Mira Ungewitter: Roadtrip mit Gott

Frei will sie sein, die kleine Mira, selbst entscheiden und machen, was sie möchte. Schon als fünfjährige im Spanienurlaub ignoriert sie die ausgestreckte Hand des Vaters, der ihr beim Sprung auf einen Felsen Sicherheit geben will. Die Konsequenz ist eine blutende Wunde am Hals und eine zarte Narbe, die sie heute liebt. Dazwischen liegen ein verweinter Vater, der Mira zum Arzt bringen möchte, und eine gelassene Mutter, die sie stundenlang streichelt und in den Schlaf singt bis der Schmerz fast vergessen ist.

Auch für die erwachsene Mira Ungewitter – derzeit Pastorin in der projekt:gemeinde in Wien – ist Freiheit ein Wert, ohne den sie sich das Leben nicht vorstellen kann. „Ich glaube, dass Gott mir die Freiheit gibt, ein neugieriges Leben zu führen. Wenn Glaube nicht befreit, wenn er nicht den Wert der Lebensqualität steigert, wenn er nicht mutiger macht, läuft aus meiner Sicht etwas falsch“, schreibt sie am Ende des ersten Kapitels „Neugierig und Frei“.

In ihrem Buch „Roadtrip mit Gott“ erzählt sie davon, wie sie ihren Weg gefunden hat, von den Menschen, die sie geprägt haben und von denen sie gelernt hat. Und sie spricht von ihrer Beziehung zu Gott, von ihrer Suche, ihren Zweifeln und dem Halt, den ihr der Glaube gibt.

Da ist zunächst die Schulzeit, die vom Übertritt ins Gymnasium bis zum Abitur kein Zuckerschlecken war: „Ich war es gewohnt, die Schülerin zu sein, die ihren Lehrern und Lehrerinnen Ärger, Verzweiflung oder zumindest permanent Sorgen bereitete.“ (Kapitel „Scheiternd und Frei“)

Danach Orientierungslosigkeit. Wo soll es hingehen? Ein Hilfseinsatz in Honduras, Reisen, Surfen, die „Höhere Handelsschule für Abiturienten“, Mithilfe in einem Jugendtreff, Jobs im Kölner Schokoladenmuseum, als Stadtmuseums- und Brauhausführerin. Lernen fürs Leben und nach zwei Jahren die Entscheidung: Die junge Frau beschließt Theologie zu studieren und hält nach sieben Jahren die Urkunde mit ihrem Einser-Examen in der Hand. Trotz der besonderen Herausforderungen Hebraicum, Graecum und Latinum.

Nach einem Zusatzstudium die erste Stelle in Wien, wo sie heute noch als Pastorin arbeitet, dabei aber nicht nur auf der Kanzel steht, sondern auch handfest zupacken muss. Spannend zu lesen, wie offen diese Gemeinde ist. Die Idee: „Eine echte Gemeinschaft, in der jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft, Biografie oder sexuellen Orientierung willkommen ist.“ (Kapitel „Gemeinsam und Frei“)

Eindrücklich sind auch Mira Ungewitters Auslegungen von Bibelstellen und ihre Haltung zum christlichen Leben, die sie immer wieder einstreut. Über das Feiern – das sie als echte Kölnerin ausgiebig und gekonnt in ihr Leben einbezieht – schreibt sie Dinge, die ich bisher so nicht gesehen habe und über die ich ausführlich nachdenken werde: „Und dennoch bin ich der Überzeugung, dass sowohl der Rausch als auch das Feiern fundamental mit der Bibel verbunden sind. Genauso wie das Fasten und die Askese. Eben alles zu seiner Zeit.“ (Kapitel „Feiernd und Frei“)

Über weite Strecken ihres Buches spricht mir Mira Ungewitter aus dem Herzen, zum Beispiel, wenn sie schreibt: „Kirche ist vielleicht das, was sonntags passiert. Gemeinschaft ist etwas, was sich an keinen Ort und keine Zeit binden lässt. Das Reich Gottes ist etwas, das alles miteinander verbindet. Unsichtbar.“ (Kapitel „Gemeinsam und Frei“)

Klischees sind in diesem Buch kaum zu finden und wenn, werden sie meist hinterfragt. Es strahlt Lebensfreude und Offenheit für Neues aus. Surfende Pastorin, predigende Barkeeperin oder feierfreudige Bully-Fahrerin – Mira Ungewitter lässt sich in keine Schublade stecken und das macht sie ungemein sympathisch und authentisch.

Egal, ob man mit Kirche und Religion etwas am Hut hat oder nicht: Mira Ungewitters „Roadtrip mit Gott“ ist eine sowohl unterhaltsame als auch nachdenkliche Geschichte über den Weg einer jungen Frau zu sich und zu Gott, die ich jedem Leser und jeder Leserin nur empfehlen kann.

Mira Ungewitter: Roadtrip mit Gott: Leben ist Freiheit und jeden Tag ein Abenteuer.
Verlag Herder, August 2019.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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