Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

„Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht.
Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.“

Mit diesen Sätzen beginnt die nigerianische Autorin Oyinkan Braithwaite ihren viel gelobten und prämierten Roman „Meine Schwester, die Serienmörderin.“

Und sie geht gleich weiter in die Vollen: Die Leserinnen und Leser begleiten Korede dabei, wie sie – sorgfältig und durchdacht – den Tatort reinigt und die Leiche entsorgt. Denn so ist Korede: zuverlässig und immer für ihre kleine Schwester da. Das war schon damals so, als der Vater noch gelebt hat. Er war unberechenbar. Nach außen hin geschätzt und beliebt, doch bei seinen Töchtern und seiner Frau hat er vor allem Angst und Schrecken verbreitet.

Es ist nicht der erste Mann, den Ayoola ermordet. Aber sie kann nichts dafür, behauptet sie jedenfalls. Manche ihrer Freunde und Verehrer werden einfach zu aufdringlich oder halten es nicht aus, zurückgewiesen zu werden. Kein Wunder, sie ist so schön, dass die meisten bei ihrem Anblick den Kopf verlieren. Das Messer ihres Vaters hat sie immer dabei – zu ihrem Schutz – und sie hat es tatsächlich schon einige Male gebraucht. Man weiß ja nie bei den Männern.

Ein besonderer Mann für Korede ist Tade, ein Arzt aus der Klinik, in der sie als Krankenschwester arbeitet. Er ist freundlich, aufmerksam und scheint sie ernst zu nehmen, obwohl sie nicht mit Schönheit gesegnet ist. Sie glaubt nicht, dass er anfällig für Ayoolas Reize ist, versucht aber dennoch, ihre Schwester vom Krankenhaus fernzuhalten. Sicher ist sicher, schließlich ist Tade auch nur ein Mann. Es kommt, wie es kommen muss: Als er Ayoola kennenlernt, setzt sein Verstand aus. Es gibt für ihn keine andere Frau mehr und nur Korede weiß, wie gefährlich das für ihn werden kann. Sie gerät in einen Gewissenskonflikt. Gönnt sie ihrer Schwester den Mann, der eigentlich für sie selbst bestimmt ist? Soll sie Tade vor ihrer Schwester warnen, die wie ein Engel wirkt? Oder soll sie den Dingen einfach ihren Lauf lassen? Der einzige, dem sie von ihren Sorgen erzählen kann, ist ein Patient im Koma. Ihrer Mutter kann sie damit sowieso nicht kommen, denn die ist für alles blind, was an Ayoola negativ auffallen könnte.

Rasant, lakonisch, spannend und mit abgründigem Humor erzählt die Autorin Oyinkan Braithwaite ihren bösen Thriller um Ayoola und Korede. Korrupte Polizisten, neugierige, zickige oder schläfrige Krankenschwestern und flirtende Reinigungskräfte bevölkern das Buch. Lebensnah oder überspitzt? Beides ist ohne Weiteres vorstellbar. Doch ab und zu lässt sie den Leserinnen und Lesern auch Luft zum Atemholen. Wenn Korede über das Verhältnis zu ihrer Schwester nachdenkt, wenn sie sich an den Vater erinnert, wenn sie sich ihre Gefühle für Tade bewusstmacht, kommt die ganze Tragweite der Geschichte zum Vorschein. Es geht um Gewalt, Loyalität und Familie, um Verantwortungsbewusstsein, Liebe und die Rechte der Frauen. Die Männer kommen dabei nicht allzu gut weg. Doch die Schuld liegt nicht bei ihnen alleine, die „Gesellschaft“ hat ein gutes Wörtchen mitzureden. Und manche sind vielleicht doch ganz liebenswert.

„Meine Schwester, die Serienmörderin“ ist ein Thriller mit Tiefgang, eine lässige, tragisch-witzige Geschichte, die sich leicht wegliest und trotzdem ihre Spuren hinterlässt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und kann nur sagen: Lesen!

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin.
Blumenbar, März 2020.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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