Julia Lange: Blutgesang

In Midea wohnen Einheimische neben dem Volk der Zatarsi, die andersartig und fremd sind, was ein von Misstrauen geprägtes Verhältnis schafft.

Die Zatarsi leben abgeschottet von den anderen Bürgern in ihrem eigenen Viertel, wo ihre eigenen Regeln gelten und ihre eigene Kultur gelebt wird. Nichts ist den Zatarsi so wichtig, wie Musik. Die Geräusche außerhalb des Viertels werden von ihnen als grober Lärm empfunden – einer der Gründe, sich von den Einheimischen fernzuhalten.

Dies erfährt die junge Sängerin Elezei gegen ihren Willen, als sie das Viertel der Zatarsi verlassen muss. Ihr wird vorgeworfen, einen Hüter angegriffen zu haben, einen derjenigen, die in Midea für den Frieden sorgen.

Der junge Adlige Valerian hat ganz andere Probleme, als er Elezei zum ersten Mal begegnet. Sein Blut ist verflucht – ein Umstand, der normalerweise zu einem Brandzeichen auf der Stirn und in den schlimmsten Fällen zu einer lebenslangen Haft führt.

In seiner Verzweiflung tut er sich mit Elezei zusammen, die selbst versucht, den Hütern zu entkommen. Beide werden von dem Wunsch angetrieben, wieder nach Hause zu dürfen. Weiterlesen

Ben Aaronovitch: Die Glocke von Whitechapel

Mit der „Gocke von Whitechapel“ ist Zauberlehrling Peter Grant endlich wieder mit einer längeren Geschichte als der enttäuschenden letzten zurück. Bei diesem nun 7. Band ist es allerdings endgültig hoffnungslos, erst damit anzufangen, dazu wird einfach viel zu viel Vorwissen vorausgesetzt, um der Handlung noch folgen zu können. Der „Gesichtslose“ ist enttarnt, ist jedoch mit Hilfe seiner Gehilfin, ausgerechnet Peters ehemaliger Kollegin Lesley, wieder entkommen. Und dieser Mal ist sein Ziel nicht kleiner als die Zerstörung ganz Londons.

In dem Buch geht es um Peter und seine Liebe zu einer Flüssin, es geht um alte Schuld und neue Herausforderungen. Das Folley ist in den Kreisen der Metropolitan Police zumindest, sagen wir mal – zur Kenntnis genommen. Und die Zauberei entwickelt sich langsam zu einer Grantschen Familientradition. All das ist mit dem gewohnten Witz erzählt, man amüsiert sich köstlich während man dieses Buch liest.

Aber: Bei den ersten Büchern der Reihe, hatte man immer den Eindruck, dass die Geschichte auf ein großes Ganzes zuläuft. Dass es irgendwann ein hypergeniales Ende der Reihe geben würde, was auch immer Ben Aaronovitch sich dafür ausdenken könnte. Weiterlesen

Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

Mütter und Töchter – eine lebenslang schwierige Beziehung. Autorin Vivian Gornick schildert eine dieser „Sie lieben und sie hassen sich“- Geschichten, die ihrer eigenen Biografie entsprungen ist. Während der gemeinsamen Spaziergänge durch New York lässt sie in herrlich bösartigen Dialogen die Lebensentwürfe von sich und ihrer Mutter aufeinanderprallen. Ein Minenfeld voller spitzzüngiger Gemeinheiten. Gornicks Mutter muss in den 30er Jahren ihren Beruf für ihre beiden Kinder aufgeben – der Ehemann wollte es so – und hasst fortan ihre eintönige Existenz als Hausfrau. Den Frauen in ihrem Häuserblock intellektuell überlegen, findet sie in Klatsch und Besserwisserei bald ihre neue Bestimmung. Tochter Vivian hingegen lebt ein völlig anders Leben als Journalistin und Schriftstellerin, finanziell unabhängig, ohne Mann und Kinder. Zwischen Neid und Bewunderung für das Leben der jeweils anderen schwankend, können die beiden nicht mit- und nicht ohne einander leben. Am Ende müssen beide erkennen, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen.

In wundervollen, fast schon poetischen Szenen, schildert die Autorin ihre Kindheit im New Yorker Stadtteil Bronx in den 40er Jahren. Die Vierteil sind in jüdische, italienische und irische Einwanderer gegliedert, die Familien teilen nicht nur das Badezimmer am Ende des Flurs, sondern auch das Leben der anderen miteinander. Hier charakterisiert die Autorin verschiedene Frauenbilder, darunter auch Nachbarin Nettie, die einzige Nichtjüdin im Block, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Sexualität frei auslebt. Weiterlesen

Niklas Natt och Dag: 1793

Stockholm, 1793: Die stark verstümmelten Überreste eines Menschen treiben in der Kloake der Stadt. Der Jurist Cecil Winge muss sich mit dem Fall auseinandersetzen und gerät immer wieder mit dem ermittelnden Jean Michael Cardell aneinander. Doch nur wenn die beiden zusammenarbeiten, wird es ihnen gelingen, diesen komplexen Fall zu lösen. Was ist dem Mann, dessen Überreste sie gefunden haben, wirklich passiert? Die Antwort führt die beiden auf einen gefährlichen Pfad.

„1793“ ist genial. Man kann es nicht anders sagen. Der Roman ist genial und nochmals genial. Ich habe seit langem nicht mehr ein solch guten historischen Kriminalroman wie diesen gelesen. Er ist sehr abwechslungsreich und zeigt dabei ein authentisch wirkendes Bild der Zeit. Im 18. Jahrhundert war nichts einfach und man musste täglich ums Überleben kämpfen, wenn man bestimmten Gesellschaftsschichten angehörte. Cecil hat eine schwere Lungenkrankheit und jeder Tag wird für ihn beschwerlicher. Weiterlesen

Jessi Kirby: Offline ist es nass, wenn’s regnet

Bri und Mari. Geboren am selben Tag des Jahres von ihren Tanten, sind sie von klein auf unzertrennlich. Noch mit 13 Jahren glaubten sie, dass das immer so sein würde. Doch dann veränderten sie sich. Bri zog es in die Natur, Mari ins Netz. Mittlerweile ist Mari ein gefeierter Online-Star, stellt massenweise Posts und Videos von ihrem Leben ein. Und Bri? Bri ist vor wenigen Monaten gestorben! An ihrem 18. Geburtstag stolpert Mari auf Bris Facebook-Seite über einige tiefgründige Erinnerungs-Posts und ist berührt. Sie beschließt, ihrem eigenen Online-Dasein ein Ende zu setzen. Just am nächsten Morgen erhält sie in einem Paket von ihrer Tante Bris Wanderausrüstung. Und da beschließt Mari kurzerhand, Bris Traum wahrzumachen: Sie wird den Trail vom Yosemite Nationalpark aus laufen, auf den sich Bri so lange vorbereitet hatte. Dumm nur, dass die online lebende Mari so gut wie gar nicht vorbereitet ist …

Eine junge Frau ändert ihr Leben radikal, stellt sich ihrem Online-Leben entgegen und wandert mal so eben den John Muir Trail. Und das ohne große Vorbereitung. So schwer fällt es Mari dann auch. Gleich zu Beginn wird sie gewarnt, nicht allein als junges Mädchen unterwegs zu sein. Weiterlesen

Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Vermächtnis

Der Sommer braucht seine eigene Lektüre! Und weil dies so ist, halte ich das Erscheinungsdatum von Kommissar Dupins achten Fall für bewusst und geschickt gewählt. Aber in diesem Band ist es nicht das Erscheinungsdatum allein, das Urlaubsstimmung aufkommen lässt. Protagonist Dupin darf in Concarneau, quasi vor seiner eigenen Haustür, ermitteln. Und hier schlägt auch das Herz des Autors. Jean-Luc Bannalec macht aus seiner Vorliebe für die Südbretagne kein Geheimnis. Sein Kommissar darf, neben seiner Ermittlungstätigkeit, hemmungslos schwärmen für bretonische Landschaften, Strände, Orte und Produkte, von seinen kulinarischen Vorlieben ganz zu schweigen. Ganz selbstverständlich wird das „Amiral“, Dupins Stammrestaurant, zum Besprechungsort für das Ermittlerteam, in das zwei neue Polizistinnen eingeführt werden. Stellenweise erweckt der Autor den Eindruck, als wolle er dem Ort der Handlung, Concarneau mit seinen Häfen, mit seiner Altstadt, Galerien, Restaurants und Traditionen eine besondere Würdigung zuteilwerden lassen. Immer wieder hat der Lesende das Gefühl: „Ich muss da mal hin.“ Ein gewollter Nebeneffekt zum Krimiplott? Warum nicht!

Eine alte Geschichte holt die Gegenwart ein. Es braucht seine Zeit, bis der Kommissar begreift, dass der Krimi „Gelber Hund“ von Georges Simeon, der 1031 veröffentlicht wurde und in Concarneau spielt, mit seinen aktuellen Morden zu tun hat. Weiterlesen

Judith & Christian Vogt: Die dreizehn Gezeichneten – Die Verkehrte Stadt

Vor nicht allzu langer Zeit, war der Stadtstaat Sygna noch Bestandteil des Aquintienschen Reiches. Dann rebellierten die Zünfte, die Menschen und Gezeichneten und warfen die Besatzer buchstäblich aus den Mauern der Stadt. Dass dabei so einige Geheimnisse, die bislang in den tiefsten Katakomben der Stadt wohl verborgen waren ans Tageslicht gezerrt wurden, erweist sich als Krux. Die Särge, die geöffnet, die mächtigen Ur-Zeichen, die freigesetzt wurden suchten sich neue Wirte – und dies nicht nur unter den Einwohnern Sygnas, sondern auch bei der vor den Toren der Stadt lagernden Aggressoren. Während der Kaiser höchstelbst mit seiner übermächtigen Armee auf die Stadt zu marschiert, suchen die Rebellen verzweifelt nach Verbündeten. In einer ersten großen Schlacht gelingt es der Schmiedin Elisabetha Eisenhammer zusammen mit Dawyd dem Kaiser eine Niederlage beizubringen. Als Dank wird sie vom General Sygnas ihres Amtes enthoben und unter Arrest gestellt.

Schnell wird deutlich, dass, nachdem die Besatzer erfolgreich aus der Stadt geworfen wurden, die Zünfte ihre Pfründe zu sichern suchen. Die Begüterten und Mächtigen haben nur eines im Kopf – sich selbst.

Zeichen für die niederen Bürger, Wohlstand für alle gar ist für sie undenkbar. So gesellen sich zum äußeren Konflikt auch diverse innere Kämpfe – um Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, zwischen Arm und Reich, zwischen Zeichenkundigem und einfachen Bürgern. Weiterlesen

Karin Nohr: Kieloben

Ingas Leben ist aus den Fugen geraten seit ihr Mann Friedrich vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie hat die gemeinsame internistische Praxis aufgegeben und wälzt nun bei der Deutschen Rentenversicherung Akten. Als sie 55 wird und ihr Sohn Sebastian nach dem Abi eröffnet, dass er für ein Jahr nach Australien gehen wird, beschließt sie, nach Norwegen zu reisen.

Nicht weit von den Orten, an denen ihr Vater als Offizier im 2. Weltkrieg auf einem Boot das Kommando hatte, beginnt sie nachzudenken: über ihre Eltern, ihre Brüder Matthias und Markus, ihre Kindheit und Jugend. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel startet sie einen Mailverkehr mit ihren Brüdern, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, denn jeder der Geschwister hat ein anderes Bild, andere Erinnerungen an das Leben in der Familie. War die Mutter glücklich mit ihren Kindern oder waren sie ihr eine Last? War der Vater wirklich monatelang auf Sprachkursen in Frankreich oder wegen seiner Kriegstraumata in psychiatrischer Behandlung? War er Kriegsheld oder Täter? Weiterlesen

Bo Svernström: Opfer

Hauptkommissar Carl Edson aus Stockholm stößt nach dem Fund eines gefolterten Mannes auf eine Serie von Morden, die alle auf einen Täter hinweisen. Schnell entwickelt sich dieser Fall völlig anders als alles, was er bisher erlebt hat.

Der Journalistin Alexandra Bengtsson ergeht es ähnlich. Ihr sensationsgieriger Chef setzt sie auf diese Story an und bringt sie, ohne es zu ahnen, in größte Schwierigkeiten.

Bo Svernström, Autor, Dr. der schwedischen Literatur und Journalist, legt mit seinem Debüt einen ungewöhnlichen Thriller vor, der von Ulla Ackermann übersetzt worden ist.

Sein Thema ist das Wechselspiel zwischen Täter und Opfer, bei dem die alttestamentarische Auffassung von Gerechtigkeit »Auge um Auge, Zahn um Zahn« die Regie übernommen hat. Seine Opfer stecken unmenschliche Grausamkeiten ein, nachdem sie selbst als Täter eine Brutalität ausgelebt haben, die nur verstören kann. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter sind deshalb aufgelöst. Niemand kann sich sicher fühlen, weil Justiz und Polizei naturgemäß immer zu spät kommen. Weiterlesen

Norbert Zähringer: Wo wir waren

Toll. Großartiges Buch. Wenn mich vor der Lektüre dieses Buches eine Buchhändlerin gefragt hätte, was ich so am liebsten lese, hätte ich gesagt, „Gute Romane erzählen für mich eine Geschichte, die in einem überschaubaren Zeitabschnitt spielt (möglichst so, dass ich mich auch darin spiegeln kann) – und die darüber hinaus fundierte, wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse vermittelt und das am liebsten alles vor dem Hintergrund eines Familiendramas oder Krimis, welches über mehrere Generationen durch das 20. und 21. Jahrhundert gespült wird“. Ohne zu zögern hätte mir die Kollegin von der Literaturverteilerzunft Norbert Zähringers epochales Werk „Wo wir waren“ in die Hand gedrückt! Und womit? Mit Recht! Dankbar lege ich dieses Buch zur Seite, welches alles beinhaltet, was man von großer Literatur erwarten kann!  Ob die furchtbar dunklen, vergangenen Zeiten der beiden Weltkriege bis nach Vietnam oder die Träume einer spannenden Zukunft (im All) – alles ist da in dieser wunderbaren Erzählung. Weiterlesen