Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

Der Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held hat mich tief berührt. Er thematisiert die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz und ist gleichzeitig die Geschichte einer Liebe. Wie kann das zusammenpassen?

Lena lernt Heiner im Gerichtsgebäude in Frankfurt kennen. Von 1963 bis 1965 findet in der Stadt der erste Auschwitz-Prozess statt. Lena arbeitet beim Gericht als Dolmetscherin. Heiner ist als Zeuge nach Frankfurt gereist. Er ist einer der wenigen, die die Lagerhaft überlebt haben. Im Prozess muss er erleben, wie seine Aussagen von der Verteidigung angezweifelt und seine Beobachtungen unglaubwürdig gemacht werden. Er sieht in den Gesichtern der Täter keine Reue, eher Hohn. Als er schließlich im Flur des Gerichtsgebäudes zusammenbricht, findet ihn Lena und hilft ihm.

Lena und Heiner verlieben sich, sie heiraten und kaufen sich ein Haus auf dem Land irgendwo im Norden Deutschlands. Das Zusammenleben ist nicht leicht. Heiner verkraftet keinen normalen Arbeitsalltag, er schreit nachts und kann ohne Licht nicht schlafen. Auschwitz lässt ihn nicht los, er hat das Lager ertragen, weil er eine Mission hatte: Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein. Jedem Besucher zeigt er sein Senfglas, welches auf den ersten Blick mit Sand gefüllt scheint, aber in Wirklichkeit Asche und Knöchelchen von Verbrannten enthält. Die Gespräche mit ihm sind voller Fallstricke, weil für Heiner manche Worte – Rampe, Schaukel, Gas – eine schmerzhafte Bedeutung erhalten haben. Er kennt nur ein Gesprächsthema, ist durchdrungen von seinen Erlebnissen, erzählt seine Geschichten, wann immer jemand zuhört. Er berichtet nicht einfach Fakten, er erzählt in Bildern und Gefühlen, erzählt von Angst, Schmerz, Verzweiflung, Wut, Tränen.

Monika Held lässt beide Protagonisten zu Wort kommen und zeigt auf diese Weise die Grenzen von gegenseitigem Verstehen. Heiner muss erkennen, dass er Lena nicht in seinen Bildern denken lassen kann. Sie kann seine Erinnerungen nicht teilen, so oft er ihr seine Geschichten auch erzählt. Lena lernt zu akzeptieren, dass Heiners Denken und Fühlen noch immer in Auschwitz ist. Es verletzt sie zu sehen, dass Heiner zu seinen ehemaligen Lagerkameraden eine tiefere Bindung hat als zu ihr. Der Roman zeigt, wie es dem Paar gelingt, diesen Widerspruch anzunehmen, mit ihm zu leben, ohne sich zu verlieren. Heiner findet durch Lena seinen Weg in einen kleinen Alltagsfrieden.

Die persönliche Sicht lässt zudem historische Ereignisse greifbar werden. Das gelingt unter anderem durch die konkrete Nennung von Tätern oder durch die realistische Schilderung der Gerichtsverhandlung.

Monika Held hat ein ganz wunderbares und auch sprachlich herausragendes Buch geschrieben. Ein Buch, das wehtut, weil Heiners Geschichte das Grauen von Auschwitz aus der Anonymität holt und vorstellbar macht. Ein Buch, das Menschen wie Heiner eine Stimme gibt. Der Autorin gelingt die Symbiose zwischen historischer Aufarbeitung und individuellem Erleben. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern zu diesem Thema stellt sie nicht den Werdegang der Täter in den Vordergrund, sondern den Überlebenskampf der Häftlinge. Vor allem ist es ein Buch gegen das Vergessen und deshalb möchte ich es allen ans Herz legen.

Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort.
Eichborn, März 2021.
272 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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