Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Michael Chabon wird als Autor hoch gehandelt. Um etwa von den Kritikern „Der Welt als Wortmagier aller Genres bezeichnet zu werden, braucht es ein schriftstellerisches Können, das über handwerkliche Grundfähigkeiten weit hinaus geht. Nicht umsonst wurde Michael Chabon mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt.

Michael Chabon wurde am 24. Mai 1963 in Washington, D.C., geboren und wuchs in Columbia, Maryland, auf. Heute lebt er mit seiner Frau, der Schriftstellerin Ayelet Waldman und den vier Kindern in Berkeley, Kalifornien. In seinem Roman „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ erzählt der Autor die Geschichte einer fiktiven jüdischen Siedlung in Alaska. Im Jahr 1940 wurden jüdische Flüchtlinge aus Europa für einen bestimmten Zeitraum auf dem damaligen Territorium Alaskas angesiedelt. Eine dauerhafte Lösung sollte dies jedoch nicht sein. Die jüdischen Migranten sollten nach dem Krieg wieder nach Europa zurückkehren.

Chabon macht die Kleinstadt Sitka zum Hauptort der jüdischen Enklave und Schauplatz seiner Geschichte. Hier lebt der Polizist Meyer Landsmann. Er arbeitet beim Morddezernat. Und er hat Probleme: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt und steckt auch beruflich in einer Sackgasse.

Er wohnt in einem billigen Hotel, in dem zu allem Überfluss auch noch ein Mord begangen wurde. Als Opfer wird ein ehemaliges Schach-Wunderkind identifiziert. Landsman beginnt mit den Untersuchungen. Doch als von ganz oben die Anweisung ergeht, dass der Fall sofort zu den Akten gelegt werden soll, ermittelt Landsman mit seinem Partner auf eigene Faust. Dabei gerät er tief in eine Welt, in der politische Ziele und religiöser Wahn aufeinandertreffen und eine gefährliche Dynamik entwickeln. Meyer Landsmann taucht in eine Welt von Verschwörung ein, die in Alaska einzelne und in Jerusalem hunderte Opfer fordert.

Mit „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ legt Michael Chabon einen Roman vor, der den Leser in eine fremde Welt eintauchen lässt. Jüdisches Leben in den vierziger Jahren im Exil. Der Protagonist kommt in Sprache und Gestalt authentisch herüber.

Der Leser spürt den Regen und Nebel Alaskas förmlich auf der Haut. Die lässige Sprache des Polizisten, sein fataler Humor machen ihn für den Leser interessant. Dennoch bekommt der Leser hier keine leichte Kost vorgesetzt. Ich tat mich schwer, in die Geschichte hineinzufinden. Das häufige Aufschlagen des Glossars, um die jüdischen Begriffe zu verstehen, fand ich mühsam. Hier wären Fußnoten sich ein Kompromiss gewesen.

Vielleicht ist es der Übersetzung ins Deutsche geschuldet, dass ich die Sprache zum einen sehr ausdrucksstark, aber zum anderen etwas gestelzt und holprig empfand. Die Dialoge empfand ich zu ausschweifend und das Erzähltempo des Autors entsprechend träge. Manche Abschnitte musste ich doppelt lesen um dem komplexen Stoff des Plots folgen zu können und die zahlreichen überraschenden Wendungen der Geschichte einordnen zu können.

Das ganze Buch ist voll von hintergründigen Einzelheiten und vielen Anspielungen auf die jüdische Religion, ihre Geschichte und ihre Traditionen. Da begegnen dem Leser unter anderem jüdischen Religionsfanatiker mit politischen Absichten. Dabei ist die eigentliche Kriminalgeschichte, wie oben erwähnt, eingebettet in die fiktive Geschichte einer ebenso fiktiven jüdischen Enklave Israels in Alaska.

In meiner Leseempfehlung bin ich zwiegespalten. Die eigentliche Krimihandlung habe ich als lesenswert wahrgenommen. Die Lektüre dieses oft skurrilen Romans macht durchaus Spaß. Jedoch braucht der Leser Geduld, um in diese Geschichte hineinzufinden. So würde ich die Vereinigung der jüdischen Polizisten jedem empfehlen, der gerne und mit Durchhaltevermögen herausfordernde Bücher liest. Sich einem gewissen literarischem Anspruch zu stellen lohnt auf jeden Fall!

Bemerkenswert finde ich den Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Romans. 60 Jahre liegt die Gründung des Staates Israel zurück. In Deutschland erleben wir zur Zeit wachsenden Antisemitismus. Darum finde ich es gut und wichtig, dass im belletristischen Genre ein Buch erscheint, dass durchaus zur Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus und terroristischer Gewalt anregt. Hierfür danke ich dem Verlag ausdrücklich!

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten.
KIWI-Tschenbuch, August 2018.
464 Seiten, Taschenbuch, 12 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

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