Naomi Alderman: Die Gabe

Auf der ganzen Welt haben plötzlich junge Mädchen die Möglichkeit, über eine elektrische Energie zu verfügen, mit der sie nicht selten ihr männliches Gegenüber verletzen und in die Schranken weisen. Die amerikanische Politikerin Margaret weiß anfangs nicht recht darauf zu reagieren, dann entdeckt sie die neue Gabe auch an sich selbst. Gelegenheitsjobber Tunde filmt auf der ganzen Welt Aufstände der Frauen und wird so im Internet und in den weltweiten Zeitungen berühmt. Ausreißerin Allie verbirgt ein dunkles Geheimnis, doch als sie in einem Kloster in den Staaten Zuflucht findet, fragt danach erstmal niemand. Sie schafft es, junge Mädchen um sich zu scharen und eine neue Religion auf Basis der Gabe zu gründen. Und dann ist da noch Roxy. Die stärkste von ihnen allen. Doch Roxy verfügt nicht nur über eine besonders starke Gabe, sie hat auch einen messerscharfen Verstand und weiß die Puzzleteile so zu bewegen, dass das Bild ihr in die Karten spielt.

Naomi Alderman dreht unsere aktuelle Gesellschaft auf den Kopf. In „Die Gabe“ haben plötzlich nicht mehr Frauen Angst vor Männern, die ihnen körperlich weit überlegen sind. Es sind die Männer, die fürchten müssen. Kleinen Jungs erzählt man, sich von den bösen Mädchen fernzuhalten. Besser lässt man die kleinen Jungs nicht aus den Augen, lässt sie abends im Dunkeln nicht mehr allein vor die Tür. In arabischen Ländern lehnen sich kopftuchtragende Frauen gar gegen die ganze Gesellschaft auf. Ein neuer Staat wird irgendwo in Osteuropa gegründet. Überall auf der Welt verändern sich Gesellschaftsstrukturen. Und niemand weiß so recht, was es mit der Gabe auf sich hat und ob man sie gar kurieren kann.

Die Idee hinter diesem Buch ist spannend, die Umsetzung leider manchmal etwas dürftig. An sich stimmt das Setting: Von Anfang an wird rückwärts gezählt à la „Noch 10 Jahre“. Auf welches Ereignis man beim Lesen hinarbeitet, ist unklar. Dadurch wird die Spannung hochgehalten. Aber vielen der Kapitel fehlt es dann doch an Farbe. Das liegt zuallererst an den Figuren. Sie sind alle vier sehr unnahbar, geheimnisvoll und zeigen wenig Gefühle oder Identifikationspotenzial. Obwohl man sie über so viele Jahre begleitet, bleiben sie allesamt fremd. Und daran scheitert die Geschichte letztendlich. Man liest, ohne dass das Gelesene einen berührt. Bestenfalls ist man fasziniert. Ein Autor oder eine Autorin mit etwas mehr Gespür für seine oder ihre Figuren hätte aus dieser Idee einiges herausholen können!

So bleibt ein guter, dennoch lesenswerter Roman, der in der heutigen Zeit viel Bedeutung erlangen könnte.

Naomi Alderman: Die Gabe.
Heyne, Februar 2018.
480 Seiten, Taschenbuch, 16,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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