Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung

Der ehemalige somalische Botschafter Mugdi und seine Frau Gacalo haben in Oslo ihre zweite Heimat gefunden. Das beschauliche Leben des älteren Ehepaares könnte harmonisch verlaufen, wenn ihr Sohn sich nicht den Dschihadisten in Somalia angeschlossen hätte. Kurz vor seinem Selbstmordattentat bittet er Gacalo: ‚Falls mir etwas passiert, kümmert euch um meine Frau und die beiden Kinder.‘

Viel zu schnell stehen die trauernden Eltern einer strenggläubigen Witwe und ihren beiden Kindern aus erster Ehe gegenüber. Naciim ist zwölf Jahre alt und seine vierzehnjährige Schwester Saafi von einer Gruppenvergewaltigung traumatisiert. Verantwortung und widersprüchliche Gefühle prallen bei der unfreiwilligen Familienzusammenführung aufeinander.

Nuruddin Farah, geboren 1945 in Baidoa, zählt zu Afrikas bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern. Seine Romane thematisieren sein unmittelbares Erleben im Bürgerkrieg, bei der Flucht sowie im Exil. Er plädiert für die Freiheit des Einzelnen und lehnt damit jegliche Form von totalitärer Herrschaft ab. Der kulturelle Hintergrund des Islams verlangt von dem zwölfjährigen Naciim, die Rolle des Familienvorstands für seinen verstorbenen Stiefvater zu übernehmen. Wenn er zum Beispiel nicht in der Wohnung ist, dürfen weibliche Familienmitglieder weder die Wohnungstür öffnen noch ein Telefonat annehmen. Der Junge hat das Recht und die Pflicht, bei Regelverstößen seine Mutter oder Schwester körperlich zu züchtigen. Als er mit einem Rotweinfleck auf dem Hemd nach Hause kommt und ihn seine Mutter, ein Iman und verhüllte Muslima so sehen, erlebt er sofort seinen eigenen Strafprozess. Im Wohnzimmer richtet der Iman als Ankläger und Richter über den Jungen, ohne dass ihm ein Verteidiger zur Seite steht. Als der Iman Naciim mit Zustimmung der Mutter und aller Anwesenden zu fünfzig Peitschenhieben verurteilt, vollzieht dieser eigenhändig das Urteil mit Hilfe seines Gürtels. Denn eine Peitsche steht gerade nicht zur Verfügung. Das norwegische Recht wiederum verurteilt den Iman kurz darauf zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe und verzichtet auf Naciims ausdrücklichen Wunsch auf eine Verurteilung der Mutter.

Die kulturellen Unterschiede zwischen Christen und Muslime spielen bei Nuruddin Farah immer dann eine untergeordnete Rolle, wenn es im Privatenleben um Freundschaft, Liebe und Bildung geht. Die Schwierigkeiten einer gelingenden Integration unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund beschreibt der Autor mit einer schlichten Sprache. Keine Wortakrobatik lenkt von seiner starken Geschichte ab, die viel zu schnell endet. Der dramaturgische Bogen schlängelt sich für den Leser unkalkulierbar immer weiter in die Höhe, bis der freie Fall auf den letzten Seiten einsetzt. So wie die Menschen in Nuruddin Farahs Roman der Willkür ausgesetzt sind, so willkürlich erscheint das Ende. Weil der Autor reale Ereignisse in eine fiktive Form gegossen hat, kann es keinen finalen Kampf zwischen Gut und Böse geben. Denn dieser findet täglich und überall statt. Leben und leben lassen wäre natürlich schöner. Für jeden Menschen auf diesem Planeten.

Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung.
Verlag Antje Kunstmann, März 2020.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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