Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren

Ich lege ein Buch zur Seite und atme erst mal tief durch. Weil ich grade parallel eine schonungslose Bestandsaufnahme des Zustandes unseres Planeten lese und über dessen  Zerstörern (Amerika auf der Couch), welches im Endeffekt erklärt, dass der Mensch, egal wo und wann er auftaucht (e), qua genetischer Disposition alles ausrottet – inklusive sich selbst. Die Witzfiguren heute an der Spitze, wie Trump zum Beispiel, sind gar nicht das Problem, sondern die Allgemeinheit – also wir –  sind es, die auf die Couch gehören. Nun was hat das mit Nina Lykke zu tun? Irgendwann in diesem beängstigenden Buch über das Leben in den „mittleren Jahren“, geht Jan, Ehemann, Ehebrecher, Liebhaber, Verzweifelter, etc…der über den ganzen Roman hin, nach und nach richtig in die Scheiße fliegt, auch zum Psychotherapeuten auf die Couch. Nutzt aber nix.

Fangen wir mal mit Ingrid an: sie ist  eigentlich relativ erfolgreich im Job (Lehrerin) und als Mutter (zwei Buben, ein Mann – Jan), aber auf einmal wird ihr alles komisch. Sie fängt an, nach und nach nicht mehr zu begreifen, was sie eigentlich zusammenhält, bzw. wie sie die ganzen Jahre funktioniert hat. Sie sieht plötzlich alles mit anderen Augen, quasi außerhalb von mittendrin und hält es nicht mehr aus. Dann kommt Hanne ins Spiel, vordergründig gut ausgebildet, hübsch, mit bestem Job, aber innerlich ein seelisches Wrack, beziehungsunfähig und trotz allem mit Sehnsucht nach einem Kind bzw. einer Familie. Jan, besagter Ehemann von Ingrid, lässt sich von Hanne verführen und das Drama nimmt seinen Lauf.

Und zwischendurch hat man immer das Gefühl, ja, hier liegt eine genetische Getriebenheit vor, die sich in ihrer Gewalt kaum aufhalten lässt. Loriot sagte mal, Frauen und Männer passen nicht zusammen. Versuchen es aber immer wieder. Das Buch ist ein Beweis für diese These und unsere genetische Bestimmung. Fast freuen wir uns mit Ingrid, die gegen Ende des Romans, in relativer Zufriedenheit in einem VW Bus lebt, weil sie nur noch in dem schlafen kann. Jan und Hanne sind dabei sich zu zerfleischen, weil tatsächlich nach Jahren der Auseinandersetzungen, des Streits und der Niederlagen, ein Kind gekommen ist, aber trotzdem die beiden Jungs von Jan und Ingrid, noch im Rennen sind. Beschrieben wie saugende Parasiten, die längst erwachsen, sich nicht mal alleine den Arsch auswischen können. Und das soll jetzt Hanne machen.

Insgesamt ein stimmiges, teilweise schwarzhumoriges Gesellschaftsportrait, zwar aus Norwegen, doch kompatibel mit unseren westlichen Neurosen überall!

Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren.
Verlag Nagel & Kimche, Februar 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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