Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Ständig werden Menschen vermisst, viele von ihnen tauchen in absehbarer Zeit auf. Und dann gibt es die Menschen, die scheinbar spurlos aus dem Leben ihrer Familien verschwinden. Ida kann sich noch gut an den Morgen erinnern, als ihr Vater verschwand. Um 6.16 Uhr klingelte sein Wecker. Er schlug so fest auf ihn, dass er stehen blieb. Sebastiano stand auf, kleidete sich an und ging wortlos aus dem Haus. Als Ida kurz darauf aufwachte und sich für die Schule fertig machte, bemerkte sie das Fehlen des Vaters. Sie ahnte Schlimmes, doch die Dreizehnjährige beschloss, abzuwarten und zur Schule zu gehen. Inzwischen sind dreiundzwanzig Jahre vergangen. Der alte Wecker steht noch immer auf 6.16 Uhr, und das Bett des Vaters ist leer. Ida fühlt sich schuldig und kann den Verlust nicht überwinden.

So bald wie möglich zog sie nach Rom und heiratete. Inzwischen will ihre Mutter aufräumen, die einst gemeinsame Wohnung instandsetzen lassen. Eher widerwillig fährt Ida von Rom nach Messina.

„… Ich war naiv genug gewesen, zu glauben, dass wir ohne die Bosheiten auskommen würden, die jahrelang geschwiegen hatten, doch weder die Distanz noch das Alter hatte die Wut eindämmen können, die uns verband.“ (S. 106)

Mit den Instandsetzungsarbeiten wird auch die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung bearbeitet.

„…Unfähig umzuschalten, wartete ich, dass meine Mutter zuerst etwas sagte. … Der Körper meines Vaters war nirgends zu finden, und ich konnte mich nicht bewegen, so fern schien die Vergebung, die wir uns hätten spenden können, so unmöglich die Hoffnung, uns einander anzuvertrauen.“ (S. 147)

Nadia Terranovas erster Roman für Erwachsene wurde bisher in fünfzehn Sprachen übersetzt und für den Premio Strega nominiert. Die gebürtige Sizilianerin arbeitet ebenfalls als Journalistin und lebt wie ihre Erzählerin Ida in Rom. Der Erfolg ihrer einfühlsamen Geschichte über den Verlust in einer kleinen Familie ist fast schon vorprogrammiert. Sie räumt mit traditionellen Vorstellungen auf. Die Drei-Einigkeit Vater-Mutter-Kind zerbricht. Den Schein zu wahren wird zur Familienstragegie, während Sebastiano aufgrund seiner Depression das Bett nicht mehr verlässt. Natürlich scheitert dieses Unterfangen, weil es scheitern muss.

Nadia Terranovas einzigartiger Sprachstil, von Ester Hansen eingefangen und übersetzt, schafft es, mit einem Satz ganze Geschichten anzustoßen. Mit einer Leichtigkeit und Eleganz fächert die Autorin die Gründe für die belastete Mutter-Tochter-Beziehung auf, die sich auch auf Idas Erwachsenleben auswirken. Leser mit Lebenserfahrung finden sich deshalb in ganz vielen Details wieder. Das Erwachsenwerden, die Loslösung vom Elternhaus und später die erneute Annäherung sind Themen, die jeden irgendwann angehen.  Oder …

„…  Dinge passieren, während wir uns noch einbilden, sie irgendwann beherrschen zu können.“ (S. 238)

Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand.
Aufbau, Juni 2020.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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