Monika Niehaus & Michael Wink: Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt

Schon der Titel lässt aufhorchen: Gibt es wirklich einen Trick, mit dem man Männer in Schweine verwandeln kann? Er wäre manchmal nützlich, aber das Zurückverwandeln wäre wahrscheinlich noch wichtiger (schon die „Ärzte“ wussten ja, dass Männer sowieso Schweine sind). Um es hier schon zu verraten: Die Zauberin Kirke kannte den Trick. Die Alraune spielt dabei (wie auch bei Harry Potter) eine wichtige Rolle. Doch Hermes verrät Odysseus das Gegengift. Männer halten halt zusammen.

„Rauschpflanzen und Gifte in antiken Mythen und Sagen“ – so der Untertitel – kamen aber nicht nur bei Zauberinnen zum Einsatz. Auch in der Medizin leisteten sie wichtige Dienste. Hier gilt wie meistens: Die Dosis macht das Gift.

Doch die Wirkung entfaltet sich nicht nur bei denen, die die jeweiligen Pflanzenzubereitungen zu sich nehmen, manchmal wird auch der Fötus in der Schwangerschaft geschädigt. So könnte sich erklären lassen, warum es Zyklopen oder Nixen gibt bzw. Menschen mit Missbildungen, die an diese Wesen erinnern. Dass Geschichten ausgeschmückt werden oder sich selbständig machen, ist ja keine Seltenheit. Dass auch der Mittelmeer-Zwergelefant mit der Erzählung über die Zyklopen zu tun hat, können Sie ab Seite 22 im Buch nachlesen. Und ab Seite 101 erfahren Sie etwas über den Zusammenhang zwischen Seekühen und Meerjungfrauen. Neugierig geworden?

Dann noch ein „Appetithappen“: Wussten Sie, dass die Wirkung des Fliegenpilzes als Rauschmittel noch gesteigert werden kann, wenn man den Urin des Erstkonsumenten trinkt? Nicht gerade einladend, aber wirksam. „Dieser ‚Fliegenpilzrausch bis ins fünfte Glied‘ erscheint verblüffend, ist aber pharmakologisch durchaus plausibel: Im Körper der Erstkonsumenten entsteht aus Ibotensäure nämlich Muscimol, das via Urin ausgeschieden wird. Die Urintrinker kommen daher in den Genuss einer Droge, die deutlich stärker halluzinogen wirkt als die Ausgangssubstanz, und das völlig kostenlos.“

Ausprobieren sollte man das nicht (und auch keine der anderen giftigen Pflanzen), aber das Lesen dieses Buches ist so unterhaltsam wie informativ. Die immer wieder verwendeten Fachausdrücke sind gut erklärt und verständlich in den Text integriert. Jetzt weiß ich zum Beispiel, woher das Wort „Droge“ kommt und dass Schneeglöckchen nicht so unschuldig sind, wie sie tun. Zu vielen Pflanzen gibt es „Steckbriefe“ mit ihren wichtigen Eigenschaften.

Man merkt, dass die Autoren Monika Niehaus und Michael Wink – beide promovierte Naturwissenschaftler – großen Spaß am Schreiben und ein außerordentliches Wissen auf diesem Gebiet haben. Ab und zu schlagen sie auch einen Bogen in die Neuzeit, zum Beispiel wenn es um die Hexenverfolgung geht oder um die heute noch verbreiteten Drogen (und Arzneimittel) auf Basis des Morphins.

Es geht um Liebestränke und Orakel, um fliegende Hexen und Gifte für die Jagd, den Krieg und gegen Widersacher, aber auch um die Heilkunde und den „friedlicheren Teil der antiken Pflanzenwelt“ wie „heilige Haine und den Göttern geweihte Bäume“ oder den „Blumengarten der Olympier“.

Im „Ausklang“ schreiben Monika Niehaus und Michael Wink: „Vieles von dem, was Sie auf den vergangenen Seiten gelesen haben, ist nicht sicher zu belegen. Und die ‚Odyssee‘ ist sicherlich kein Tatsachenbericht, sondern ein sagenhaftes Geschehen. Dennoch ist es unserer Meinung nach legitim, nach naturwissenschaftlichen Indizien zu suchen, die einige der geschilderten wunderbaren Ereignisse und Phänomene erklärlich erscheinen lassen, denn manchmal ist die Realität fantastischer als jeder Mythos.“ (Seite 170)

Dem kann ich mich nur anschließen. „Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt“ ist fantastischer Lesestoff für alle, die sich dafür interessieren, wie es gewesen sein könnte. Denn Geschichte ist oft eine Art Spekulation auf (natur-)wissenschaftlicher Basis. Wer Sendungen wie Terra X mag, wer neugierig ist und offen für erstaunliche Fakten und Hypothesen (die auch für Krimiautor*innen hilfreich sein können), dem kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

Monika Niehaus & Michael Wink: Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt: Rauschpflanzen und Gifte in antiken Mythen und Sagen.
Hirzel Verlag, Oktober 2020.
184 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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