Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

Viele Bücher hat Orhan Pamuk nicht geschrieben, seit er 2006 den Literatur-Nobelpreis bekommen hat. Und wenn, waren es Romane, in denen er sich mit seiner Geburtsstadt Istanbul auseinandergesetzt hat. Die ist auch im neuen Roman des 65-Jährigen Schauplatz, allerdings könnte diese Geschichte überall in der Türkei spielen.

Pamuk bleibt seiner literarischen Farbe Rot (aus dem Opus „Rot ist mein Name“) treu: In „Die rothaarige Frau“ erzählt er die Geschichte des Jungen Cem und begleitet ihn über mehr als 40 Jahre. Cems Vater, ein Apotheker in einem Vorort von Istanbul, hat die Familie verlassen. Ein Brunnenbauer, bei dem Cem als Jugendlicher arbeitet, wird zu seinem Ersatzvater.

In einem Theater lernt er als 16-Jähriger die rothaarige Frau kennen und verliebt sich in sie. Als ein Unglück im Brunnen geschieht, verlässt Cem den Vorort, bricht alle Kontakte ab und flüchtet in die Stadt. Als Ehemann kehrt er 30 Jahre später in den Vorort und an den Brunnen zurück. Und entdeckt dort etwas Ungeheuerliches. Das wüstenähnliche Land hat sich verändert – der Brunnenbau hat aus ihm begehrtes Fabrikland gemacht.

Mehr als die Geschichte von Cem erzählt Orhan Pamuk die Geschichte der rothaarigen Frau, die ihr Geheimnis erst am Schluss des Romans preisgibt. Da ist das Buch dann fast zu einem Krimi mit einem spannenden Thriller-Finale geworden.

Eindrucksvoll ist, wie Pamuk erzählt – nämlich viel dichter als in seinen Büchern, die kurz vor oder kurz nach dem Nobelpreis erschienen sind. In der großen orientalischen Erzähltradition breitet er diese Geschichte aus und entwirft mit großer Wucht auch das Panorama einer Familie, die voller Geheimnisse und Abgründe steckt. In kurzen Sätzen fesselt Pamuk die Leser mit einer Erzählung, die auch an den Ödipusmythos anspielt.

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau.
Hanser, September 2017.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.

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