Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier

Was ist das Böse? Steckt es von Geburt an in uns oder wird es uns anerzogen? Viele literarische Werke haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt, jedoch selten mit einer so schonungslosen Eindringlichkeit wie in diesem Buch der dänischen Schriftstellerin Naja Marie Aidt. Thomas hat seine schreckliche Kindheit hinter sich gelassen und sich erfolgreich in der Gesellschaft hochgearbeitet. Als sein krimineller und gewalttätiger Vater stirbt, schlägt er die Erbschaft aus, bis er in einem Toaster die Diebesbeute seines letzten Coups entdeckt. Thomas behält das Geld heimlich – schon zieht das Böse wieder in sein Leben ein.

Vor der Vergangenheit gibt es kein Entrinnen. Nach außen hin führt Thomas ein bürgerliches Leben. Er hat einen Schreibwarenladen, eine Beziehung mit der schönen Kunsthistorikerin Patricia, wohnt in einem angesehenen Stadtteil. Dass er jahrelang mit seiner labilen, jüngeren Schwester Jenny unter den brutalen Erziehungsmethoden seines alkoholkranken Vaters gelitten hat – damit hat er abgeschlossen. Dennoch haben die Erlebnisse Risse in der Fassade hinterlassen. Im Grunde genommen verachtet er seine „schwächliche“ Schwester, die in Armut und Opferrolle verharrt ist. Die Beziehung zu Patricia leidet unter seiner Weigerung, selbst Kinder zu bekommen. Sympathie empfindet er hingegen für seine 18-jährige rebellische Nichte Alice, die er beruflich unterstützen möchte. Thomas entscheidet sich, das Geld zu behalten, um eine Zweigstelle zu eröffnen, die sie eines Tages leiten soll.

Der Toaster samt Inhalt fungiert als „Büchse der Pandora.“ Zunächst passieren merkwürdige Dinge in seiner Umgebung – Thomas erhält Drohungen, sein Laden wird zerstört, ein mysteriöser Fremder drängt in seine Familie. Im weiteren Verlauf der Handlung wird nicht nur die mühsam aufgebaute Existenz vernichtet – auch seine Persönlichkeit scheint auseinanderzubrechen und sich in zwei Teile zu spalten. Die dunkle Seite seines Charakters tritt zu Tage und jener Mensch, der ihm am nächsten steht, muss besonders darunter leiden. Thomas hat plötzlich Gewaltfantasien, denen er in einem schwachen Moment nachgibt – mit katastrophalen Folgen.

Naja Marie Aidt schreibt klar und schonungslos. Ihre Literatur ist schwer verdaulich, stößt ab und fasziniert zugleich. Spätestens nachdem Thomas die angestaute Wut an seiner Freundin und der gemeinsamen Katze auslebt, genießt der Leser durchaus den tiefen Fall der Hauptfigur. Das Faszinierende an der Geschichte ist nicht die eigentliche Auflösung, wer hinter den ganzen Einschüchterungsakten steckt – sehr schnell tut sich eine Spur auf und es wundert ein wenig, wie lange Thomas braucht, um den eigentlichen Zusammenhang herzustellen. Das Faszinierende liegt in der Auslotung von charakterlichen Grenzüberschreitungen. Wie tief muss ein Mensch fallen, bevor sich sein wahres Wesen zeigt? Wie ist es, eine Person gleichzeitig zu lieben und zu hassen? Welche Auswirkungen haben Entscheidungen, unmittelbar oder über Generationen hinweg?

Wer auf Sympathiefiguren in Büchern verzichten kann und sich nicht scheut, einen Blick in menschliche Abgründe zu werfen, wird das packende Buch zu schätzen wissen. Ohne viel Blut, prägen sich bestimmte Szenen tief im Bewusstsein ein.

Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier.
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2017.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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