Joy Fielding: Solange Du atmest

Robin glaubt ihre verkorkste Familiengeschichte hinter sich gelassen zu haben. Sie ist dem ungeliebten Elternhaus längst entronnen und arbeitet als Psychotherapeutin. Sicherlich kein Zufall, ging sie doch, als ihre beste Freundin ihren Vater heiratete. Und auch das Verhältnis zu ihrer Schwester war noch nie problemlos. Da erhält sie von eben jener Schwester einen Anruf: Ihr gemeinsamer Vater, seine Frau (Robins ehemalige beste Freundin) und deren gemeinsame Tochter wurden bei einem Raubüberfall schwer verletzt. Noch bevor Robin in ihrer Heimatstadt eintrifft, stirbt ihre Freundin, ihr Vater liegt im Sterben, einzig die Tochter hat noch eine Überlebenschance.

Dass Joy Fielding schreiben kann, hat sie ja bereits mit etlichen Vorgängerromanen bewiesen. Gut und flüssig zu lesen also. Was mich aber an diesem Roman wirklich fasziniert hat, war die Art und Weise, wie Robin sich Stück für Stück in ihre eigene Vergangenheit verfängt, kaum dass sie ihr Heimatdorf wieder betreten hat. Weiterlesen

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Lucia Berlin – ein Name, der nach einer angesagten Bloggerin aus der Hauptstadt klingt. Tatsächlich handelt es sich um eine US-amerikanische Autorin, die im Stil von Raymond Carver große Literatur in kleine Szenen verpackt. Szenen, die erschüttern, unterhalten, verblüffen, nachwirken. Die Autorin wurde 1936 in Alaska geboren und starb 2004 in Kalifornien. Ihre Protagonisten sind Alkoholiker, Einwanderer, Krankenschwestern, Putzfrauen, Sekretärinnen, Alleinerziehende, Frauen, die im Alltag ihren Mann stehen müssen. Zum Glück wurde Berlins Literatur posthum wiederentdeckt. Sonst hätten WIR Leser etwas Großartiges verpasst! Allein im Jahr 2015 erhielt ihre Prosa den California Book Award und zählte zu den „TOP 10 Books“ der New York Times. Weiterlesen

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Wenn mich jemand fragen würde, ob ich moderne,  gute, französische Literatur empfehlen könne, dann hätte ich natürlich folgende Antwort parat: 1. „Unterwerfung“ von Michel Houlellebecq und dann gleich danach von 2. Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex“. Unbedingt lesen! Um gleich einen Strick dazuzulegen. Ehrlich, „Unterwerfung“ war schon niederschmetternd, aber Despentes holt uns aus allen Träumen von einem lebenswerten Leben mit Hoffnung auf Zukunft. Das Buch schreit uns förmlich an: „Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Bist Du blind und siehst die ganze Scheiße nicht? Wo lebst Du eigentlich? Und warum machst Du Dir immer noch was vor? Sieh gefälligst hin, Du Träumer!“ Ja, so kann es einem gehen, wenn man sich durch das Buch gebissen hat. Weiterlesen

Alexey Pehov: Chroniken der Seelenfänger 04: Glühendes Tor

Die Welt der Seelenwächter erinnert an die Zeit der späten Renaissance. Buchdruck, Musketen und wissenschaftliche Erkenntnisse haben ihre Spuren hinterlassen, die Fürsten haben mit einem selbstbewussten Handwerkerstand zu kämpfen, erste Demokratiebewegungen bilden sich. Als Stabilisator zu den gesellschaftlichen Verwerfungen hat sich der Klerus etabliert, die Inquisition verbreitet Furcht und Schrecken.

Anders aber, als in der Realität, leidet die Welt in Pehovs Tetralogie unter der Heimsuchung von Hexen, Geistern und Dämonen. Hier kommt nicht nur die Inquisition, die sich dem Kampf gegen die Höllenabkömmlinge auf ihre Fahnen geschrieben hat ins Spiel, auch die Bruderschaft der Seelenfänger und ihr Konkurrent, der Orden sind im Kampf gegen das Übernatürliche verwickelt. Weiterlesen

Paul Pen: Das Haus in der Kakteenwüste

Elmer und Rose leben mit ihren vier Töchtern Dahlia, Daisy, Iris und Melissa in der Abgeschiedenheit der mexikanischen Wüste. Nur selten lassen sie sich vereinzelt im weit entfernten Ort blicken. Für die Mädchen ist dies nicht immer einfach. Die 13-jährige Melissa spricht mit Kakteen und Steinen, nur damit sie irgendjemanden zum Reden hat. Ihre 16-jährige Schwester Iris wünscht sich nichts mehr, als einen Jungen in ihrem Alter kennenzulernen und sich endlich, wie in ihren geliebten Romanen geschehen, zu verlieben. Als plötzlich der junge Wanderer Rick vor der Haustür der Familie lebt, steht nicht nur Iris‘ Welt Kopf. Auch Rose und Elmer sind erschüttert, denn Rick scheint ein Jahre lang gehütetes Geheimnis zu kennen. Weiterlesen

Oskar Roehler: Selbstverfickung

Oskar Roehler gehört zu den renommiertesten deutschen Filmregisseuren („Agnes und seine Brüder“, „Elementarteilchen“, „Jud Süß – Film ohne Gewissen“). Dass er auch schreiben kann, beweist er jetzt erneut in seinem dritten Buch „Selbstverfickung“. Darin beschreibt er das Leben Gregor Samsas, eines Filmregisseurs, der viel mit dem Autor gemeinsam hat. Es dürfte somit nicht allzu weit hergeholt sein, diese Romanfigur als Alter Ego Roehlers zu betrachten.

Samsa hat eine extrem negative, menschenscheue, oft hasserfüllte und depressive Sicht auf Umwelt und Mitmenschen. Er hat permanent mit allerlei Phobien sowie Schlaflosigkeit zu kämpfen. Beides bekämpft er mit Tabletten und Alkohol. Halt geben ihm lediglich seine Tochter und die häufigen Besuche im Bordell. Weiterlesen

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

Viele Bücher hat Orhan Pamuk nicht geschrieben, seit er 2006 den Literatur-Nobelpreis bekommen hat. Und wenn, waren es Romane, in denen er sich mit seiner Geburtsstadt Istanbul auseinandergesetzt hat. Die ist auch im neuen Roman des 65-Jährigen Schauplatz, allerdings könnte diese Geschichte überall in der Türkei spielen.

Pamuk bleibt seiner literarischen Farbe Rot (aus dem Opus „Rot ist mein Name“) treu: In „Die rothaarige Frau“ erzählt er die Geschichte des Jungen Cem und begleitet ihn über mehr als 40 Jahre. Cems Vater, ein Apotheker in einem Vorort von Istanbul, hat die Familie verlassen. Ein Brunnenbauer, bei dem Cem als Jugendlicher arbeitet, wird zu seinem Ersatzvater.

In einem Theater lernt er als 16-Jähriger die rothaarige Frau kennen und verliebt sich in sie. Als ein Unglück im Brunnen geschieht, Weiterlesen

Paula Hawkins: Into the Water, gelesen von Britta Steffenhagen u.a.

Beckford hat eine seltene Attraktion: Den Drowning Pool. Angefangen bei Hexenproben sind hier immer wieder Frauen ertrunken – mehr oder weniger freiwillig. Julia hatte die Stadt schon längst hinter sich gelassen, wollte alles vergessen, als sie erst einen Anruf auf der Mailbox erhält („Ruf mich zurück. Es ist dringend.“) und dann die Nachricht, dass ihre Schwester Nel ebenfalls zu den Opfern des Drowning Pool gehört. Aber Nel kann doch nicht gesprungen sein? Sie lässt doch eine Tochter zurück und außerdem hat sie ihr halbes Leben den Ertrunkenen Frauen gewidmet. Wollte ein Buch darüber schreiben und hat sich dabei nicht eben beliebt gemacht.

Das Hörbuch wird von drei Vollprofis gelesen, deswegen ist es durchaus angenehm, zuzuhören. Die Geschichte an sich ist auch nicht wirklich schlecht, nur für meinen Geschmack deutlich zu lang. Weiterlesen

Uli Aechtner: Mordswetter

Nicht erst seit der Wirbelsturm ‚Irma‘ gewaltige Schäden angerichtet hat, weiß man, dass Unwetter gefährlich sein können. Dabei muss es sich nicht gleich um einen Hurrikan handeln. Vor einem Gewitter oder einem kräftigen Hagelschauer sollte man sich aber auch in unseren Breitengraden in Acht nehmen.

In Ulis Aechtners neuem Roman spielt das Wetter nun eine Hauptrolle: Da wird eine tote Camperin leblos vor ihrem Zelt aufgefunden. Es gibt keinerlei Anzeichen auf ein Gewaltverbrechen. Die einzige Erklärung scheint zu sein, dass sie von einem Blitzschlag getötet wurde. Aber war es wirklich das Gewitter? Oder hatte da doch jemand die Finger im Spiel? Vielleicht Maik Herres, der Freund der Camperin, dessen Hobby es ist, Gewitter zu fotografieren? Weiterlesen

Isabella Straub: Wer hier schlief

Was mit einem Mann passieren kann, der komplett den Boden unter den Füßen verliert – dieser Frage geht die österreichische Autorin Isabella Straub in ihrem Roman „Wer hier schlief“ nach.

Philipp Kuhn verlässt seine Frau, die zugleich seine Chefin in einer Firma für Sicherheitstüren ist (welche Symbolik!), um künftig mit seiner Geliebten Myriam zusammenzuleben. Problem: Als Philipp nach der Trennung besagte Myriam treffen will, ist sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Sämtliche Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, scheitern. Folglich ist Philipp von jetzt auf gleich nicht nur arbeits-, sondern auch obdachlos. Weiterlesen