Michaela Carter: Die Surrealistin

Im Juni 1937 lernt Leonora Carrington in London Max Ernst kennen. Leonora, eine Engländerin aus wohlhabendem Hause, hat dafür gekämpft, Kunst studieren zu können. Ihre Eltern wollen sie lieber vorteilhaft verheiratet sehen, wie es in ihren Kreisen üblich ist. Sie ist gerade zwanzig, Max ist bereits Mitte vierzig, verheiratet und ein anerkannter Künstler des Surrealismus. Diese Kunstrichtung fasziniert Leonora schon eine ganze Weile. Sie ist überzeugt, dass es kein Zufall ist, der sie mit Max und den anderen Surrealisten zusammenbringt. „Der Grund, weshalb Max hier saß, war ganz einfach und nicht von der Hand zu weisen. Ihre Liebe zu seiner Kunst hatte irgendwie den Mann selbst angezogen.“ (Kapitel 2).

Die beiden werden ein Paar. Die Ehe von Max ist kein Hindernis, er hatte schon viele Affären und möchte sich sowieso von seiner Frau trennen. Für ihn hat die Beziehung zu Leonora eine ganz neue Qualität. Für die junge Frau bedeutet das Zusammensein mit Max den Bruch mit ihrer Familie. Die Liebe der beiden ist intensiv und fast schon symbiotisch, sie verschmelzen nahezu zu einer Person, können nicht mehr ohne einander sein. Zwar malt Leonora selbst, aber sie wird auch zur „Muse“ für Max, deren Gestalt oder Gesicht eine Zeit lang auf fast jedem seiner Bilder zu sehen ist. Nach einer gemeinsamen Zeit in der Pariser Künstlerszene ziehen sie in ein Dorf in der Provence. Auch Leonoras Gemälde sind surrealistisch. Dabei schöpft sie aus Traumerlebnissen, aber auch aus Begebenheiten in einer anderen Welt, in die sie eintritt oder in die sie hineingezogen wird. Immer wieder wird sie aus der Realität katapultiert (oder ist diese andere Welt auch real?).

Als Max während des 2. Weltkriegs bereits zum zweiten Mal in einem französischen Lager interniert wird, verliert Leonora den Boden unter den Füßen. Bei seiner Rückkehr ist sie fort. Mit einer Bekannten ist sie Richtung Portugal geflüchtet und hat auch seinen Pass mitgenommen, damit Max immer bei ihr ist. Immer öfter fällt sie aus der Wirklichkeit, taucht unter die Oberfläche der Welt, wie die anderen sie sehen, fühlt sich verfolgt oder wittert ein Komplott. In Madrid bricht sie zusammen. Es wird ein schwerer Weg für Leonora, diese Krise zu bewältigen.

Der US-amerikanischen Autorin Michaela Carter ist mit ihrem Roman „Die Surrealistin“ ein wunderbares Buch über den Lebensweg einer ganz besonderen, sensiblen Künstlerin gelungen. Sie legt den Fokus auf die Zeit von 1937 bis 1943, die Leonora Carrington ganz besonders geprägt hat. Einfühlsam und sehr poetisch zeichnet sie ihre Entwicklung vom unsicheren, aber dennoch zielstrebigen jungen Mädchen zur selbstbewussten, emanzipierten Frau und Künstlerin nach. Sie lotet die Höhen und Tiefen aus, die dazwischenliegen, den schwebenden Glückszustand genauso wie die hoffnungsloseste Verzweiflung. Doch nicht nur Leonora Carrington nimmt vor den Augen der Leserinnen und Leser Gestalt an, auch Max Ernst, einige andere Surrealisten und die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim werden lebendig. Selbst die Nebenfiguren sind mit ihren Ecken und Kanten fein ausgearbeitet. Die Atmosphäre und die Geschehnisse werden sinnlich wahrnehmbar und scheinen zum Greifen nahe. Michaela Carter übersetzt die gemalten Kunstwerke in Worte.

Man muss sich nicht mit Kunst oder speziell dem Surrealismus auskennen, um diesen Roman genießen zu können. Es reicht, offen zu sein für Neues und für Sichtweisen, die nicht der Norm entsprechen. Dann kann man eintauchen und taucht nur ungern wieder auf.

Bereits im ersten Kapitel, kommt die achtzigjährige Leonora zu Wort, deren Werk 1997 in einer Retrospektive geehrt wird: „Weibliche Kunst wird für einen Bruchteil dessen verkauft, was männliche Kunstwerke erzielen, und Frauen brauchen zweimal so lang, um sich einen Namen zu machen. […] Ich habe lang genug gelebt, um noch mitzubekommen, dass die Welt wenigstens beginnt, uns wahrzunehmen – als Künstlerinnen, meine ich, nicht als Inspiration für Kunst, diese fürchterliche Vorstellung von einer Muse.“

Der Roman „Die Surrealistin“ regt dazu an, das Werk von Leonora Carrington und anderen Künstlerinnen zu entdecken. Aber das Wichtigste ist: Er ist großartig geschrieben, nimmt die Leserinnen und Leser mit in eine Vergangenheit, die bis heute wirkt, und macht Mut – gegen alle Widerstände –, den eigenen Weg zu finden und sich von Abhängigkeiten zu befreien. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

Michaela Carter: Die Surrealistin.
Kindler, August 2020.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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3 Kommentare zu “Michaela Carter: Die Surrealistin

  1. Hallo Beate,

    ich bin sehr an Kunst interessiert – aber selbst, wenn nicht, würde diese Rezension Lust darauf machen, in diese wahre Geschichte einzutauchen. 🙂

    LG,
    Mikka

  2. Hallo Mikka,
    ich freue mich, dass ich dich neugierig machen konnte und hoffe, das Buch gefällt dir genauso gut wie mir.
    Vielen Dank und schöne Grüße
    Beate

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