Anne Weiss: Mein Leben in drei Kisten

Ein Radiointerview hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Erwartet hatte ich daraufhin einen Ratgeber, wie man am geschicktesten und elegantesten sein Zuhause ausmistet. So wurde dieses Buch in dem gehörten Interview mit der Autorin geschildert.

Doch irgendwie kann sich das Buch nicht so richtig entscheiden, ob es nun eine Anleitung sein will zum Entrümpeln der eigenen vier Wände und des eigenen Lebens oder doch die biografische Aufarbeitung der Vergangenheit der Autorin Anne Weiss.

Das Buch beginnt mit der Rückkehr von einer ausführlichen Indienreise, welche der Autorin die Diskrepanz zwischen ihrem ziemlich luxuriösen Leben hier und der Armut dort vor Augen führt. Da sie auch gerade ihre Stellung verloren hat, scheint nun der ideale Zeitpunkt gekommen, dieses Leben umzukrempeln und zwar indem sie sich von all den überflüssigen Dingen trennt, die sie angesammelt aber nie gebraucht hat.

Sie fängt mit ihrem Kleiderschrank an und durchforstet ihn nach Kleidungstücken, die sie nie oder nur wenig getragen hat, um all diese auszusortieren. Leider aber zieht sich diese Aktion sehr lange hin, die Leserin erfährt die Geschichte jeder Hose und jedes Paars Schuhe, warum, wann und wie die Autorin sich dieses Teil erwarb. Und so geht es weiter, als sie ihre Wohnung nach „Stehrümchen“, also allem im Laufe der Jahre angesammelten Kitsch und Nippes durchsucht. Zu jeden Stück erzählt sie ausführlich die Umstände, wie sie zu der Figur oder dem Bild gekommen ist. So wird das ganze Buch zu einem Rückblick auf das Leben von Anne Weiss. Das ist recht interessant und vor allem ist es gut geschrieben. Der Stil der Autorin ist flüssig, abwechslungsreich und humorvoll. Weiterlesen

Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Timbuktu war ein geheimnisvoller Ort, der vor etwa 250 Jahren die Fantasie der Westeuropäer beflügelte. Die Gerüchte vom unermesslichen Reichtum in einem unerreichbaren und unerforschten Land in Afrika forderte so manchen Abenteurer heraus. In dieser Zeit waren Amerika und Asien bereits bereist und deren Entdecker berühmt. Es blieb nur noch Afrika, das für die Kartographen aus vielen weißen Flächen bestand. Vor allen Dingen in der Mitte des Kontinents, wenn man aus dem Norden kommend noch die Durchquerung der Sahara vor sich hatte, um den Niger zu erreichen. Ein Fluss, von dem kein Europäer wusste, wo sein Ursprung oder sein Verlauf war und wo er schließlich das Meer erreichte. Irgendwo an diesem Fluss sollte Timbuktu liegen, eine Stadt voller Schätze.

Nach der Gründung der African Association endeten die Annäherungsversuche der ersten Forschungsreisenden tödlich. In einem Brief berichtete Major Laing seinem Schwiegervater von einem überstandenen Überfall und den erlittenen Verletzungen:

„… Um oben zu beginnen: Ich habe drei Säbelwunden am Scheitel und drei an der linken Schläfe, allesamt Frakturen, bei denen ich viel Knochenmasse verloren habe. Ein Säbelhieb auf der linken Wange hat meinen Kiefer zerschmettert und mein Ohr zerschnitten … einen weiteren erhielt ich auf der rechten Schläfe. … eine klaffende Wunde im Nacken, … eine Musketenkugel in der Hüfte, fünf Säbelwunden am rechten Arm und der rechten Hand,  … drei Wunden am linken Arm, der gebrochen ist, eine leichte Verletzung am rechten Bein,   … zwei am linken …“ (S. 16, 17) Weiterlesen

Matthias A. K. Zimmermann: KRYONIUM. Die Experimente der Erinnerung

Es beginnt mit dem Gedanken an Flucht und den Fragen, die sich der (zunächst) namenlose Erzähler immer wieder stellt: Wo bin ich? Wie kam ich hierher? Warum bin ich hier? Und vor allem: Wer bin ich? (Seite 9).

Er ist gefangen in einem unübersichtlichen, labyrinthartigen Schloss, das auf einer Insel in einem See liegt und von einem Ungeheuer bedroht wird, das nur durch Licht in Schach gehalten werden kann. Um seine Zeit sinnvoll zu nutzen, arbeitet er – vor allem unterstützt von seinen Assistenten Aron und Nora – in der Lichtwerkstatt an der Entwicklung einer riesigen Glühbirne, die die Umgebung auch bei Nacht permanent erhellen soll.

Im Schloss herrscht eine strenge Hierarchie. Der König und die Ritter haben das Sagen, die Wachen und die Hofdamen führen ihre Befehle aus und geben sie an die gefangenen Arbeiter weiter. Das Ganze wirkt (obwohl es schon Elektrizität gibt) wie eine Welt aus einer fernen Zeit. Auch im angrenzenden Wald treiben sich von Einhörnern über sprechende Schneemänner bis zur bösen Hexe allerhand märchenhafte Gestalten herum. Und immer scheint es Winter zu sein.

Als dem Protagonisten ein Zauberstab in die Hände fällt und er von Aron einen Schlüssel erhält, der ihm unbekannte Gänge durch das Schloss öffnet, nimmt der Fluchtplan Gestalt an. Doch das Ziel bleibt unklar. Er schafft es zwar, dem Märchenschloss zu entkommen, landet jedoch in einer neuen Welt, die ihm noch unwirklicher erscheint. Was ist virtuell, was real? Und wie gelingt es ihm, sich zu erinnern? Die Reise geht weiter. Weiterlesen

Isabelle Autissier: Klara Vergessen

Spätestens seit Alexander Solschenizyns 1973 erschienenem Roman Archipel Gulag erfuhr die westliche Welt von den gefürchteten Straflagern, den Gulags, nördlich des Polarkreises. Bekannt ist, dass von einst rund 20 Millionen inhaftierten Menschen, die in diesen Lagern Zwangsarbeit unter schrecklichen Bedingungen ableisten mussten, zwei Millionen verstarben. Auch nach Stalins Tod 1953 besteht das System der Straf- und Arbeitslager bis heute weiter. In den Nachkriegsjahren versuchte das sowjetische System mit der Zwangsarbeit der Inhaftierten das am Boden liegende Land wieder aufzubauen. Die Auswirkungen des sowjetischen Staatsterrors bekamen auch die Angehörigen der Inhaftierten zu spüren. Mit welchen Konsequenzen und wie weitreichend diese Folgen noch für Generationen danach sein können, davon erzählt dieses Buch.

Ausgangsort von Klara Vergessen ist die Stadt Murmansk. Juri, ein Professor und Ornithologe, der in den USA lebt, kehrt nach 23 Jahren in seine alte Heimat Murmansk zurück, wo sein Vater im Sterben liegt. Nie wieder wollte er seinem Vater begegnen, der ihm die Kindheit zur Hölle machte, indem er in jeder Hinsicht Grenzen überschritt. Nun soll er sich auf Wunsch des Vaters auf die Spurensuche seiner Großmutter Klara begeben, was dieser selbst nie fertig gebracht hatte. Über Klara, die Geologin war, wurde in der Familie nicht geredet. Sie wurde wie so viele andere, Anfang der Fünfzigerjahre, als Juris Vater Rubin gerade vier Jahre alt gewesen war, als Staatsfeindin festgenommen. Nie wieder hatte man von ihr gehört. Doch mit ihrem Verschwinden hatte sich eine Schande, unter der alle zu leiden hatten, über die restliche Familie gelegt. Eben dieses Schicksal verhinderte fortan ein erträgliches Familienleben. Keiner gab dem anderen – vor allem nicht Juri, einen Halt und Zufluchtsort. So flüchtete Juri sich in die Einsamkeit und beobachtete Vögel. Dabei war er glücklich, fühlte sich frei. Er widersetzte sich dem Wunsch seines Vaters, der aus ihm einen Schiffskapitän, wie er es selbst war, machen wollte. Weiterlesen

Rainer Wekwerth: Beastmode 01: Es beginnt

Es beginnt damit, dass die Netze der Fischer zusehends leer bleiben. Der US-Militär-Geheimdienst stößt in der Beringsee auf ein rätselhaftes Energiefeld, das inmitten des Meeres Fische, Delphine und Wale anlockt – und verschwinden lässt. In den Einsatz entsandte Spezialeinheiten der Marines verschwinden ebenso spurlos, wie die Besatzungen von Ölbohrplattformen und Schiffen. Der Einsatz von Bomben führt nicht zum Zusammenbruch des Feldes, sondern vergrößert es nur.

Es droht eine weltweite Hungerkatastrophe wenn die Fischschwärme, wie begonnen, weiter die Weltmeere verlassen. Der US-Präsident erwägt gar den Abwurf einer Atombombe, vorher aber startet der SCF, der Special Command Force eine letzte, verzweifelte Mission. Aus dem ganzen Land werden Menschen rekrutiert, die besondere Gaben ihr Eigen nennen. Ein tätowierter Knacki etwa, der die Zeit, wenn auch nur für 5 Sekunden, anhalten kann. Oder eine Blondine ohne Gedächtnis, deren eine Körperhälfte aus unbekanntem kybernetischen Metall besteht. Mit von der Partie auch der Junge, der unsichtbar an seiner Seite als Aufpasser und Schutzengel vom Dienst seinen ungeborenen Bruder hat. Dazu gesellen sich ein vor zweihundert Jahren beschworener Dämon und eine 5000 Jahre alte, unsterbliche ägyptische Göttin. Zusammen sollen sie in die Blase eintauchen und den unheilvollen Vorgang beenden – koste es, was es wolle. Weiterlesen

Torsten Sträter: Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein

Das wird eine ganz kurze Rezension, denn ich kann sie in einem Wort zusammenfassen: Herrlich! Und da ich ein eingefleischter Torsten-Sträter-Fan bin, ist schon deswegen meine Beurteilung natürlich komplett unvoreingenommen.

Nein, im Ernst, die witzigen Geschichten, die spitzfindigen Glossen, die pointierten Beobachtungen und die liebevollen Ruhrpott-Anekdoten sind so wunderbar albern, so unglaublich treffend und so herrlich absurd, dass man sie einfach verschlingen muss. Oder, um mit Torsten Sträter zu sprechen: „Hallo, willkommen zu meinem neuen Buch! Komplett aus Holz, aber lustiger als eine Anrichte.“ (Klappentext).

Und wenn man dann beim Lesen mehrmals lauthals lachen muss, dann haben alle um einen herum auch noch was davon. Immerhin empfiehlt der Autor ja selbst, seine kurzen, aber prägnanten Texte zum Beispiel „In der Wanne. Im Zug. Bei der Fußpflege. Im Urlaub. …“ (S.10) zu lesen. Und meint dann, am Ende des unbedingt zu lesenden Vorworts: „Wenn Sie beim Lesen meine Stimme im Kopf haben, geht das übrigens völlig in Ordnung.“ (S. 11). Weiterlesen

Oliver Pötzsch: Faustus 02: Der Lehrmeister

Herbst, 1518: Vor sechs Jahren ist Johann Georg Faustus aus Nürnberg verschwunden. In den letzten Jahren war Faustus nicht sesshaft und ist mit Karl Wagner und Greta, der Tochter seiner verstorbenen Jugendliebe Margarete, als Zauberer und Gaukler durch das Land gezogen. Nie konnte er länger an einem Ort bleiben, denn sein ehemaliger Lehrmeister Tonio suchte ihn im ganzen Land. Doch auch andere Menschen werden auf Faustus aufmerksam, als das Gerücht aufkommt, dass er in der Lage sei, Gold herzustellen. Es beginnt eine Jagd durch das ganze Land …

Oliver Pötzschs „Der Lehrmeister“ ist der zweite Teil seiner Dilogie um „Die Geschichte des Johann Georg Faustus“. Der erste Band „Der Spielmann“ erschien im Herbst 2018 ebenfalls bei List. Zusammen umfassen die beiden Bände fast 1600 Seiten. Kaum zu glauben, dass man trotz der schieren Menge an Text vergeblich nach Längen sucht. Wie der erste Band ist auch „Der Lehrmeister“ durchweg interessant und spannend.

Der Geschichte wohnt eine ganz besondere Atmosphäre innen und innerhalb weniger Seiten hat man bereits das Gefühl, selbst ein Teil der Geschichte zu sein und viele der Erlebnisse am eigenen Leib zu erfahren. Weiterlesen

Esther Schmidt: Die Chroniken der Wälder 01: Das Erwachen der Hüterin

Das Leben des jungen Daric ist so gut wie vorbei. Er wurde des Mordes schuldig gesprochen und trägt nun einen Argkhansreif um den Hals, mit dem er außerhalb der Arena niemanden angreifen kann. Mit seinem Meister zieht er durchs Land und muss in den Arenen der Städte immer wieder seinen Mann stehen und um sein Leben kämpfen. Doch in dieser Nacht ist alles anders. Die Reisegruppe, in der er sich befindet, wird von Ghulen angegriffen und er kann nur mit dem Leben davonkommen, weil ihm eine Elynn, eine Elfe, hilft. Aroanída, die er schon bald wegen des komplizierten Namens Aroa nennt, und Daric sind nun aufeinander angewiesen. Denn die Gegend ist unwirtlich und weitere Ghule hoffen auf Beute. Nur gemeinsam können Daric und Aroa diese Aufgabe bestehen.

Anfangs ist das Duo aus Mensch und Elynn sehr gut gewählt. Aroa kämpft nicht, weil Elynn dies nie tun, Daric kann aufgrund des Argkhansreif nicht kämpfen. Jedes Mal wenn er jemandem körperlich schaden will, zieht sich der Reif um seinen Hals zusammen und schnürt ihm die Luft ab. Eindrücklich beschreibt er etwa zu Beginn der gemeinsamen Reise in seinen Gedanken, wie es war, das erste Mal zu töten. „Ein Menschenleben beenden – er hatte gemeint, selbst sterben zu müssen. Doch sein Herz war nicht stehen geblieben, die Welt war nicht zerbrochen. Keine Strafe der Götter – stattdessen ein zufriedenes Nicken seines Herrn.“ (Zitat 1. Teil, Kapitel 4). Daric wird bereits in den ersten Kapiteln sehr gut beleuchtet und man bekommt eine Idee davon, was seine Beweggründe sein könnten. Weiterlesen

Maria Adolfsson: Doggerland 02: Tiefer Fall

Weihnachten in Langevik – das Haus ist voll bei Kriminalinspektorin Karen Eiken Hornby. Fast ein bisschen zu voll für ihren Geschmack. Deshalb ist sie nicht allzu traurig, dass sie ihr Chef – obwohl sie nach dem „Showdown“ ihres letzten Falles noch krankgeschrieben ist – wegen eines Mordfalls auf die Insel Noorö, ganz im Norden von Doggerland, abkommandiert. Viele Kollegen leiden unter einer grassierenden Grippe, die anderen sind im Weihnachtsurlaub, es gibt keine Alternative. Gemeinsam mit dem Gerichtsmediziner und Sören Larsen von der Spurensicherung macht sie sich auf den Weg.

Der pensionierte Hochschullehrer Fredrik Stuub ist bei einem Sturz in eine mit Wasser gefüllte Kiesgrube ums Leben gekommen. Das heißt, eigentlich ist er kurz davor auf einem Felsvorsprung hängengeblieben, sonst wäre er vielleicht auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwunden. Schnell ist klar, dass er nicht einfach gestolpert und gefallen ist, sondern dass er bewusstlos geschlagen und hineingeworfen wurde. Wer könnte diesem alten Mann nach dem Leben getrachtet haben? Es gibt kaum Spuren und schon gar kein Motiv. Doch Fredrik Stuubs Wohnung wurde durchwühlt. Wer hat was gesucht? Hat Fredriks Enkel Gabriel etwas damit zu tun, der gerne reich wäre, ohne etwas dafür zu tun, oder haben die Besitzer der örtlichen Whiskybrennerei ihre Hand im Spiel? Weiterlesen

Frank Goosen: Kein Wunder

Das Berlin der Achtziger hatte immer was Verstörendes an sich. Es ist genau die Zeit, in der auch ich des Öfteren über Helmstedt nach Berlin gurkte. Mal mit Band, mal einfach so oder zu einem Pokalspiel. Alleine das sich nähern an die Grenzkontrollen… ich kann heute noch das Gefühl in mir schmecken von dieser absurden (zu leicht, ich weiß) Scheiße. Jedenfalls spielt Goosens Roman Ende der Achtziger, also kurz vor dem Mauerfall. Wunderbar beschrieben sind Dialoge zwischen Ost – und Westlern, noch nicht geprägt von dem baldigen Zusammenbruch, sondern eher davon, dass keiner überhaupt einen Plan hat. Außer Fränge, aber das hat eher mit seinen Frauengeschichten zu tun. Als Westler in Berlin darf er rüber und hat, so ist er nun mal, auf jeder Seite eine Flamme, Marta in Westberlin und Rosa im Osten.

Förster, den wir ganz nah begleiten, fährt mit Brocki, den gemeinsamen Kumpel Fränge in Berlin besuchen. Fränge, Brocki und Förster sind Bochumer Szenegeschichte. Nur ist Kneipenleben in Berlin eben doch was anderes als Tief im Westen. Weiterlesen