Niccolò Ammaniti: Anna

Seit vier Jahren bringt nun schon ein Virus alle Erwachsenen und Jugendlichen um, die die Pubertät erreicht haben. In Italien herrscht Chaos, die Kinder haben Banden gegründet, Hunde ziehen auf der Suche nach Essbarem herrenlos durchs Land und greifen jeden an, der auch nur einen Krümel Nahrung an sich trägt. Anna hat die Pubertät fast erreicht und weiß, dass es jeden Tag losgehen könnte mit ihrem schleichenden, aber sicheren Tod. Doch sie muss vorsorgen, denn seit dem Tod der Mutter kümmert sie sich um ihren kleinen Bruder Astor, der noch nichts von dem Unglück der Welt ahnt und sicher in den Mauern des Familiengutes lebt. Als Astor sich einer der Banden anschließt, ist Anna verzweifelt. In nur einem Moment hat man ihr alles genommen, was noch wichtig war.

„Anna“ ist vom ersten Satz an harte Kost, auch in der deutschen Übersetzung. In Italien war der Roman monatelang in den Bestsellerlisten zu finden und auch die Financial Times wählte ihn zu einem der besten Bücher des Jahres 2017. Anna beschreibt schonungslos, was in ihrer Umwelt los ist, ganz egal wie schwer die Ereignisse zu verarbeiten sein mögen. Weiterlesen

James Comey: Größer als das Amt

In diesem Buch zeigt der ehemalige FBI-Direktor der Vereinigten Staaten seinen beruflichen Werdegang und Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend auf.

Letztlich ist es aber auch eine wohlüberlegt formulierte Abrechnung mit Präsident Donald Trump: Als Jugendlicher war Comey Opfer von Ausgrenzungen und Mobbingattacken seiner Mitschüler. Mit 16 Jahren wird er Opfer eines gefährlichen Einbrechers, der in sein Elternhaus eindringt und ihn und seinen Bruder bedroht. Dennoch war dies nicht der Ausschlag, dass er beruflich den Weg in die Justiz wählte.

Als Comey 1987 als Staatsanwalt in die Dienste des Gerichtsbezirks NY Süd in Manhattan eintritt, hat er seinen Traumjob unter dem damaligen Chef Rudy Giuliani gefunden. Der ranghöchste amerikanische Mafioso Gravano, der Zeuge der Anklage wird, bringt Comey die Regeln des Mafialebens nahe. Unter Comey und Dutzenden von weiteren Ermittlern und Strafverfolgern werden mächtige Mafiabosse hinter Gitter gebracht. 2003 übernimmt Comey das Amt des stellvertretenden Justizministers. Im Antiterrorkampf in der FBI-Zentrale arbeiten führende Köpfe des CIA und einflussreiche Regierungsmitglieder gegen Comey. Gängige Folterpraktiken des CIA (u. a. das simulierte Ertrinken) nach Nine-Eleven überschreiten rechtliche Zulassungsgrenzen, denen Comey sich erfolglos widersetzt. Weiterlesen

Benedict Jacka: Alex Verus 01: Das Labyrinth von London

Lasst Euch bloß nicht von dem Cover und dem Titel abschrecken, die beide leider den Eindruck machen, als wolle da jemand billig auf den Erfolgszug von Ben Aaronovitch aufspringen. Das Einzige, was die beiden Serien gemeinsam haben, ist, dass beide Urban-Fantasy sind und in London spielen. Wenn ich die Serie überhaupt mit einer anderen vergleichen würde (was keine Serie verdient hat), dann eher mit Malmquist.

Alex Verus betreibt einen Zauberartikelladen, allerdings bietet er keine Tricks – oder die nur zur Tarnung –, sondern echte Magie an. Alex ist Wahrsager und das hat nichts mit lila Frauen mit Tüchern zu tun. Er kann die verschiedenen Zukunftsstränge daraufhin untersuchen, welche Handlung die geringste Gefahr oder den größten Erfolg verspricht. Das kann einem Mann das Leben retten. In London gibt es den Rat der Weißmagier und unabhängige Schwarzmagier, die aber nicht grundsätzlich böse sind.  Alex hält wenig von beiden Seiten und möchte eigentlich in Ruhe gelassen werden. Da taucht ein mächtiges Artefakt aus ganz alter Zeit auf, alle anderen Wahrsager haben es rechtzeitig geschafft zu verschwinden und beide Seiten wollen jetzt unbedingt Alex anheuern, denn es muss noch ein Schloss geknackt werden, das sich als ausgesprochen wehrhaft erweist. Weiterlesen

Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

Elisabeth Bathori, Historikerin und Expertin für Postkartenforschung, fällt nach dem tragischen Verlust ihres Lebensgefährten in ein tiefes Loch. Soziale Kontakte beschränkt sie auf das unbedingt notwendige Mindestmaß, an die Fortsetzung ihrer Tätigkeit als Professorin ist zunächst nicht zu denken. Um sich abzulenken, nimmt sie eine Stelle in einem Fotoarchiv an. Sortieren, zuschneiden, katalogisieren: mit Hilfe der eintönigen Arbeit schafft sie es zeitweise, ihren Schmerz einzulullen.

Dann bietet Alix de Chalendar, eine ältere Dame, dem Institut eine Sammlung von Briefen, Fotos und Postkarten an, die ihr Onkel Alban de Willcot im ersten Weltkrieg von der Front an seine Schwester Blanche und an seinen Freund, den berühmten Dichter Anatole Massis, geschickt hat. Dokumente von unschätzbarem historischem Wert, wie Elisabeth schnell erkennt. Doch Alix gibt die Sammlung nur unter zwei Bedingungen weiter: Elisabeth muss die Inventarisierung übernehmen und sie muss als ihre Testamentsvollstreckerin fungieren. Weiterlesen

Gill Sims: Mami braucht ’nen Drink

Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien und Ellen ist gerade 39 Jahre alt geworden und Mutter von zwei Kindern im Grundschulalter. Dieses Jahr möchte sie alles richtig machen, ihren Kindern eine tolle Mutter, ihrem Mann eine tolle Ehefrau, ihrer Schwiegermutter … nein, das dann lieber doch nicht. Aber Ellen hat für dieses Jahr Ziele und Wünsche. Vielleicht wäre es sogar möglich, dass sie richtig viel Geld verdient? Denn sie denkt, dass man den Alltag als Mutter manchmal nur mit einem Glas Wein überstehen kann. Und da ihr in ihrem Teilzeitjob so schrecklich langweilig ist, hat sie genug Zeit, um dort eine App zu programmieren. Und dann geht „Mami braucht nen Drink“, wie die App treffenderweise heißt, viral. Doch während die App tausendfach runtergeladen wird, kündigt sich zu Weihnachten schon die nächste Katastrophe an: Die liebe Familie rückt Ellen auf die Pelle.

Anfangs war ich von diesem Roman nicht sehr überzeugt. Es wirkte gezwungen witzig, wollte irgendwie Klischees erfüllen und ich konnte mit der Handlung nicht so richtig etwas anfangen. Aber spätestens bei den Weihnachtskapiteln, als die liebe Familie anrückt, war’s um mich wirklich geschehen und ich war „drin“ im Buch. Weiterlesen

Henry James: Was Maisie wusste (1897)

Kriegsschauplatz Kind: In unbarmherziger literarischer Härte schildert Henry James, wie eine Scheidungsschlacht auf dem Rücken der kleinen Maisie ausgetragen wird. Eitelkeit, Gier, Schwächen und Sehnsüchte aus der Erwachsenenwelt brechen über das Mädchen herein. Die Szenen spielen sich direkt vor dem Kind ab – doch können wir Leser nie sicher sein, was Maisie wirklich davon versteht. Diese ungewöhnliche Erzählperspektive birgt einen ganz eigenen Reiz. Wird Maisie an der berechnenden, illoyalen Welt der Erwachsenen zerbrechen? Oder wird sie daran reifen und gar ihre eigene, außergewöhnliche Position ausnutzen?

Maisie fungiert als ein „jederzeit verfügbares Gefäß für Gehässigkeiten“. Die Elternteile beanspruchen das Kind jeweils für sich, aber nicht um des Kindeswohls willen, sondern um dem anderen mit Maisies unfreiwilliger Hilfe „gegenseitig Verletzungen zuzufügen“. Zu Beginn versuchen sie das Kind an sich zu binden, um den Partner als unfähig dastehen zu lassen. Später, als sie beide in neuen Beziehungen stecken, versuchen sie das Kind dem anderen aufzuhalsen, da es nun im Weg steht. Zwischendurch wird versucht, Maisie zu beeinflussen oder auszufragen, was diese jedoch bald durchschaut und sich eine Schweigetaktik zu eigen macht, um nicht in die Rachespielchen ihrer Eltern hineingezogen zu werden. Weiterlesen

Zülfü Livaneli: Unruhe

Als in seiner Redaktion in Istanbul die Meldung eingeht, dass ein junger Türke namens Hüseyin Yilmaz im amerikanischen Jacksonville erstochen wurde, horcht der Journalist Ibrahim auf. Schnell wird klar: Es handelt sich tatsächlich um seinen Schulfreund, der dort durch Rassisten zu Tode kam. Ibrahim fährt zum ersten Mal sei Jahren in seine Heimatstadt Mardin, weit im Osten der Türkei an der syrischen Grenze, um die Hintergründe der Tat zu recherchieren und der Beerdigung beizuwohnen. Nachdem er die ersten Gefühle der Fremdheit überwunden hat, taucht er ein in eine Welt, die er fast vergessen hatte, die ihn aber mehr und mehr gefangen nimmt. Sein Leben in Istanbul erscheint ihm hier, „wo die Zeit rückwärts fließt“, wo Mythen noch lebendig sind und Aberglaube keine Seltenheit, als hektisch und sinnlos.

Er erinnert sich an Hüseyin als schmalen, schwachen Jungen, der allerdings im Koran-Unterricht der gelehrigste war. Von allen Verwandten und Freunden wird er als hilfsbereiter Mann geschildert, der sich mit seiner ganzen Kraft für Arme, Kranke und Unterdrückte eingesetzt hat. Zuletzt hatte er viel Zeit in den Flüchtlingslagern verbracht. Dort hatte er auch Meleknaz kennengelernt, für die er seine Verlobung löste und mit der er Hochzeitsvorbereitungen traf. Doch Meleknaz ist Jesidin und damit für Hüseyins Mutter, wie für viele andere, eine Teufelin, die ihren Sohn verhext und alles Unheil, das ihm geschah zu verantworten hat. Meleknaz ist in ihren Augen Schuld daran, dass Hüseyin von Islamisten angeschossen wurde, dass er die Familie durch die Auflösung seiner Verlobung brüskiert hat und dann nach Amerika zu seinen Brüdern fliehen musste, um sich in Sicherheit zu bringen. Weiterlesen

François Lelord: Hector und die Kunst der Zuversicht

Mit Hector hat der französische Autor François Lelord vor einigen Jahren eine Figur erschaffen, die sich in bisher sieben Bänden mit den Fragen des Lebens auseinandergesetzt hat. Nun ist mit ‚Hector und die Kunst der Zuversicht‘ ein weiterer Band der Reihe erschienen. Nachdem Hector sich bereits auf die Suche nach dem Glück begeben und sich mit der Zeit und der Liebe beschäftigt hatte, befasst er sich diesmal mit dem Thema Optimismus.

Leider läuft es in seinem Leben nicht ganz so, wie er es gerne hätte. Während er mit seiner Arbeit als Psychiater noch einigermaßen zurechtkommt, kriselt es privat: seine Frau Clara zweifelt an ihrer Ehe. Hector merkt, dass er etwas tun muss. Aber was? Zum Glück hat er von seinen Reisen her zahlreiche Bekannte, von denen er sich Ratschläge erhofft. So macht Hector sich auf den Weg nach Asien und Amerika. Auf seiner Reise lernt er, dass man das Leben immer durch unterschiedliche Brillen betrachtet. Weiterlesen

Antonia Michaelis: Tankstellenchips

Sean, ich bleib mal bei dem Namen, obwohl sein iranischer Name nur so ähnlich klingt, also Sean lebt in einer Flüchtlingsunterkunft und ist seit zwei Monaten in Deutschland. Eigentlich möchte er studieren. Eines Nachts gerät er zufällig in ein Verbrechen und flieht gemeinsam mit Davy, gerade acht und schon aus dem Heim abgehauen. Was folgt ist eine Road-Story quer durch Deutschland.  Die Geschichte ist aus Seans Sicht erzählt und der Leser bekommt eine ganz eigene Sicht auf das deutsche Normalleben. Es gibt echt witzige Stellen, die zum Teil auch durch Seans Sprachbarrieren verursacht werden, manchmal ist er herrlich naiv, aber er ist ein guter Junge, der nur ziemlich viele schlechte Entscheidungen trifft. Schlechte, nicht böse. Außerdem geht eine Menge schief, für das er wirklich nichts kann.

Das Irre ist, das Sean die ganze Zeit davon überzeugt ist, dass er abgeschoben werden wird (was soweit richtig ist, als dass sein Abschiebebescheid bereits in seinem Spind in der Unterkunft liegt), dass er aber einen lupenreinen Asylgrund inklusive Berichterstattung im Internet vorweisen könnte, wenn er es denn täte. Weiterlesen

Dirk von Petersdorff: Wie bin ich denn hierhergekommen

Eine klassische Dreiecksgeschichte unter End-Dreißigern breitet der 1966 geborene deutsche Autor Dirk von Petersdorff in seinem Roman „Wie bin ich denn hierhergekommen“ aus. Tim und Anna leben ein klassisches Leben mit Beruf, Ehe und Kind. Johannes dagegen hat keinen festen Job und führt immer noch das Dasein eines Studenten. Die Drei kennen sich aus alten Zeiten, und auch Johannes und Anna haben ein Faible füreinander.

Hauptproblem dieses Romans ist seine Sprunghaftigkeit und sein Reichtum an überflüssigen Details. Dirk von Petersdorff, der an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena unterrichtet, kommt von einem Thema aufs Nächste, ohne dass das etwas mit den drei Hauptfiguren zu tun haben muss. Weiterlesen