Michael Maar: Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf

michWarum schreiben Menschen Tagebücher? Der Autor Michael Maar beantwortet diese Frage anhand von vielen wunderbaren Beispielen großer Diaristen so:
Ein zentrales Motiv des Tagebuch-Schreibens ist das des Festhaltens der Zeit. Ein weiteres Motiv ist die Bewussthaltung, weil das Erlebte erst durch die Versprachlichung eine feste Kontur erhält. Auch Rechenschaft – indem das Tagebuch in seiner Funktion als Beichtstuhlersatz dient, kann als Motiv gewertet werden. Michael Maar zitiert unter anderem Gustav René Hocke, der die Antriebe fürs Tagebuch schreiben mit Selbsterkenntnis und der Aufforderung „Werde, der du bist“, benennt.
Historische Situationen, in denen dem Tagebuch eine besondere Rolle zuwächst, ergeben sich in Zeiten des Terrors und der Diktatur. Dann ist nichts so gefährlich und nichts so unbedingt notwendig wie das Tagebuch.
Letztlich stellt sich auch die Frage, warum man Tagebücher berühmter Leute lesen sollte. – Seit Plato wissen wir, dass die Dichter viel lügen. Aber ein Tagebuch liest sich eben echt und unverstellt. Dabei liegt der Reiz nicht nur im Lesen von besonderen Situationen, sondern ebenso in Alltagsbeschreibungen. Über Oscar Wildes Motiv fürs Tagebuchschreiben erfahren wir, dass der Mensch dazu neige, sich im Rückblick zu betrügen und ein Tagebuch deshalb die einzige Möglichkeit sei, die Erinnerung unverfälscht zu erhalten.
Michael Maar gewährt uns Einblicke in Tagebucheinträge von Thomas Mann, Ernst Jünger, Franz Kafka, Walter Kempowski, Sylvia Plath, Peter Rühmkorf, Katherine Mansfield, Arthur Schnitzler, Leo Tolstoi, Andy Warhol, und und…
Wir erfahren, dass Goethes Tagebuch kein übliches ist. Seine Einträge lesen sich eher wie Notizen von größter Nüchternheit.
Susan Sontag fühlt sich stärker, wenn sie schriftlich mit sich selbst gesprochen hat.
Natürlich bleibt Anne Frank, die durch ihre Tagebücher zur Legende wurde, nicht unerwähnt, oder Viktor Klemperer, der die Liste der Dekrete 1942 unter ständiger Lebensgefahr aufschreibt.
Der 1912 in Massachusetts geborene Erzähler und Romancier John Cheever liebte insgeheim Männer. Er mildert das eigene Elend in der Fiktionalisierung ab, indem er vom Ich zum Er übergleitet.
Über die Entdeckung Amerikas finden sich im privaten Logbuch von Christopher Kolumbus am 12. Oktober die Zeilen: „Um zwei Uhr morgens kam das Land in Sicht, von dem wir etwa 8 Seemeilen entfernt waren. Wir holten alle Segel ein und fuhren nur mit einem Großsegel, ohne Nebensegel. Dann lagen wir bei und warteten bis zum Anbruch des Tages, der ein Freitag war, an welchem wir zu einer Insel gelangten die in der Indianersprache „Guanahani“ hieß. Dort erblickten wir alsogleich nackte Eingeborene.“

Michael Maars Einblicke in große Tagebücher lesen sich nicht nur ungemein unterhaltsam und eindrucksvoll, sie inspirieren, sich mit manchen der aufgeführten Tagebücher eingehender auseinanderzusetzen.

Michael Maar: Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf.
C. H. Beck, September 2013.
259 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.