Naomi Novik: Scholomance 02: Der letzte Absolvent

Willkommen in Scholomance – oder sollte ich vielleicht treffender sagen, willkommen in der Hölle? Eigentlich war die Idee ja wirklich gut – sorgfältig durchdacht, geplant, ausgeführt – alles perfekt. Doch sie kennen das vielleicht, wenn man meint, alles bedacht zu haben, wirklich perfekte Arbeit abgeliefert zu haben, dann gibt es ein kleines Ding und das ganze schöne Kartenhaus bricht über einem zusammen.

Ich bin El, eigentlich Galadriel, und gehe auf das magische Internat Scholomance. MeinVater starb, als er seine schwangere Frau, meine Mutter, beim Verlassen der Magierschule rettete, nach meiner Geburt bekam ich von meiner Großmutter väterlicherseits eine mehr als finstere Prophezeiung mit auf den Weg – von Wegen, aus mir würde eine Weltenzerstörerin – und wuchs in der Hippie-Kommune meiner Mutter mehr geduldet, als geliebt auf. Jetzt bin ich also in meinem letzten Jahr an der Magierschule ohne Lehrer, ohne Ferien und ohne Dates – schließlich sind wir alle nur mit einem beschäftigt – zu überleben. Die Mals – magische Bestien – lauern überall auf uns, nur die Taffsten von uns, die Brutalsten, die mit den besten Verbindungen werden es durch die Tore der Schule in die Freiheit schaffen, die anderen werden sterben. Sterben wie in Tot, grausam und brutal zerfleischt, gefoltert, aufgefressen – können sie sich ein Bild machen, was ich meine?

Dass Orion, Zögling aus der New Yorker Enklave ausgerechnet mich armes Würstchen mit seiner Aufmerksamkeit bedenkt, macht es nicht leichter. Eifersucht, Neid und so. Doch ich habe, allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, Freunde, echte, wirkliche Freude gefunden. Und ich habe einen Plan – ich will alle Kinder lebendig aus Scholomance herausbringen – selbst, wenn ich selbst mein Leben dafür lassen muss ..

Naomi Novik ist dem deutschen Leser insbesondere durch ihre Drachen-Reihe um Temeraire (dt. Blanvalet) bekannt geworden. Mit ihren beiden bei cbj publizierten preisgekrönten Romanen „Das dunkle Herz des Waldes“ sowie „Das kalte Reich des Silbers“ bewies sie, dass sie auch außerhalb der Drachen-Fantasy punkten konnte. Nun also der zweite Band einer Jugendbuch-Trilogie und Novik braucht ein klein wenig, um in die Gänge zu kommen. Wie dies bei Mittelbänden von Trilogien so üblich ist, darf die Handlung nicht zu schnell oder zu weit voranschreiten, schließlich sollte für den Abschluss der Reihe ja auch noch etwas Spannendes übrig bleiben.

Dabei hatte sie im Auftaktband so Vieles richtig gemacht. Sie präsentierte uns eine ungewöhnliche, kantige Heldin, die eben wegen ihrer Ecken und emotional-gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten interessant war, dazu die faszinierende Kulisse des vollautomatischen, semi-intelligenten Internats. Zu unserer Protagonistin gesellten sich weitere Figuren, die magische Welt wurde peu a peu auf- und ausgebaut, die Action und das Tempo legten immer weiter zu.

Die erste Hälfte des vorliegenden Buches aber plätscherte die Handlung etwas seicht, unauffällig, ohne wirkliche Schockmomente oder Enthüllungen vor sich hin. Wir kannten die Grundsituation ja aus dem Auftaktband bereits, so dass sich die Abenteuer zwar stimmig in die Vorgaben einfügten, die große Dramatik aber vermissen ließen. Immer wieder werden vereinzelte Andeutungen gestreut, ohne dass diese Aufhänger letztlich – bislang versteht sich – wirklich genutzt werden. Vielleicht im abschließenden dritten Teil?

Doch vorher musste ja noch der vorliegende Roman beendet und der Leser bei der Stange, sprich an den Seiten gehalten werden. Und Mrs. Novik besann sich auf ihre Stärken. Plötzlich geht es ab, nehmen die Rasanz, die Action und die Entwicklungen Fahrt auf. Dass unsere Hexerin, deren Kräfte die Welt in Schutt und Asche legen könnten, diese für das Allgemeinwohl einzusetzen beschließt, macht sie uns Lesenden natürlich sympathisch. Dass sie trotzdem unsicher ist, dass sie Angst hat und zu dieser steht, sorgt für Realitätsnähe.

Und die Dramatik wird immer bestimmender. Wir kommen aus dem Nägelkauen gar nicht mehr heraus, so bangen wir mit den armen Studierenden, ob sie es wohl – mehr oder minder alle und an einem Stück schaffen werden, den Monstern zu entgehen?

Jetzt ist sie da, die Lesespannung, die Lesefreude, die Lesesucht. Man mag das Buch nicht mehr aus der Hand legen, um endlich zu erfahren, wie die Geschichte wohl ausgehen wird – Cliffhanger, und was für ein fieses Teil – Fortsetzung folgt. Und ich nehme mal an, dass die Verfasserin sich auch für den letzten Teil ihrer kleinen Reihe etwas wirklich fieses für ihre Leserinnen und Leser hat einfallen lassen! Bis dahin wartet auf den Käufer (m/w/d) ein Buch, das nach einem etwas verhaltenen Auftakt in die Puschen kommt, dann aber plötzlich Gas gibt, wie wir es selten lesen durften.

Naomi Novik: Scholomance 02: Der letzte Absolvent.
Aus dem Englischen übersetzt von Doris Attwood.
cbj, Oktober 2021.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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