Matthias Jung: Chill mal!: Am Ende der Geduld ist noch viel Pubertät übrig

Als meine Tochter 12 Jahre alt war, schrieb ich ein Lied über die kritische Zeit der Pubertät. Im Refrain steht: „Sie ist so jung, so unverfroren unalt, sie ist so cool, und oft Lichtjahre entfernt – sie weiß so viel, vor allem alles besser, manchmal redet sie als käme sie von einem andern Stern, und genau das Gleiche, denkt sie über ihren alten Herrn“. Tja, jetzt ist sie mehr als doppelt so alt und ich spiele dieses Lied noch immer. Weil es zeitlos ist und ich die Worte geplagter Eltern immer noch gerne höre: „Herr Ape, sie singen genau von meiner Tochter“. Das zu beschreiben ist auch Matthias Jung mühelos gelungen. Man kennt ja diesen Psychotest, wenn ein Proband mal ganz schnell drei Dinge sagen soll: „Musikinstrument, Werkzeug, Farbe“. Die Antwort kommt zu nahezu 90% wie aus der Pistole geschossen: „Geige, Hammer, rot“. Und den vorher mit genau diesen drei Begriffen beschriebenen Zettel, hält man diesen verdutzen Zeitgenossen vor die Nase. Weiterlesen

Michael Hamannt: Die Dämonenkriege 01: Die Dämonenkriege

„Die Dämonenkriege“ ist Michael Hamannts Debut-Roman.

Die Schwebenden Reiche sind Inseln, verbunden durch Feuerflüsse. Geschaffen wurden sie von Überlebenden des ersten Dämonenkriegs. Diese Menschen erlangten in ihrer Versklavung in der Gegenwelt selbst magische Kräfte, retteten die letzten ihres Volks und schufen nach der gemeinsamen Flucht die Schwebenden Reiche auf der Erde. Die Grenzen zur Gegenwelt wurden gesichert – aber Risse, durch die Dämonen auf die Erde kommen konnten, gab es immer wieder. Zum Schutz der Menschen wurden magisch begabte Dämonenjäger eingesetzt.

Ryk ist der mächtigste unter ihnen. Getrieben von Rache jagt er die Val’kai, wie die Dämonen in ihrer eigenen Sprache heißen. Und bald schon wird offensichtlich, dass ein mächtiger Dämon das Menschenreich betreten hat. Steht ein neuer Dämonenkrieg bevor? Ryk geht mit Kela, einer Halbdämonin und dem jungen Prinzen Ishan auf die Jagd.

Ein weiterer Hauptcharakter ist die Keesa Catara, deren Volk einst von einem Dämon verflucht wurde und die nun als Attentäterin dient. Sie ist meines Erachtens die interessanteste Persönlichkeit im Buch. Weiterlesen

Paula Daly: Stiefmutter

Die sechzehnjährige Verity hat versucht, ihre Stiefmutter Karen zu erwürgen. „Ich wusste, dass ich aufhören muss. […] Aber die Wahrheit ist: Ich wollte gar nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, ich wollte, dass sie zu atmen aufhört.“ [Zitat S. 201]

Nach und nach enthüllt die Autorin, mit welchen Problemen die Patchworkfamilie zu kämpfen hat. Noel hat seine Tochter Verity in die Ehe eingebracht, Karen ihren etwa gleichaltrigen Sohn Ewan. Ihn hat Karen aufgegeben, er tut nichts anderes, als mit Freunden abzuhängen und zu kiffen. Karen richtet all ihre Energie auf Brontë, die gemeinsame Tochter mit Noel. Brontë ist zehn und ein Wunderkind, meint jedenfalls Karen. Sie hat die Kleine zu ihrem Projekt gemacht. Brontës Terminkalender lässt kaum Zeit zum Essen; sie spielt Klavier und Harfe, sie tanzt, zudem erwartet Karen schulische Glanzleistungen von ihr.

Verity liebt ihre Halbschwester. Brontë tut ihr leid; nie hat sie Zeit für sich, Karen lässt sie nicht aus den Augen, überlastet sie mit ihren Erwartungen. Der „Vorfall“ hatte mit Brontë zu tun: Verity hat Karen gewürgt, weil sie ihre kleine Schwester beschützen wollte. Weiterlesen

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2

Als ich den ersten Band vor ca. einem Jahr gelesen habe hat es mich fast umgehauen. Es traf mich unvermittelt, wie ein Schlag in die Magengrube und ich habe das Buch geliebt, gehasst und gefressen. Ein paar Monate vorher war da noch Michel Houellebecq mit „Unterwerfung“ auf meiner Leseliste und ich schwor nach der Lektüre dieser beiden gesellschaftspolitischen Abrechnungen, dass ich keinen Pfifferling mehr auf das Abendland setzen würde. Weil sich (ich zitiere wörtlich aus Subutex 2, Seite 70):“…die Leute seit (…) Jahren das Gehirn haben waschen lassen, dass sie nur noch eins wollen, nämlich ihren Hass auf die Kameltreiber rausschreien. Man hat ihnen die Würde geraubt, die sie in Jahrhunderten des Klassenkampfes erworben hatten, es gibt keinen Moment am Tag, in dem sie sich nicht wie gerupfte Hühner vorkommen, und der einzige gottverdammte Trick, den man ihnen verkauft hat, damit sie sich weniger scheiße fühlen, ist der Triumph, dass sie weiß sind und das Recht haben, auf jeden Dunkelhäutigen herabzusehen. ( …) Die Allianz aus Banken-Religionen und Weltkonzernen hat die Schlacht gewonnen.“ Weiterlesen

Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar. Weiterlesen

Joachim Zelter: Im Feld: Roman einer Obsession

Frank und Susan ziehen nach Freiburg. Warum nach Freiburg? Darauf hat nur Frank eine Antwort: Das treibende Wort für ihn ist „Hochschwarzwald“. Der Umzug ergibt für ihn „Radsportsinn“. Weg von den mickrigen Hügeln in Norddeutschland, vom Training auf den Rampen von Tiefgaragen. Richtige Anstiege braucht er jetzt, da es im Beruf bergab geht und er sich nicht mehr orientieren kann. Herausfordernde Strecken, Gleichgesinnte. Susan fährt nicht mehr Rad. Sie hinterfragt: den Umzug, die berufliche Situation, den Sinn, sich Berge hoch zu quälen, Kilometer zu fressen, nicht auszuscheren. Dennoch weist sie Frank auf eine Anzeige hin: „Rennradtreff. Christi Himmelfahrt. Donnerstag um 10 Uhr. Der Radverein lädt ein. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.“

Frank fährt los, unsicher, verhalten, folgt einem anderen Radfahrer, landet am Treffpunkt Heidegger-Denkmal und wird in die „mittlere Gruppe“ der Ausfahrt einsortiert. 27er-Schnitt, rund 100 Kilometer. Das kann er schaffen, das passt, denkt er beim eher gemächlichen Einrollen. Ruhe und Rhythmus kehren ein, bei gleichbleibendem Tempo unterhält man sich über Ritzel, Sattelstützen, Tretlager, Fahrradmarken oder hängt seinen Gedanken nach. Frank wird ein Teil des Feldes, das zusammenspielt wie ein Schwarm, Handzeichen fliegen von Fahrer zu Fahrer, wenn ein Hindernis ansteht, abwechselnd stehen sie im Wind. Weiterlesen

Jessica Townsend: Nevermoor 01: Fluch und Wunder

Willkommen in Jackelfax, der Hauptstadt von Great Wolfrace. Hier lässt es sich gut leben, hier herrscht Zucht und Ordnung – dafür sorgt schon Kanzler Crow, der auch zu Hause ein strenges Regiment führt. Natürlich hat es der Kanzler auch nicht leicht – seine erste Ehefrau verstarb, ihre gemeinsame Tochter ist dazu verflucht, nicht nur Unheil um alle um sie herum zu bringen, sondern sie wird in der Abendzeit, an ihrem bevorstehenden elften Geburtstag sterben.

Vorhang auf für Morrigan Crow. Sie weiß, dass ihr Vater sie nur für seine Karriere benutzt, ihre Stiefmutter sie hasst und selbst ihre Großmutter, ihr gegenüber distanziert bleibt. Dass sie keine Freunde hat, dass sie das väterliche Anwesen Crow Manor nicht verlassen darf, um nur ja niemanden mit ihren Fluch heimzusuchen, macht ihr Dasein einsam und elend. Als Fluch-Kind wird ihr für alles, was den Menschen Schlechtes widerfährt die Schuld in die Schuhe geschoben. Ein trauriges Leben, ein einsames und düsteres Dasein noch dazu, das unsere Morrigan da führt. Trotzdem bekommt sie als einziges Kind ihres Jahrgangs nicht ein, nicht zwei sondern gleich vier Angebote für eine Lehrstelle. Weiterlesen

Laura Dave: Hello Sunshine

Da das Buch im Rahmen der „Hello Sunhsine“-Kampagne von Blanvalet als kostenloses eBook zur Verfügung gestellt wurde und im Zusammenhang mit einer Gewinnmöglichkeit steht, muss dieser Beitrag als #Werbung gekennzeichnet werden. Dies beeinflusst aber nicht die ehrliche Meinung zu dem rezensierten Buch.

Sunshine MacKenzie kann nicht kochen. Gar nicht. Trotzdem ist es ihr gelungen, mit einem Kochblog und dazugehörigen YouTube-Videos erfolgreich zu sein. So richtig erfolgreich. Das verdankt sie unter anderem ihrem Manager, sie ist sogar im Gespräch für eine eigene Kochsendung im regionalen Fernsehen. Leider, leider ist das Kochen aber nicht die einzige Lüge in Sunshines Leben. Und ausgerechnet an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag holt sie das alles ein. Mit Schwung. Und schlägt ihr ins Gesicht. Der Mann, den sie liebte, behauptet sie überhaupt nicht mehr zu kennen. Ihre Fans sind empört. Ihre Konkurrenten frohlocken. Ihre Freunde lassen sie fallen.

Es folgt eine Reise in die Vergangenheit, aber auch tief ins eigene ich. Sunshine zieht sich zurück, wohnt bei ihrer ungeliebten Schwester und bewirbt sich bei einem Spitzenkoch, um naja – kochen zu lernen. Natürlich hat er keine Ahnung, wer sie ist. Sie lernt, sich dem Leben ohne Lügen zu stellen, und das ist ein langer Weg. Weiterlesen

André Aciman: Call Me By Your Name

Ein heißer Sommer in Italien, zwei Männer, die sich ineinander verlieben. Im Jahr 2007 wurde „Call me by your name“ erstmals veröffentlicht. 2017 folgte die Verfilmung durch Regisseur Luca Guadagnino, auf der diesjährigen Oscarverleihung gab es die Goldtrophäe für das beste Drehbuch. Nun die literarische Neuauflage – gut so! In den vergangenen 11 Jahren hat sich viel getan, nicht nur durch die „Ehe für alle“. Dies sollte es der Leserschaft ermöglichen, dem Buch unvoreingenommen zu begegnen. Der homoerotische Aspekt ist hier nicht primär ausschlaggebend. Es geht um eine universelle Liebe, die Verschmelzung zweier Menschen. Ruf mich bei deinem Namen, dann ruf ich dich bei meinem. „Ich will dich erfahren und durch dich auch mich!“ Es geht hier um nichts Geringeres, als um eine der schönsten, intelligentesten, emotionalsten Lovestorys aller Zeiten! Weiterlesen

Ashley Herring Blake: Eine Handvoll Lila

Es ist alles andere als einfach, siebzehn und Maggie Glassers Tochter zu sein. Denn Maggie kann jeden um den Finger wickeln. Das liegt keineswegs daran, dass ihre Nägel makellos auberginefarben lackiert sind, und zwar immer, so lange Grace sich erinnert, sondern daran, dass sie warmherzig und liebevoll sein kann, wenn sie will. Aber dafür sorgen, dass regelmäßig Geld ins Haus kommt, dass es etwas Anständiges zu essen gibt und dass es ihrer Tochter gut geht, das kann Maggie nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie trinkt. Grace weiß nicht mehr, wie oft sie in den letzten Jahren überraschend umgezogen sind, von einer Bruchbude in die andere, von einem Liebhaber ihrer Mutter zum nächsten, jedes Mal war es der Richtige – für ein paar Wochen oder Tage.

Dieses Mal, als Grace von einem zweiwöchigen Aufenthalt in Boston nach Cape Katie zurückkehrt, ist es wirklich der Richtige. Nur, dass er Jays Vater ist. Mit Jay war Grace ein halbes Jahr zusammen, das unschöne Ende der Beziehung ist ihrer Mutter komplett entfallen, als sie den Umzug organisierte. Grace wohnt jetzt in dem Zimmer, das Jays gegenüberliegt. Sie versucht, das Beste daraus zu machen. Maggie ist ihre Mutter, Grace muss sie nehmen, wie sie ist. Ihre eigenen lila Fingernägel erinnern sie an all ihre Gemeinsamkeiten. Maggie und Grace, sie gehören zusammen. Weiterlesen