Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels

Haruki Murakami … Tja, was soll ich sagen? Unvoreingenommen starten kann ich diesen Text auf jeden Fall nicht. Oder besser unfüreingenommen. Denn an jenem Abend, als ich meinen ersten Haruki-Murakami-Roman auf einem fremden Schrank fand, vergessen, verstaubt, verwaist, an jenem Abend gewann ich auch ein Stück Weltliteratur, das ich nicht mehr missen möchte. Also bitte wundert euch nicht, wenn ich allzu überschwänglich über diesen, meinen Lieblingsautoren schreibe, der mich so für sich eingenommen hat, obgleich ich ihn selten verstehe.

Der 2020 erschienene Roman „Die Chroniken des Aufziehvogels“, der schon 1994 unter seinem japanischen Namen „Nejimaki-dori kuronikuru“ publiziert wurde, ist noch immer so brandaktuell und flüssig zu lesen, als wäre er just gestern aus Murakamis Feder geflossen. Eine Eigenschaft, die all den verworrenen Erzählungen des Japaners zu Eigen sind und die einen Teil ihres Charmes ausmachen. In diesem Werk geht es um Herrn Aufziehvogel, dessen wahrer Name nichts zur Sache tut. Auf über tausend Seiten verliert er seine Frau und sich selbst, steigt in wasserlose Brunnen und lernt Menschen seltsamer Namen wie Natur kennen, die ihn einführen in die Kunst der mentalen Reise. Er wartet viel und findet schließlich. Die Katze. Einen Weg durch die Wand. Das Wasser. Seine Frau. Sich selbst? Weiterlesen

Dana Grigorcea: Die nicht sterben

Achtung: Lassen Sie sich von Titel und Cover nicht täuschen! Wer hier eine klassische Vampirgeschichte mit blutrünstigen Untoten erwartet, wird enttäuscht. „ER“ wabert, klettert, fliegt und sexelt lediglich im Hintergrund. Auf 260 Seiten wird ihm gerade einmal eine Dialogzeile zugesprochen. Stattdessen entscheidet sich die aus Bukarest stammende Autorin für eine andere Perspektive: Für einen Sitten- und Gesellschaftsroman Rumäniens beginnend im 15. Jahrhundert über Diktatur und Wende bis in die Gegenwart. Die wahren Blutsauger sind allgegenwärtig: Menschen mit ihrer unersättlichen Habgier nach Geld, Macht, Besitz. Ob im Makrokosmos der Politik oder im Mikrokosmos eines kleinen Feriendorfes.

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht einer Künstlerin, die in einem Bergdorf nahe Transsilvanien die Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. Im Haus ihrer Tante Margot ging die betuchte Bukarester Gesellschaft ein und aus. Nach ihrem Studium in Paris kommt die junge Frau zurück, um sich von der Naturschönheit der Gegend inspirieren zu lassen. Doch etwas hat sich verändert – ihr Blickwinkel.

Die kindliche und jugendliche Autorin sieht den Glanz des Sternenhimmels, das ausgelassene Toben in den Feldern mit den Dorfkindern, die illustre Gesellschaft der Bukarester High Society, einen Sommer voller Freizeitvergnügungen. Die erwachsene Erzählerin entdeckt das Dahinter. Illegale Müllhalden im Wald, nicht minder illegale Abholzung in Naturschutzgebieten, Korruption auf allen Ebenen, verfallene Bauruinen, ärmliche Alte und immigrierende Junge. Weiterlesen

Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten

Marc Elsberg ist zurzeit sicherlich einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Thrillerautoren. Bekannt wurde er mit seinen Büchern ‚Blackout‘, ‚Zero‘ und ‚Helix‘. Zuletzt beschäftigte er sich in ‚Gier‘ auf spannende Weise mit dem Thema Wettbewerb. Mit ‚Der Fall des Präsidenten‘ ist nun von ihm ein Politthriller erschienen.

Douglas Turner, der Amtsvorgänger des aktuellen US-Präsidenten trifft mit Privatjet und Bodyguards in Athen ein, wo er für einen Vortrag gebucht wurde. Zu seiner großen Überraschung wird er jedoch direkt am Flughafen im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) von der griechischen Polizei verhaftet. Der Vorwurf lautet: Kriegsverbrechen.

Diese Verhaftung hat in der Welt große Aufmerksamkeit zur Folge und wird insbesondere in den USA mit Entsetzen und Unverständnis aufgenommen. Arthur Jones, der direkte Amtsnachfolger Turners und gerade mitten im Wahlkampf, wird sofort aktiv und macht deutlich, dass die USA die Verhaftung eines Ex-Präsidenten auf keinen Fall akzeptieren werden. Weiterlesen

Naomi Novik: Scholomance 01: Tödliche Lektion

Sie kennen sie alle – Fantasy-Reihen um magische Internate. Charlie Bone ging auf ein Solches, ein nicht unbedingt charismatischer Steppke mit einer Narbe auf der Stirn – hieß der nicht irgendwie Harry P irgendwas? – besuchte ein Anderes, die Liste ließe sich mühelos auf Klopapierrolle verlängern.

Galadriel – mit so einem Namen geschlagen zu sein führt zwangsläufig dazu, dass die besagte Person entweder in jungen Jahren von einer Brücke springt, oder aber tough ohne Ende wird – genannt El, stammt aus einer Familie von Magiern. Ihr Vater starb, als er seine schwangere Frau beim Verlassen der Magierschule Scholomance rettete, seitdem bekam El von ihrer Großmutter väterlichseits eine mehr als finstere Prophezeiung mit auf den Weg – von Wegen, aus ihr würde eine Weltenzerstörerin – und wuchs in der Hippie-Kommune ihrer Mutter mehr geduldet, als geliebt auf. Seit einigen Jahren besucht sie nun selbst Scholomance – das Internat, auf dem alle und ich meine wirklich ausnahmslos alle Magier ihr Handwerk lernen. Dass vier Fünftel dabei auf der Strecke bleiben, – so wie in Sterben, grausam von Monstern verschlungen werden, sie wissen schon, was ich meine – führt dazu, dass die ausgesiebten Überlebenden nur um so versierter und lernbegieriger sind. Motivation ist alles, da können viele Assessment-Coaches sich Einiges vom Internat abschauen!

Eine Lehranstalt also, die ein wenig anders ist, als gewohnt. Keine Lehrer, keine Ferien, keine Streiche – stattdessen beständiger Kampf und jede Menge Opfer – wie in tote Schüler en Masse. Nun hat El in ihrem mittlerweile 16 Jahre andauernden Leben eines wirklich gelernt – nur auf sich selbst zu bauen, keine Freundschaften einzugehen und sich ja nie, niemals auf jemanden Anderen zu verlassen. Weiterlesen

Romalyn Tilghman: Die Bücherfrauen

Den Unterschied zwischen Erwartung und Realität nennt man Enttäuschung. Und hinsichtlich dieses Romans wurde meine Erwartung leider nicht erfüllt.

Erzählt wird die Geschichte einer Kleinstadt in Kansas. Oder ist es die Geschichte von Angelina, die ihre Dissertation über die Bibliothek der Stadt schreiben will? Oder ist es die Geschichte von Traci, der Künstlerin, die für ein Jahr nach New Hope kommt, um dort Kunstprojekte zu realisieren und die Frauen und Jugendlichen der Stadt künstlerisch anzuleiten? Oder welche Geschichte erzählt uns die Autorin?

Genau das ist der Punkt, während des gesamten Romans wurde mir das nicht wirklich klar. Geschrieben ist er aus drei wechselnden Perspektiven. Zum einen der von Angelina, die in den Ort ihrer Geburt zurückkommt, vordergründig, um ihre Doktorarbeit zu vollenden. Deren Thema sind die von Andrew Carnegie zahlreich gespendeten öffentlichen Bibliotheken in amerikanischen Kleinstädten. Gleichzeitig folgt sie aber auch den Spuren ihrer Großmutter, die sich für die Gründung und den Erhalt der örtlichen Bibliothek schon vor einhundert Jahren einsetzte. Von Bedeutung sind hier besonders deren verschollene Tagebücher. Weiterlesen

Beat Sterchi: Capricho: Ein Sommer in meinem Garten

Der Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi (Jahrgang 1949) hat in seinem Debütroman „Blösch“ aus dem Jahr 1983 die Geschichte eines spanischen Gastarbeiters auf einem Bauernhof in der Schweizer Provinz geschrieben. Am 24. März 2021 ist sein neues Buch mit dem Titel „Capricho – Ein Sommer in meinem Garten“ im Diogenes Verlag erschienen.

In „Capricho“ (auf Deutsch „Laune“) kommt ein Autor wie jedes Jahr im Sommer in ein spanisches Dorf, um Urlaub zu machen. Inzwischen gehört ihm auch ein „huerto“, ein über ein Kanalsystem bewässerter Gemüsegarten. In der Zeit seiner Abwesenheit hat sich dort das Unkraut breit gemacht. Aber der Ich-Erzähler macht sich unverdrossen und freudig an die Arbeit. Er will Kartoffeln setzen. Aber eigentlich hat er sich vorgenommen, die Geschichte des Dorfes aufzuschreiben. Nur stellt sich keine Schreiblaune bei ihm ein. So verbringt er die meiste Zeit in seinem „huerto“. Hört sich geduldig die guten Ratschläge der spanischen Nachbarn an und ringt um den „roten Faden“ für seinen Text. Zwischendurch besuchen ihn seine Ehefrau und seine Tochter für ein paar Tage. Er füllt Notizbücher mit Stichwörtern, liest Bücher und Zeitungen, fährt zum Einkaufen in die Stadt oder zum Baden ans Meer. Und die Launen der Natur (Wetter, Tiere) durchkreuzen die Ernte einiger Gemüsesorten. Aber die Kartoffeln schmecken herrlich. Erst kurz vor der Abreise gelingt dem Autor der Durchbruch bei seinem Schreibprojekt. Weiterlesen

Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen

Zum Niederknien komisch: Howard Jacobson schafft es, eine politisch völlig unkorrekte Person so darzustellen, dass wir ihr beim Lesen mit Haut und Haar verfallen. Die 99-jährige Beryl ist latent rassistisch, überheblich, besserwisserisch, resolut, sarkastisch. Ihre ausländischen Pflegerinnen werden von ihr permanent „optimiert“, Männern hat sie nach etlichen Beziehungen abgeschworen, die eigenen Söhne – ganz zu schweigen von den lästigen Enkeln und Urenkeln – sieht sie am liebsten von hinten, beim Verlassen des Hauses. Ihr Hobby: Textilien mit ausgefallenen Sprüchen über den Tod zu besticken. Beispiel: „Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten.“

Keine Frage: Beryl ist „Bad Ass“! Aber sie zieht ihr Ding durch. Die ehemalige Lehrerin ernennt sich kurzerhand selbst zur Prinzessin. Sie lässt sich weder von beginnender Demenz, noch von anderen Altersgebrechen ins Bockshorn jagen. Sie sagt, was sie denkt. Gibt zu allem ungefragt ihren Senf dazu. Scheut sich nicht, verwegenen Gedankengängen nachzuspüren. Daraus ergeben sich skurrile Situationen mit tiefschwarzem Humor. Weiterlesen

Sabine Friedrich: Was sich lohnt

Wie soll man ein Buch rezensieren, das sich mit historischen Figuren und historischen Ereignissen befasst, auch wenn es vordergründig als Roman erscheint? Noch schwieriger wird es, wenn es sich bei den Ereignissen um den Widerstand gegen die Nationalsozialisten in den 30er und 40 Jahren des letzten Jahrhunderts handelt. Denn die Handlung entzieht sich von vornherein einer Bewertung. Bleibt also, den Stil der Autorin zu betrachten.

Der vorliegende Roman ist der zweite Band einer Trilogie um den Deutschen Widerstand. Dabei konzentriert sich die Autorin insbesondere auf die Familien respektive die Ehefrauen der Widerständler. Leider habe ich den ersten Band nicht gelesen, das mindert aber weder Verständnis noch Wirkung dieses Romans.

Geschildert werden die Ereignisse beginnend 1912 bis Ende 1943. Die Leserin wird mitgenommen auf die Familiensitze der, oft adligen, Protagonisten. Deren Namen jeder kennt oder kennen sollte: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Helmuth James Graf von Moltke, Peter Yorck Graf von Wartenberg oder Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, um nur einige zu nennen. Wir lernen diese Männer kennen als Schulbuben, als Gymnasiasten und Studenten, wir begleiten sie auf Brautschau und belauschen sie bei Familienfeiern. Und immer wieder führen sie heftige, streitbare und tiefgründige Diskussionen über die Lage im Land, die politische zumeist, aber auch die wirtschaftliche oder soziale. Weiterlesen

Jennifer L. Armentrout: Dark Elements 05: Goldene Wut

Als Tochter des Erzengels Michael ist Trinity die letzte noch lebende Trueborn, halb Mensch, halb Engel und es liegt an ihr, die Apokalypse aufzuhalten. Sie muss den Boten finden, einen mysteriösen Unbekannten, der wahllos Wächter wie Dämonen abschlachtet. An ihrer Seite hat sie den Wächter Zayne, der ihr persönlicher Beschützer ist, seit ihr früherer Beschützer und ehemals bester Freund Trinity verraten hat und an den Boten ausliefern wollte.

Die Suche nach dem Boten erweist sich als schwierig. Der Unbekannte scheint ihnen immer einen Schritt voraus zu sein und sich über die Unwissenheit seiner Jäger zu amüsieren. Seine Anwesenheit in der Stadt sorgt für immer mehr Opfer und unerklärliche Vorfälle.

Als sei die Aufgabe, die Welt zu retten, nicht schwer genug, muss Trinity auch noch gegen ihre Gefühle für Zayne ankämpfen. Eine Beziehung zwischen einer Trueborn und ihrem Wächter ist verboten und mit Konsequenzen verbunden, dennoch können weder Trinity noch Zayne sich immer gegen ihre Gefühle wehren. Dass sie durch die magische Verbindung, die sie teilen, die Gefühle des anderen so stark wie ihre eigenen wahrnehmen können, macht die Situation nicht einfacher … Weiterlesen

Robin Robertson: Wie man langsamer verliert

Der schottische Dichter Robin Robertson (Jahrgang 1955) stand mit „The Long Take or A Way to Lose More Slowly“ (Originaltitel) auf der Shortlist des Man Booker Prize 2018. Am 15. März 2021 ist die deutsche Version „Wie man langsamer verliert“ in einer Übersetzung von Anne-Kristin Mittag beim Carl Hanser Verlag erschienen.

Der kanadische Kriegsveteran Walker kommt 1946 nach New York City. Geplagt von seinen Erinnerungen an die Erlebnisse beim Einmarsch der Alliierten in die Normandie, streift er durch die Straßenschluchten auf der Suche nach Arbeit. Er findet sie auf den Docks am Hafen. In einer Kneipe trifft er auf den Regisseur Robert Siodmak, der ihm von seinen nächsten Dreharbeiten in Los Angeles erzählt. Walker beschließt, nach Westen zu gehen. Dort trifft er auf Billy Idaho, Exsoldat und obdachlos, der ihm die „Stadt der Engel“ zeigt. Er ergattert einen Job bei einer Zeitung in der Lokalredaktion. Für eine Reportage über Obdachlose reist Walker nach San Francisco. Mit im Gepäck seine Kriegserlebnisse und die Erinnerungen an seine kanadische Heimat Nova Scotia. Zurück in Los Angeles macht er ein Geständnis. Weiterlesen