Noa Yedlin: Leute wie wir

Das Ehepaar Osnat und Dror sind mit ihren beiden Kindern umgezogen. In ihrem neu renovierten Haus, das in einem etwas abgelegenen Stadtteil von Tel Aviv steht, erhoffen sie sich eine Verbesserung ihres Lebensstandards. Die Gegend ist im Moment zwar noch nicht en vogue, aber spätestens in ein paar Jahren wird es soweit sein, dann sind sie mittendrin und bereits etabliert, so denken sie. Die beiden teilen sich ihr Elterndasein. Dror arbeitet zu Hause. Er hat sich selbständig gemacht und sieht sich als eine Art Weltverbesserer, der mit seinem Computerprogramm jungen Internetusern den Zugang zu pornografischen Inhalten verwehren will.

Nach und nach lernt die junge Familie ihr Umfeld und die neuen Nachbarn kennen, deren Lebensumstände, Gepflogenheiten und Eigenarten sie dann schnell mit einiger Skepsis begegnen. Sei es ihr direkter Nachbar Israel oder die neue Freundin ihrer Tochter Hamutal, die in einer Familie lebt, die Kampfhunde züchtet. Ein ständiges Parkplatzproblem vorm Haus, ein neu gekaufter und kurz darauf demolierter Briefkasten, ein absichtlich geöffneter Gully im Garten und ein daraus resultierendes Kakerlakenproblem oder der zweimalige Einbruch ins Haus trüben die Freude und das Wohlbefinden im und am neuen Heim. Die Kampfhundezüchter schenken der Familie einen kleinen Kampfhundewelpen, den keiner will, letztlich behält man ihn aber doch. Mit derartigen Vorkommnissen und Problemen hatten wirklich weder Dror noch Osnat gerechnet.

Osnat, die moderne Geschäftsfrau hinterfragt ihr Leben immer häufiger. Hatte sie sich nicht etwas anderes erhofft? Warum stellt sich nicht die ersehnte Harmonie ein? War es wirklich der richtige Schritt, in dieses Viertel zu ziehen? Warum streiten und diskutieren Dror und sie ständig, seit sie in diesem Haus wohnen? Was macht Dror eigentlich die restliche Zeit, die er nicht vorm Computer auf den Pornoseiten verbringt, den gesamten Tag über? Wieso schenkt ihr Nachbar Israel den Mädchen immer Süßigkeiten? Wieso stört Dror sich daran, dass Israel ständig im Garten sitzt und ihn und ihr Haus zu beobachten scheint? In welche Schule sollten sie ihre Tochter Hamutal schicken; wird sie den begehrten Platz an der Naturschule bekommen? Und wer waren überhaupt die Einbrecher, die das Haus verwüstet haben? Waren es am Ende gar die neuen Freunde, die Bekannten aus dem Viertel?

Einer anfangs wohl zu großen Erwartungshaltung folgen Ernüchterungen und Misstrauen. Die Blicke hinter die Kulissen zeigen nun unerbittlich all das auf, was keiner im Vorfeld  erkennen oder wahrhaben wollte. Die Enttäuschung darüber, dass sich alles nun zunehmend in einem sehr gewöhnlichen Licht darstellt, ist groß. Nichts und niemand scheint noch berechenbar zu sein, nicht einmal die Mitglieder der eigenen Familie. Jeder lebt wohl mit seinem kleinen Geheimnis. Kleine und größere Abgründe zeigen sich nicht nur in Osnats zum Teil schäbigen Gedanken.

Auch wenn stellenweise die langen, wenig aussagekräftigen Dialoge nerven, in denen die Zeilen ständig mit „sie sagte“ oder „er sagte“ angeführt werden, ist dieser Roman pointiert mit Witz und Ironie angereichert. Er spiegelt eine Gegenwartsaufnahme modernen Lebens, das überall auf der Welt stattfinden könnte.

Markus Lemke hat diesen Roman, der in Israel zum Bestseller wurde, aus dem Hebräischen übersetzt.

Noa Yedlin: Leute wie wir.
Kein & Aber, April 2021.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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