Miriam Toews: Das gläserne Klavier

klavierElfrieda von Riesen, die berühmte Pianistin, ist krank. Ihre ganze Seele hat sie in die Musik gelegt. Irgendwann glaubt sie, dass »das gläserne Klavier« in ihrem Körper Schaden genommen hat.

Yoli liebt Elf, wie sie liebevoll ihre große Schwester Elfrieda nennt, obwohl oder gerade weil sie ein ganz anderes Leben lebt. Ihr mäßiger Erfolg als Schriftstellerin, zwei Kinder von zwei Vätern und kein Geld verursachen in Yolis Alltag zahlreiche Konflikte. Fluchtartig ist sie aus Winnipeg gezogen. Ein Ort, der von der konservativen Auslegung des mennonitischen Glaubens beherrscht wird, ein Ort, in dem Männer alles erben und Frauen leer ausgehen. 

Provozierende Prahlerei prallt von Yoli ab.

»… Und, was treibst du so?, fragte sie.

Ach, ich weiß nicht, sagte ich. Nicht viel. Ich lerne, wie man ein guter Verlierer wird.« (S. 215)

Eine Verliererin auf der ganzen Linie ist Yoli schon immer gewesen. Zur Zeit läuft ihr Scheidungsverfahren, und Elf versucht erneut, sich das Leben zu nehmen.

Seit Yoli denken kann, lebt sie im Schatten der begabten Elf, die schön und glücklich verheiratet ist. Die Liebe zwischen den Schwestern bringt vor allen Dingen Yoli in einen Gewissenkonflikt, als Elf einen letzten Wunsch von ihr erfüllt haben möchte.

Miriam Toews zählt zu den bedeutenden kanadischen Autorinnen. Gekonnt erzählt sie aus Yolis Perspektive Trauriges, das in einem lakonischen, teilweise humorvollen Stil eingebettet ist. Miriam Toews mixt immer wieder Rückblenden mit aktuellen Ereignissen, die dem Roman Tiefgang und Hintergrundwissen geben. Dabei stehen Yolis innere Konflikte im Kontext zu ihrer Familiengeschichte. Die Ich-Erzählerin beschreibt ohne mahnenden Zeigefinger die Geschichte der Frauen in der Familie. Mutter, Schwester und Töchter rebellieren gegen Konventionen und fallen gerne aus der für sie vorgesehenen Rolle. Sie leiden, lachen und stehen zusammen ihre »Frau«. Ihre Liebe zueinander ist für jede von ihnen ein Halt und manchmal auch der Rettungsring.

Miriam Toews: Das gläserne Klavier.
Berlin Verlag, Mai 2016.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe,22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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