Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Die Geschichte ist wahr. Zumindest so wahr, wie sie in der Familie Meir Shalevs sein kann. Denn dort gibt es Familiengeschichten immer in verschiedenen Versionen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausschmückungen, je nachdem, wer sie erzählt. Und große Erzählerinnen und Erzähler sind – wenn man Meir Shalev glauben möchte – ein Merkmal seiner Familie. Erinnerung und Phantasie, schreibt er, sind in seiner Verwandtschaft ein und dasselbe.

„Die Sache war so…“ – Mit dieser Eingangsformel begann Großmutter Tonia ihre Geschichten und stellte damit klar: Was ich gleich erzähle, entspricht genau den Tatsachen. Und auch die anderen Familienmitglieder nahmen das mit dieser Einleitung für sich in Anspruch.

Die Sache war so: Großmutter Tonia wanderte Anfang der 1920er Jahre aus einem Dorf, das heute in der Ukraine liegt nach Israel aus. Dort heiratete sie ihren Schwager Aaron, der seine Frau – ihre Schwester – verloren hatte und mit zwei kleinen Kindern alleine dastand. Sie wohnten im ersten, in der Jesreelebene gegründeten Moschaw Nahalal, einer Art genossenschaftlich organisiertem Dorf, und betrieben Landwirtschaft. Weiterlesen

Raja Alem: Sarab

Es gibt viele Geschichten, die von einem Rollenwechsel berichten: Frauen, die sich als Männer verkleiden, Männer als Frauen. Bei dem Beduinenmädchen Sarab beginnt der Rollenwechsel bereits bei der Geburt. Denn ihre Mutter behauptet, sie habe einen zweiten Sohn geboren. Kurz darauf stirbt ihr Mann, ein alter Scheich, und sie muss mit ihren zwei Söhnen ohne männlichen Schutz überleben.

»… Sie verbrachten ihre Kindheit in einem eingebildeten Kriegslager, in dem die Mutter sie zu Kämpfern gegen den Satan ausbildete. Ihr Glaubenskrieg wurde für den Stamm zu einer Quelle der Offenbarung. (S. 144)

Als ihre Mutter stirbt, folgt ihr Bruder Saifallah dem Ruf des Predigers Mudschan nach Medina. Und Sarab folgt ihm wie gewohnt als sein Schatten in Männerkleidern. Während Saifallah von Mudschan begeistert ist, fühlt sich Sarab von Mudschans Schwager, dem auserkorenen Mahdi, angezogen. Die Geschwister befolgen nicht nur die neuen Doktrin, sie ziehen mit Mudschan und dem Mahdi in den Krieg nach Mekka, um die große Moschee in ihre Gewalt zu bringen. Danach seien sie alle erlöst, behauptet Mudschan. Weiterlesen

Tim Krohn: Erich Wyss übt den freien Fall

Ich bleibe dabei, auch beim zweiten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ (s. meine Kritik: Herr Brechbühl sucht eine Katze) In der Fortsetzung befinden wir uns nun im Jahre 2001. Wir alle wissen, wie dieses Jahr die Welt verändert hat: 9/11! Und so kommt es, dass diese furchtbare Katastrophe sich auch in die Geschichten in und um das Haus widerfinden. Schließlich werden die Anregungen für Stories ja auch von Lesern vorgeschlagen.

Tim Krohn spinnt sich daraus eine Art „Lindenstraße“, die ich zwar nie gesehen habe, aber wo das Drehbuch sich sicher auch daran hält, die persönlichen Geschichten mit denen aus der Realität korrespondieren zu lassen. Man hat die Figuren aus dem ersten Band ja bereits lieb gewonnen und Weiterlesen

Sara Nović: Das Echo der Bäume

Zagreb 1991. Der Krieg erreicht die Stadt kurz nach Anas zehntem Geburtstag. Lebensmittel sind seit längerem knapp, nun wird es plötzlich wichtig, ob der Patenonkel eine kroatische oder eine serbische Zigarettensorte raucht. Der Strom fällt immer wieder aus, das Wasser wird oft abgestellt, die ersten Flüchtlinge kommen nach Zagreb und werden von den Einheimischen beäugt. Es muss verdunkelt werden, irgendwann tönt der erste Luftalarm, alle flüchten in provisorische Bunker. Ana ist gerade mit ihrem besten Freund Luka unterwegs. Die beiden wissen, was bei Alarm zu tun ist, scheinbar sind die Menschen in der Stadt auf alles vorbereitet. Bei ihren Eltern fühlt sich Ana geborgen, vor allem beim Vater, zu dem sie eine besondere Verbindung hat.

Anas Schwester Rahela ist noch ein Baby, sie ist krank; es wird immer schwieriger, sie am Leben zu erhalten. Die Eltern fassen den verzweifelten Entschluss, das Kind zur Behandlung nach Amerika zu schicken. Sie bringen Rahela nach Sarajevo zur Hilfsorganisation. Auf dem Heimweg geraten Vater, Mutter, Ana und andere Zivilisten in die Hände serbischer Freischärler. Weiterlesen

Michael Nast: #Egoland

Der Klappentext klingt superspannend. Auch die Idee ist an sich gut: Schriftsteller mit offensichtlicher Schreibblockade sucht sich Anschauungsmaterial in der Realität und hetzt ein Paar in der Krise noch gegeneinander auf, um dann darüber zu Schreiben. Die Umsetzung fand ich allerdings eher mäßig. Zum ersten fand ich den Kniff zu behaupten, es handele sich um reale Ereignisse eher nervig, sollte es Andreas Landsberger wirklich gegeben haben, hat er es als Schriftsteller zumindest nicht ins Internet geschafft und außerdem könnte man beim sonstigen Aufbau des Buches über die Einstufung als „Roman“ diskutieren. Somit blieb mir der Sinn der Realitätsbehauptung verschlossen.

Und nein, es ist kein gelungenes Spiel mit dem Leser. Wir haben also einen fiktiven Schriftsteller, der Menschen gegeneinander aufhetzt. Das böte jetzt Stoff für einen tollen Thriller, der mit der Realität des betroffenen Paares spielt. Und einen tollen Protagonisten, der durch und durch böse oder zumindest sozial gestört ist. Weiterlesen

Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen

In der Werbung dieses Buches steht, dass das ein hochkomisch geschriebener Roman sei. Das wundert mich ein wenig, denn eine komische Seite habe ich bei dieser Geschichte über drei Frauen, Oma, Mutter und Tochter mit dem Hausnamen „Olyphant“ (erinnert mich irgendwie an Otto), eher nicht gefunden. Wenn überhaupt, ist es eine Tragikomödie mit den typischen Merkmalen unserer Zeit und insofern ist es ein Gesellschaftsroman:  Prüderie, Mobbing, Verklemmtheit, Betrug, etc…und deshalb ist klar, wir befinden uns in den Staaten. Genauer in Bosten!  Kurz zur Geschichte: „Oma“ Henrietta hat in den Siebzigern ein »Handbuch für Besucher des weiblichen Körpers« geschrieben, dass quasi wie eine Art Porno die Runde machte, hoch erfolgreich war und mit detailgetreuen Abbildungen der weiblichen Geschlechtsmerkmale glänzte.

Ihr Mann hat mit einem erfolglosen Restaurant das mit dem Roman verdiente Geld pulverisiert. Er hat seine Niederlage nicht verwunden und Henrietta ist nun Witwe. Weiterlesen

Kat Howard: Schatten der Magie

Im New York, wie wir es kennen, existiert eine Parallelwelt, die Unsichtbare Welt. In ihr tummeln sich einige Magier, die ein kompliziertes Machtsystem zwischen sich aufrechterhalten. Etwa alle 20 Jahre kämpfen sie mit magischen Duellen um die Vorherrschaft über die Unsichtbare Welt. Diesmal hat auch die junge Frau Sydney einen Weg ins Duell gefunden und ihre Beweggründe sind nicht nur positiv. Ein Sieg von Sydney könnte die komplette Unsichtbare Welt in Erschütterungen versetzen. Keiner ahnt, dass Sydney im gefährlichen Haus der Schatten groß geworden ist.

Wer bei Kat Howard eine Geschichte à la Harry Potter erwartet, wird definitiv enttäuscht sein. „Schatten der Magie“ ist eine Art politisch angehauchtes Buch über Magie. Die Magier leben in der so genannten Unsichtbaren Welt, verborgen vor den Augen der normal sterblichen Menschen. Soweit die Gemeinsamkeit mit Harry Potter. Weiterlesen

Hayley Long: Der nächstferne Ort

Der nächstferne Ort, das ist ein Ort, an den sich Dylan zurückzieht, um der Wirklichkeit zu entkommen. Es sind Erinnerungsorte, an denen er etwas Schönes erlebt hat: die sonderbare Abgeschiedenheit im Inneren eines riesigen hohlen Baums mitten in einem Park, der erste Kuss auf einer Treppe und Matilda, überhaupt immer wieder Matilda, in die er mächtig verliebt ist. Seit dem Autounfall flüchtet Dylan oft an den nächstfernen Ort. Er kann es nicht begreifen: In einem Moment ist die Welt noch in Ordnung, er und sein jüngerer Bruder Griff sind mit ihren Eltern im Auto unterwegs, es ist schrecklich heiß, ihre Mutter ist ihnen peinlich, weil sie einen Radiosong laut mitsingt und dazu auf dem Sitz tanzt – und im nächsten Moment ist alles anders. Vom vorausfahrenden Autotransporter löst sich ein Kleinwagen und kracht auf das Fahrzeug der Taylors. Ausgerechnet an Griffs dreizehntem Geburtstag.

Dylan verspricht Griff, ihm zu helfen, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten. Er passt auf Griff auf und weicht nicht von seiner Seite, außer manchmal, um an den nächstfernen Ort zu gelangen. Weiterlesen

Robert Jackson Bennett: Die Stadt der träumenden Kinder

„Es ist ungerecht, dass Menschen, die wir lieben sterben und uns allein zurücklassen. Aber noch ungerechter ist, dass sie niemals ganz von uns gehen.“ (Seite 401)

Einst, so lange ist es noch nicht her, stürzten sie ihre auf Erden wandelnden Götter. Die Rede ist vom Kaj und der Säuberung, wie der Göttermord inzwischen genannt wird. Schwarzes Blei, die einzige Waffe, die gegen Götter wirkt, war der Schlüssel zur Befreiung des Kontinents. Sigrud je Harkvaldsson hat damals daran ebensowenig teil, wie seine Freundin, Vorgesetzte und Politikerin Shara Komayd. Später aber wurden sie als Agenten in Dienst des Kontinents in die Auseinandersetzungen mit göttlichen Relikten und den wenigen, versteckten Göttern verwickelt – in einer sehr direkten Art und Weise. Damals sorgte Sigrud höchstselbst für das Ableben zweier der letzten verbliebenen Götter. Doch auch das ist lange her. Weiterlesen

A.J. Finn: The Woman in the Window, gelesen von Nina Kunzendorf

Anna Fox lebt in New York. Allein. Ihre Familie ist „abwesend“. Sie fotografiert. Sie kann das Haus nicht verlassen. Aber nicht ein Beinbruch hindert sie daran, wie in dem nicht zufällig ähnlich klingenden Klassiker-Film, sondern ihre Angst. Sie hat sich eingerichtet, verbringt viel Zeit im Internet und geht dort sogar ihrem Beruf als Psychologin nach. Nachbarn kommen und gehen und sie lernt eine der neuen Nachbarinnen kennen. Man trifft sich, man unterhält sich, dann eines Nachts beobachtet Anna, wie die Nachbarin ermordet wird. Sie ruft die Polizei. Aber es gab keinen Mord, bloß sieht die neu Nachbarin überhaupt nicht so aus, wie Anna sie kennengelernt hat, es ist eine ganz andere Frau. Wer war bei Anna, oder hat sie sich den Besuch nur eingebildet. Niemand glaubt ihr, fast verliert sie den Glauben an sich selbst.

Was für ein Ritt durch die Psyche. Stück für Stück enthüllt sich die Wahrheit ebenso wie der Grund für Annas Angststörung. Von der ersten Minute an superspannend, entfaltet das Hörbuch einen Sog, dem man sich als Zuhörer kaum entziehen kann. Das liegt unter anderem an Nina Kunzendorf, die Anna eine tolle Stimme gibt. Mal ängstlich, mal trotzig, mal zweifelnd, aber immer Anna. Weiterlesen