N.K. Jemisin: Steinerner Himmel

„Steinerner Himmel“ ist der abschließende Roman der Trilogie „Die große Stille“ von N.K. Jemisin. Die nordamerikanische Autorin heimste für alle drei Bände große Auszeichnungen und viel Lob ein. Der vorliegende Roman rechtfertigt diese Ehrungen bis auf einen Aspekt. Wir befinden uns in einer Zeit, die weit, weit nach der jetzigen auf der Erde spielt. Die Welt in „Steinerner Himmel“ ist mit der unsrigen nicht zu vergleichen. Die Dystopie vermittelt dem Leser, dass die Erde selbst ein Bewusstsein erlangt hat; zu einem Wesen geworden ist: Vater Erde.

Vater Erde rächt sich ob dem egoistischen Vorgehen der Menschen an ihm durch eine Reihe von Naturkatastrophen, insbesondere durch den Ausbruch von Supervulkanen. Diese Naturkatastrophen führen, wenn sie kumuliert auftreten, zu Fünftzeiten, eine Art Winter, der mindestens sechs Monate andauert und durch seismische oder andere gravierende Umweltereignisse ausgelöst wird. So eine Fünftzeit wünscht sich keiner, sollte man meinen. Die verbliebenen Menschen und anderen Lebensformen auf der Welt haben sich als Überlebensstrategie eine Art Lethargie zu eigen gemacht. Sie kämpfen um das eigene Leben und maximal noch um den Fortbestand ihrer Gem (örtlichen Gemeinschaft).

Zwei Frauen, zwei Orogene, haben das Schicksal der Menschheit in ihren Händen: Essun und ihre Tochter Nassun. Obgleich sie als Orogene über besondere Fähigkeiten verfügen, werden sie von den anderen allenfalls als Menschen zweiter Klasse angesehen. Ambivalent zeigen sich ihre Ansätze, in welche Richtung sich die Menschheit weiter entwickeln soll. Interessant vor allem Nassuns Gedanken über das Böse, von dem sie vielleicht zu viel erleben musste. Am Ende des Romans steht die Antwort auf die umfassende Frage der Trilogie: Wird der Mond wieder über der Erde sichtbar sein?

Jemisin entführt den Leser in eine Dystopie, die sich mit ihrer Idee, ihrem Wesen und ihrer Magie erfrischend deutlich von anderen Endzeitvorstellungen unterscheidet. Für den Leser, der mit dem dritten Band in die Saga einsteigt, wird es allerdings ein holpriger Start ins Buch. Ohne das Vorwissen aus den ersten beiden Bänden muss er sich durch den Anfang kämpfen, bis er ein Lesewasser erreicht, das schiffbar ist. Das birgt die Gefahr eines vorzeitigen Kenterns.

Sprachlich gelingt es Jemisin das düstere Bild, das sie beabsichtigt zu zeichnen, authentisch zu vermitteln. Herausragend ist die Du-Perspektive aus der Essun die Handlung erzählt. Diese Perspektive wird in der Literatur nur selten ein- und hier meisterhaft umgesetzt. Sie bereichert den Roman entscheidend. Tiefgründig beschäftigt sich die Handlung mit den Fragen dieser Zeit wie Klimawandel und Umweltverschmutzung und gibt eindeutige Antworten darauf. Auch gesellschaftskritische Ansätze lassen sich der Figuren- und Plotentwicklung entnehmen.

„Steinerner Himmel“ ist ein empfehlenswerter, weil überraschend kreativer, Roman über die Zukunft der Erde und der Menschheit. Zuvor sollten jedoch Band 1 und 2 der Trilogie gelesen werden. Erst dann erschließt sich das große Ganze. „Steinerner Himmel“ ist ein herausragendes Exemplar der Gattung High-Fantasy.

N.K. Jemisin: Steinerner Himmel.
Knaur, Juli 2020.
432 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Michael Pick.

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