Michaela Küpper: Der Kinderzug

Ein interessantes Thema hat sich die Autorin für ihr bisher erst zweites Buch vorgenommen. Ein Thema, das zumindest ich bislang noch kaum in Romanen verarbeitet gefunden habe. Es geht im Buch von Michaela Küpper um die sogenannte Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkriegs.

Im Rahmen dieser von oben angeordneten Maßnahmen wurden, erst auf freiwilliger Basis, später dann ohne Wahlfreiheit, die Kinder aus den großen Städten vor den Bombenangriffen in Sicherheit gebracht. Sie wurden, die ganz kleinen mit, die etwas Größeren ohne Mütter in Pflegefamilien auf dem mehr oder weniger sicheren Land untergebracht. Die älteren Kinder wurden klassen- bzw. schulweise „aufs Land verschickt“, dort kamen sie in Jugendherbergen, Zeltlagern oder in leerstehenden Hotels etc. unter, betreut von ihren Lehrern.

In ihrem Roman schildert Michaela Küpper eine solche, wenn auch fiktive, Kinderlandverschickung. Die Mädchenklasse kommt aus dem von Bomben schwer getroffenen Essen und reist, begleitet von ihrer Lehrerin und dem Schuldirektor mit seiner Familie nach Usedom. Dort treffen sie unter anderem auf eine Jungenklasse aus Berlin.

Erzählt wird der Roman aus der Perspektive von verschiedenen Personen: von der Lehrerin Barbara, der Schülerin Gisela in Tagebuchform, von Giselas jüngerer Schwester Edith sowie von Karl, einem der Berliner Jungen.  Die Befindlichkeiten der verschiedenen Protagonisten werden sehr ausführlich dargestellt, insbesondere die der Lehrerin, die zusätzlich zu den Problemen bei der Betreuung der Kinder auch noch Liebeskummer hat. Vor allem die Jungen werden heftig gedrillt und auf ihr künftiges Soldatenleben vorbereitet. Alle Handelnden stellen, zumindest zu Beginn des Romans, die Politik der Nationalsozialisten nicht in Frage.

Als der Krieg auch nach Usedom kommt, müssen die Kinder von dort in andere Lager weiterziehen, bis sie sich bei Kriegsende schließlich am anderen Ende von Deutschland wiederfinden.

Trotz des spannenden Themas schaffte es der Roman leider nicht wirklich, mich zu fesseln. Der Funke sprang nicht über, soll heißen, die Figuren erweckten in mir keine Sympathie, kein Mit-Leiden oder Mit-Fiebern. Vielleicht mit Ausnahme von Karl, dem Jungen aus Berlin, der es kaum erwarten kann, Soldat zu werden. Dieser Charakter hat einigermaßen Tiefgang, man kann sich einfühlen in sein Leid, wenn er durch die Bomben Familienangehörige verliert oder den Drill durch die Lagerführer nur mühsam erträgt.

Dennoch bleibt der Autorin das Verdienst, sich eines bislang in der Belletristik meines Erachtens zu wenig beachteten Themas angenommen zu haben.

Michaela Küpper: Der Kinderzug.
Droemer, Oktober 2019.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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