anspricht – anders kann man es nicht sagen! „Bienenkönigin“ ist ein ganz tolles Buch für Jugendliche ab 15 Jahren und alle, die sich dafür interessieren. Die Themen rund um das Bienensterben und seinen Effekt sind altersgerecht und spannend aufgearbeitet. Wie im Flug lernt man in diesem Roman eine Menge und wird dabei auch noch bestens unterhalten. Weiterlesen

June Perry: White Maze 01: Du bist längst mittendrin

Viv ist ein It-Girl, das mit der modernen Technik aufgewachsen ist. Ihre Mutter ist Entwicklerin bei einem großen Spiele-Konzern und Linsen, die VR übertragen und das Handy ersetzen, sind schon lange Standard. Der neuesten Clou, kurz vor der Markteinführung, sind Linsen, die nicht nur Bilder übertragen, sondern dem Gehirn des Trägers das gesamte Programm vorspiegeln, also inklusive Gerüchen, haptischen Einwirkungen usw. Da stirbt Vivs Mutter Sofia, offiziell an einem Herzinfarkt. Aber so alt war sie doch noch gar nicht.

Kurz vor ihrem Tod hat sie Viv zuerst die neuen Linsen zum ausprobieren gegeben und dann mehr als hysterisch wieder weggenommen. Stimmt etwa etwas nicht mit den Linsen? Viv macht sich auf die Suche nach Antworten.

Zunächst mal ein Wort zum äußeren des Buches. Das Cover ist noch mal umhüllt von weißer, milchiger Folie, umgeklappt wie ein Schutzumschlag. In Hinsicht auf den Inhalt des Buche ist das ziemlich genial: das wahre Bild wird verschleiert. Weiterlesen

Nina Laurin: Escape – Wenn die Angst dich einholt

Dreizehn Jahre ist es her, dass Ella als 10-jähriges Mädchen einfach verschwand und das erstmal niemand über Wochen merkte. Erst als ihre Mutter ins Gefängnis kam, fiel das Fehlen des kleinen Mädchens auf. Drei Jahre später kann sie ihrem Entführer entkommen, bei der polizeilichen Vernehmung allerdings fast nichts über ihn zur Aussage geben. Doch etwas hat ihr ihr Vergewaltiger und Peiniger mitgegeben: Ella ist schwanger.

Mittlerweile ist Ella 23 Jahre alt, hat das Baby gleich nach der Geburt zur geschlossenen Adoption freigegeben und schlägt sich irgendwie so durchs Leben. Sie ist von Tabletten abhängig und hat mehrere Jobs, um sich über Wasser zu halten. Als sie eine Vermisstenanzeige in die Hände bekommt, glaubt sie schnell, dass ihr damaliger Peiniger wieder zugeschlagen haben könnte. Die 10-jährige Olivia passt genau in das Beuteschema ihres größten Albtraums.

Wer bei Nina Laurins Roman einen Thriller erwartet, bei dem man atemlos Seite um Seite liest und mitbangt, der wird zweifellos enttäuscht sein. So ein Buch ist „Escape – Wenn die Angst dich einholt“ nicht. Es arbeitet eher auf psychologischer Ebener, befasst sich mit Ella, die mittlerweile Laine heißt, und ihrer inneren Zerrissenheit, als sie auch noch entdeckt, dass Weiterlesen

Frank Vorpahl: Der Welterkunder

Auch wenn angesichts seiner Leistung und Bedeutung der deutsche Weltreisende, Ethnologe und Aufklärer Georg Forster heute immer noch zu wenig bekannt ist, gibt es doch bereits einige hochinteressante Bücher und Biografien über ihn, so dass man durchaus kritisch die Darstellung Frank Vorpahls erwarten durfte, zumal ihre Veröffentlichung mehrmals verschoben worden war.

Vorpahl, Jahrgang 1963, Redakteur von „aspekte“ beim ZDF, darf hierbei durchaus als Forster-Kenner gelten. Nicht nur dass er bereits mehrere Filmbeiträge über den großen Vergessenen drehte, er sorgte u.a. auch für eine großartige neue Ausgabe der „Reise um die Welt“ (Folioband der Anderen Bibliothek), jenes weltberühmten Reiseberichts, mit denen sich Forster unsterblich gemacht hatte. 1772 durften sein Vater und er (im Alter von 17 Jahren) den großen Captain Cook auf dessen zweiter Südsee-Expedition begleiten. Seine Zeichnungen sind bis heute von wissenschaftlicher Bedeutung, sein Reisebericht Weltliteratur.

Frank Vorpahl macht sich nun also auf die Suche, reist Forster nach, entdeckt nicht nur Neues in Archiven und treibt verloren geglaubte Fundstücke auf. Er spürt Forster nach, um diesen immer besser kennenzulernen. Weiterlesen

David Eddings: Belgariad 01: Die Gefährten

Es war die – erste – goldene Ära der Fantasy. Die Rede ist von den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Taschenbuchverlage entdeckten die Fantasy als neues Marktsegment, Reihen wurden gestartet, Serien verlegt. Was bei Heyne mit Howards „Conan“ und Normans „Gor“ seinen Anfang nahm, bei Goldman mit Feists „Midkemia“ die Bestsellerlisten erklomm, bei Pabel in der Terra Fantasy Reihe ihren Niederschlag fand und bei Bastei mit Piers Anthonys „Xanth“ überzeugte, das führte auch die Knaur Fantasy-Edition an: Serien mit einem zumeist jungen, entwicklungsfähigem Helden nebst bunt gemischter Unterstützertruppe inklusive Zauberer der sich aufmacht, seine Queste um die Rettung der Welt zu vollziehen.

In dieses Schema passten, zumindest auf den ersten Blick, die jeweils fünf-bändigen Zyklen des Ehepaars Eddings. Auch wenn nur David als Verfasser auf dem Titel steht, wurden die Werke, wie David später in einem Interview verriet, jeweils von Beiden zusammen geschrieben. Warum nur auf den ersten Blick fragen sie jetzt? Nun, anders als ihre Kollegen gingen die Eddings nicht ganz so bierernst an ihre Plots heran. Zwar steht auch hier ein epischer Konflikt zwischen zwei Göttern im Hintergrund, Wächter eines gefangen gesetzten, schlafenden Gottes greifen ein, doch statt uns Drama pur, Schlachtengetöse oder epische Herrschergeschlechter zu offerieren, verhalten sich ihre Protagonisten zutiefst menschlich. Weiterlesen