Navid Kermani: Sozusagen Paris

parisNavid Kermani wurde 1967 in Siegen als Kind iranischer Eltern geboren und lebt heute in Köln. Er schreibt Romane und Sachbücher, Essays und Reportagen. 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein Roman „Große Liebe“ aus dem Jahr 2014 und in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts spielend verknüpfte das titelgebende Thema mit Erzählungen aus der arabisch-persischen Mystik. Mit „Sozusagen Paris“, 2016 im Carl Hanser Verlag erschienen, hält der Lesende eine Art Fortsetzung in der Hand. Inzwischen sind 30 Jahre vergangen.

Ein Schriftsteller liest in einem Provinzstädtchen aus seinem Buch („Große Liebe“), das von seiner Jugendliebe handelt. Beim anschließenden Signieren tritt genau diese Frau an seinen Buchtisch, bittet ihn, das Buch „Aber nicht für Jutta“ zu signieren  und der Schriftsteller ist mehr als erstaunt und irritiert. Ist sie es wirklich? Noch immer attraktiv, anziehend, jedoch ohne die Zahnlücke aus seiner Erinnerung.

Das folgende Abendessen mit den Honoratioren des Ortes offenbart dem Schriftsteller, dass die Frau, die er für seine Jugendliebe aus dem Buch hält, die Bürgermeisterin ist. Sie machen gemeinsam einen Spaziergang durch das Städtchen und landen im Haus der Frau, in dem sie mit ihrem Ehemann und den drei Kindern lebt. Der Schriftsteller, der sich eine Affäre im Hotelzimmer ausgemalt hat, ist enttäuscht. Bei Tee, Wein und einem Joint entsteht in dieser einen Nacht ein sehr langes Gespräch über die Liebe, die Ehe und das Leben. Angeregt durch seinen Blick auf das Bücherregal im Haus zitiert der Schriftsteller zu diesen Themen unermüdlich aus Werken der französischen Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts (Proust, Balzac, Flaubert, Maupassant). Neben Stendhal und Adorno findet er auch seine eigenen Bücher in ihrem Regal.

Nachdem sich seine Aussicht auf ein erotisches Abenteuer mit seiner Jugendliebe nicht erfüllt, stellt der Schriftsteller „auf Aufnahme“, er will aus diesem Abend, dieser Nacht einen Roman machen. Dabei erfährt er viel aus dem Leben von Jutta, den Zustand ihrer Ehe und ihren politischen Einsatz vor Ort. Der Schriftsteller empfindet sich nicht ohne Selbstironie als „Sozusagen Paris“ für Jutta in Anlehnung an die Geschichte Maupassants über einen Großstadtdichter und die Notarsgattin aus der Provinz. Nebenher führt er Zwiegespräche mit seinem Lektor über das Buch, das er schreiben will.

Es gibt kurze Momente der körperlichen Annäherung zwischen Jutta und dem Schriftsteller, die aber schnell wieder verfliegen, um dem Gespräch weiter Platz zu machen. Soll der Schriftsteller mehr Einsatz zeigen, um Jutta doch noch ins Bett zu bekommen?

Das Gespräch kreist derweil um die Frage „Was ist richtige Liebe?“

Am Ende dieser langen Nacht, am frühen Morgen hören die beiden nebeneinander auf dem Sofa, jeder einen Stöpsel des iPhones im Ohr, Neil Youngs „Ramada Inn“ und Juttas Ehemann taucht im Türrahmen des Wohnzimmers auf.

Navid Kermani macht mir als Lesende die Lektüre von „Sozusagen Paris“ nicht leicht. Meine Lese-Erwartungen an den hochgelobten und sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelten Schriftsteller waren hoch, doch nach meinem ersten Lese-Versuch war ich geneigt, das E-Book endgültig zu schließen. Was sollte das sein? Ein Schreibexperiment? Ein Versuch des Mehrstimmigen? Ein Exkurs über das Romanschreiben?

Kermani mutet dem Lesenden etwas zu: einen Romanschreiber, der gleichzeitig der Erzähler des Buches ist, eine Jugendliebe, die es vielleicht gar nicht ist, ein geschriebenes Buch, aus dem der Romanschreiber gelesen hat, ein noch zu schreibendes Buch, viele Zitate andere Dichter und Schriftsteller, die Liebe, einen Lektor, der seinen Senf zu dem noch zu schreibenden Buch dazu gibt, und einen Leser, der immer mal wieder zwischendurch direkt angesprochen wird.

Es bedarf nicht geringer Konzentration und sehr viel Liebe zum geschriebenen Wort, um weiterzulesen, zumal Kermani schon zu Beginn des Romans ankündigt, „daß die Nacht nichts Spektakuläres bringen wird“.

Doch warum soll der Lesende dieses Buch lesen?

Die Antwort gibt Navid Kermani in einem „Zeit-Interview“ mit Iris Radisch zu „Sozusagen Paris“ selbst: „Mir geht es um unsere banale und irgendwie auch bescheuerte Wirklichkeit…Es geht um dieses ganz normale Leben in einer scheißdeutschen Provinz.“

Und das ist es dann auch.

Navid Kermani: Sozusagen Paris.
Hanser Verlag, September 2016.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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