Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Nach Walters Tod beginnt für Vesta ein neuer Lebensabschnitt. Das Ende einer langen Ehe, ein zu großes Haus und die innere Leere motivierten sie, wegzuziehen. Jetzt lebt sie mit ihrem Hund Charlie mitten im Wald. Das alte, vernachlässigte Haus, der See vor der Tür könnten auf sie heimelig wirken. Doch immer wieder rütteln Vesta Erinnerungen auf. Sie war mit Walter so eng verbunden, dass sie ihn häufig in ihren Gedanken reden hört: „So etwas ist nichts für dich […]. Deine Nerven sind zu empfindlich. Du bist ein […] kleiner Spatz, aber du willst unbedingt ein Falke sein. […] tanz ein bisschen, kehr den Boden. Mein federleichtes kleines Mädchen.“ (S. 188)

Vesta legt alte Gewohnheiten ab, eine nach der anderen, bis sie auf eine Überraschung stößt. In der neuen Umgebung findet sie eines Morgens einen mit Steinen beschwerten Zettel, der sie ablenkt und beschäftigt: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat.“ (S. 7) Und Vesta findet mehr heraus, als sie für möglich hält.

Ottessa Moshfegh wurde für ihre Romane mehrfach ausgezeichnet. Anke Caroline Burger hat Den Tod in ihren Händen übersetzt, so dass man sich sprachlich und dramaturgisch auf eine fintenreiche Lesereise begeben darf. Denn nichts ist so, wie es scheint. Über einen inneren Monolog stellt sich die 72-jährige Vesta vor. Die sprunghafte zierliche Frau genießt einerseits ihre Freiheit und andererseits weiß sie nichts damit anzufangen. Hin- und hergerissen wirkt sie wie eine Frau, die ein wenig neben der Spur fährt. Denn viel zu früh war sie mit einem wesentlich älteren Mann verbunden, der alles festlegte. Ihre Abhängigkeit als Heimchen am Herd engte sie mehr ein, als sie sich eingesteht. Sie ist Vestas Leitthema geworden. Egal, was sie unternimmt, ob es sich um die Suche nach der verschwundenen Magda handelt oder Charlies Gesellschaft, die innere Abhängigkeit wird sie einfach nicht los. Walters Tod und der von Magda bestimmen für drei Tage Vestas Wege, die hierfür ihren gewohnten Tagesablauf opfert.

„Solange man abstrakt über den Tod nachdachte, war er nichts Schlimmes, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mich irgendwie anstecken würde, wenn ich ihm zu nahe käme. Es würde mich verändern.“ (S. 68) Und Vesta verändert sich. Sie trifft Entscheidungen und seltsame Bewohner. Dabei baut sich eine diffuse Gefahr auf, die weder Vesta noch der Leser so richtig zu greifen vermag. Denn sie alte Lady fährt nach wie vor ein wenig neben der Spur. Sie überrascht und erschreckt zugleich. Und am Ende der berührenden und packenden Lektüre findet Vesta ihren Weg, der im Cover wunderbar vieldeutig gezeigt wird.

Die Autorin verarbeitet das Thema der Abhängigkeit und inneren Einsamkeit erfrischend neu.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen.
Hanser, Januar 2021.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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