Nicola Karlsson: Licht über dem Wedding

Der Berliner Wedding – ein Stadtteil, in dem Kulturen und Lebensentwürfe aufeinanderprallen. Hier siedelt Nicola Karlsson ihren neuesten Roman an, doch er könnte in jeder Stadt spielen, denn überall gibt es Menschen wie Hannah, Wolf und Agnes. Hannah, gerade einundzwanzig geworden, verdient ihr Geld mit einem Modeblog. Immer mehr rückt sie dort die Bilder in den Vordergrund. Firmen schicken ihr Kleider, in denen sie sich fotografieren lässt – auf der Straße, in der Kneipe, zu Hause. „Wenig Worte, dafür eine Realität ohne hässliche Gedanken.“ Doch sie lächelt nie auf den Fotos. „Als sie dreizehn war, hatte eine Mitschülerin gesagt, dass sie dann wie ein Pferd aussähe. Das saß. Bis heute.“ Zum Lachen ist ihr sowieso meist nicht zumute: Ihre Beziehung zur Mutter ist mehr als angespannt, daran ändert auch deren Krebserkrankung nichts – ganz im Gegenteil – und das Verhältnis zu ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Fee kühlt immer weiter ab.

Agnes hingegen fehlt ihre Mutter nicht, die vor ein paar Jahren abgehauen ist und sich seither nie gemeldet hat. Sie lebt mit ihrem Vater Wolf im selben Haus wie Hannah und hat derzeit ganz andere Probleme: Sie vermutet, dass sie schwanger ist und ihr Freund Rico macht mit einer anderen rum. Nicht nur deshalb wird die 15jährige schnell wütend und schlägt gerne mal zu. Sie wird erwachsen und hat für sich den richtigen Weg noch nicht gefunden. Da ist ihr auch Wolf keine große Hilfe. Agnes ist sein Ein und Alles, aber er hat schon immer gerne getrunken und gerade kann er gar nicht mehr ohne den Alkohol sein. Und dann ist da noch der Brief mit dem Termin beim Jugendamt, der ihn unsäglich nervös macht.

Hannah wird eine Art Feindbild für Agnes. „Das Püppchen“ steht für sie für die Veränderung der Nachbarschaft, in der sie schon ihr Leben lang wohnt: „Schickere Autos und Bioläden…“. Und wie es ihre Art ist, macht sie das aggressiv: „Diese arrogante Kuh, die sie vorhin beleidigen wollte, war so eine. Wegekeln musste man die.“

„Licht über dem Wedding“ atmet Großstadtluft. Einsame Menschen tummeln sich in der Masse. Einstige Träume sind verschüttet oder vergessen. Manche jagen noch einer Hoffnung nach, manche haben aufgegeben. Doch mittendrin findet man auch Verbundenheit, Zuneigung und Solidarität, Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und Perspektiven zeigen.

Nicola Karlsson gelingt es, ihren Figuren echtes Leben einzuhauchen, Sympathie und Verständnis für sie zu wecken. So könnte man sie auf der Straße treffen. Sie fallen, stehen auf, fallen, bleiben liegen, bis jemand ihnen unter die Arme greift. Ich habe mit ihnen gehofft, dass sie stehen bleiben und weitergehen können.

Trotz der vielen „Verlierer“, die den Roman bevölkern, ist „Licht über dem Wedding“ kein Buch, das mich depressiv gemacht hat. Es ist kraftvoll, unterhaltsam und kurzweilig geschrieben. Es dringt in die Tiefe vor und greift auf kluge Art wichtige Themen auf. Ich konnte es kaum aus der Hand legen und empfehle es wärmstens allen, die ein richtig gutes Buch über die Fallstricke unserer modernen (Stadt-)Gesellschaft lesen wollen.

Nicola Karlsson: Licht über dem Wedding.
Piper, März 2019.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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