Nick Hornby: Miss Blackpool

hornbyNick Hornby, Autor trendiger Pop-Romane der 90er-Jahre, reist in diesem Buch noch 30 weitere Jahre zurück– in die nicht minder trendige Ära der Swinging Sixties in London. Eine Zeit des Aufbruchs zwischen Althergebrachtem und Moderne. Homosexualität ist noch gesetzwidrig, Comedy eine reine Männerdomäne, die Bekanntschaft mit Farbigen eine exotische Angelegenheit.
Plötzlich werden Scheidungen gesellschaftsfähig, erobern Beatles und Stones die Hitparaden und auf Theaterbühnen werden Schamhaare beim Nacktmusical präsentiert.

Die bildhübsche 21-jährige Barbara bahnt sich ihren Weg durch diese Zeitenwende. Sie hat gerade die Wahl zur Miss Blackpool gewonnen, als sie die Krone hinwirft und nach London aufbricht. Denn Barbara will nicht nur schön sein, sondern vor allem lustig, wie ihr großes Vorbild, die Comedy-Schauspielerin Lucille Ball. Nach einem holprigen Start gelingt es ihr tatsächlich, eine Hauptrolle in einer neuen Fernsehserie zu ergattern. „Barbara (and Jim)“ wird zu einem Riesenerfolg und Barbara zum Star. Wie der Titel bereits andeutet, verweist sie sogar ihren männlichen Serien-Ehemann Clive auf die hinteren Plätze. Kaffeetrinken im Ritz Carlton, Affairen mit französischen Popstars und Autogrammstunden werden für Barbara, die sich nun Sophie Straw nennt, zum Alltag. Mit Clive verlobt sie sich medienwirksam, auch Produzent Dennis scheint heimlich in seine talentierte Neuentdeckung verliebt zu sein.
Doch was tun, wenn auf dem Höhepunkt der Karriere den Drehbuchschreibern nichts mehr Witziges einfällt? Wenn der Typ „kurvenreiche Marylin-Monroe-Blondine“ von dünnen, rebellischen, intellektuellen Twiggy-Versionen abgelöst wird? Wenn die Geister der Vergangenheit anklopfen und sich Sophie zwischen Familie und Karriere entscheiden muss?

Situationskomik pur und liebevoll ausgearbeitete Charaktere bilden in diesem Hornby Roman wieder das Herzstück. Allerlei Gags entstehen allein durch die Tatsache, dass ausgerechnet ein homo- und ein asexueller Drehbuchautor über ein frisch vermähltes Ehepaar schreiben sollen. Trotz oder gerade deshalb werden „Barbara (and Jim)“ von Kritikern für ihre erfrischende Sicht auf die Ehe gelobt. Abgerundet mit Fotos damaliger In-Clubs und Promis bildet der Roman ein literarisches Pendant zur Fernsehserie „Mad Men“ und lässt eine der faszinierendsten Jahrzehnte unserer Zeitgeschichte wieder aufleben.

Nick Hornby: Miss Blackpool.
KiWi, Mai 2016.
432 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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