Mitchell Hogan: Die Feuer von Anasoma

Dies ist die Geschichte von Caldan. Als Waise wurde er von einem Mönchsorden aufgenommen und erhielt eine Ausbildung in den magischen wie handwerklichen Künsten, konnte auf eine der umfangreichsten Bibliotheken der Welt zurückgreifen, lernte es mit dem Schwert umzugehen und Dominion, ein weit verbreitetes Strategiespiel zu spielen. In all diesen Bereichen übertraf er seine Mitschüler bei weitem. Eine große Zukunft als Bruder des gelehrten Ordens schien ihm gewiss.

Als er dann aber in einem Schwertduell einen Mitschüler aus reichem Haus schwer verletzt, muss er die Insel der Brüder in Richtung Anasoma verlassen. Kaum in der Küstenstadt angekommen erfährt er erst so richtig, wie behütet und umsorgt er bislang aufgewachsen ist. Sein Beutel leert sich schneller, als er schauen kann, dann wird er überfallen und muss aus seiner Unterkunft mangels Barem ausziehen. Gut, dass er bei der Zauberergilde trotz seines Alters an Lehrling angenommen wird. Als er einen der Meister scheinbar mühelos im Schwertkampf besiegt ist seine Weg vorgezeichnet. Er soll künftig als Protektor dem Kaiser und Reich im Kampf gegen verbotene Zauber dienen.

Doch er will mehr – er will wissen, wer seine Eltern waren, woher sie kamen, was die zwei Ringe, magische Kleinodien, die sie ihm vermachten bewirken und warum er den Duft von Magie riechen kann – wahrlich gefährliche Fragen, die sich ihm aufdrängen, wie er in der Folgezeit feststellen muss als Fremde die Stadt angreifen, von der Außenwelt abschotten und alle Zauberer gefangen nehmen …

Was ist das für ein Buch, das, wie uns der Verlag verschweigt, den Auftakt einer High-Fantasy-Trilogie darstellt? Nun, die Handlung beginnt zunächst ganz im Gewohnten. Ein mittelloser Waisenjunge sucht sein Erbe, sowohl in materieller wie spiritueller Hinsicht, offenbart großes Talent und beginnt seinen Weg der Machtpyramide hinauf. Auf eben diesem Weg lernt er einige der Geheimnisse des Staates kennen, wird in die Hierarchie eingebunden, erkennt politisch-wirtschaftliche Grundzüge des Kaiserreiches und erweist sich wiederholt aus mehr als talentierter Mensch.

Wie in diesen Fällen üblich bleibt der Fokus scharf auf den Protagonisten, zu dem sich im Verlauf des Plots noch einige wenige andere Erzähler – der Protektor Aidan, sowie ein Richter – gesellen gerichtet, fängt unser Caldan ganz unten an und arbeitet sich langsam die Leiter des Erfolgs hinauf.

Das gibt dem Autor die willkommene Gelegenheit uns ganz unaufgeregt und zusammen mit seinem Erzähler seine Welt vorzustellen. Der Leser erarbeitet sich sukzessive seine Kenntnis von Anasoma und den Machtgruppen quasi von Innen, wird immer wieder von Hinweisen auf ein mysteriöses, vor Generationen stattgefundenes Ereignis angefixt nach weitere Hinweisen darauf, was damals die Welt erschütterte, Ausschau zu halten. Dabei lernt unser Protagonist insbesondere am Meisten aus seinen vielen Fehlern, was diesen wie auch seine Umgebung mit Tiefe und Charakter ausstattet. Hier geht es viel um Selbsterkenntnis, um das Hinterfragen von Überzeugungen und um das Erkennen von wirtschaftlichen wie politischen Zusammenhängen. Dass dies unauffällig in die Handlung eingebettet ist dürfte eines der größten Stärken des Buches darstellen.

In der wie üblich sehr einfühlsamen Übersetzung von Michael Siefener folgen wir den Abenteuern unseres Erzählers – ein Held im klassischen Sinne ist er wohl eher nicht – gerne und fasziniert, gerade auch, weil Gewaltschilderungen eher Mangelware und nie Selbstzweck sind.

Calden ist ein Mensch voller Zweifel, Neugier, Ecken und Kanten. Unbeholfen wirkt er zunächst, dann entwickelt er sich zusehends weiter und nimmt uns auf diese, seine Entwicklung wie auch seiner Suche nach Erkenntnissen mit. In ganz kurzen, pointierten Kapiteln erhalten wir darüber hinaus Einblick in und auf andere Figuren und Handlungen, die dieses Bild weiter abrunden. Allerdings bricht die Handlung dann, wie üblich, wenn es am schönsten ist und wir uns gerade wunderbar eingelesen haben, mit einigen fiesen Cliffhangern ab.

Die Coverabbildung ist allerdings etwas verwirrend, kommt sein solches Motiv – ein einsamer Magier auf einem Felsen – doch im ganzen Buch nicht vor.

Mitchell Hogan: Die Feuer von Anasoma.
Heyne, März 2017.
720 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.