Minna Lindgren: Der Todesfall der Woche

Tod, Demenz und Pflegeheim – wohl niemand außer den Finnen versteht es, derartige Themen schwarzhumorig, schonungslos und warmherzig zugleich aufzubereiten. Im „Abendhain“ vertreiben sich die über 90-jährigen Heimbewohnerinnen Siiri, Irma und Anna-Lisa mit Canasta, Stuhlgymnastik und Rotweintrinken den Tag. Auch die Frage, wen es von den Nachbarn diese Woche dahingerafft hat, bietet Gelegenheit für anregende Unterhaltungen. Bis der junge Kantinenkoch Tero stirbt, den Patienten merkwürdige Medikamente untergejubelt werden und ein mysteriöser „Höllenengel“ mit Lederjacke und Motorrad in ihr Leben tritt. Plötzlich befindet sich Siiri in einem Abenteuer, in dem sie ihre Freiheit verteidigen muss.

Die drei rüstigen Freundinnen bilden neben einem ehemaligen Botschafter, der stets auf Beerdigungen einschlafenden Krempenhutdame sowie dem Ehepaar Partanen, welches jeden Nachmittag lautstarken Sex praktiziert (leider funktionieren bei dem dementen Gatten nur noch die Körperfunktionen unterhalb der Gürtellinie) den Kern der Seniorenclique. Hier schafft die Autorin Minna Lindgren herrlich schräge Szenen, zum Beispiel als sich die Heimbewohner wundern, warum das Hochziehen einer Hose als Pflegeleistung mehr kostet als das Herunterziehen. Stichwort: Schwerkraft! Auch die Herausforderung, alltägliche Handgriffe zu meistern, beschreibt die Autorin in witzigen Worten wie das ständige Suchen nach der Lesebrille oder die Erinnerung, genug zu trinken, da es „peinlich wäre an Dehydration zu sterben – ausgerechnet im Land der tausend Seen!“

Aber Achtung: Bisweilen bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Denn neben dem Humor kommt die Gesellschaftskritik nicht zu kurz. Probleme wie die Einsamkeit der Hochbetagten, deren Männer das Zeitliche gesegnet haben und deren Kinder lieber in Afrika auf Safari gehen, als sie im Altenheim zu besuchen, werden hier ehrlich auf den Punkt gebracht. Ebenso die Missstände im Pflegesystem, in dem das zweimalige Wechseln der Windel den Höhepunkt des Tages darstellt. Es geht um Würde und Selbstbestimmung. Zudem ereignen sich im „Abendhain“ seltsame Dinge, die alle in scheinbarem Zusammenhang stehen. Geht es hier etwa um einen Medikamentenskandal, Drogenschmuggel und um zwielichtige Geschäfte? Die Ladies forschen nach, doch niemand glaubt ihnen. Die aufmüpfige Irma wird sogar in der geschlossenen Abteilung untergebracht und ruhiggestellt. Dieses beklemmende Gefühl, das eigene Leben aus der Hand zu geben, Stück für Stück entmündigt zu werden, regt zum Nachdenken an.

Minna Lindgren bedient in ihrem Buch viele Genre: Komödie, Drama und einen „Krimi“ in der Light-Version. Schließlich ist der Aktionsradius der Damen altersbedingt eingeschränkt und gedanklich ist man als Leser einen Schritt voraus, so dass die Spannung vor allem aus der Hoffnung rührt, dass die Ladies das drohende Unheil rechtzeitig erkennen mögen. Nicht alle Handlungsstränge werden am Ende aufgelöst, das Krimi-Element tritt in den Hintergrund. Da Siri sich zum Zeitvertreib gerne durch das S-Bahn-Liniennetz von Helsinki treiben lässt, bietet die Lektüre zudem Einblicke in die Hauptstadt Finnlands und ihre Sehenswürdigkeiten.

Fazit: Wir lachen und leiden mit dieser wunderbaren „Mädels-Clique“. Da die drei alten Damen ihrer Leserschaft ans Herz gewachsen sind, hat Minna Lindgren noch zwei weitere Folgeromane verfasst, die hoffentlich ebenfalls bald in der Taschenbuchversion erhältlich sind.

Minna Lindgren: Der Todesfall der Woche.
Goldmann, September 2017.
384 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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