Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen

Spritzig, provokant, klug – Mercedes Spannagels Debütroman „Das Palais muss brennen“ trifft einen wunden Punkt des aktuellen europäischen Zeitgeschehens. Mit ihrem inhaltlich und sprachlich hochmodernen Erstlingswerk ist die bereits vielfach ausgezeichnete Wienerin für den österreichischen Buchpreis in der Kategorie „Debütpreis“ nominiert.

„Ich streichelte TTs Arm und TT streichelte mir die Wange und er fragte leise, ob wir miteinander schlafen wollten. Ich sagte, dass ich lieber kein rechtes Gedankengut in mir hätte.“

Protagonistin Luise ist die Tochter der rechtskonservativen Bundespräsidentin Österreichs und rebelliert auf ganz eigene Weise gegen ihre Mutter. Als Reaktion auf deren überzüchtete Windhunde legt sich Luise einen Mops zu, den sie demonstrativ Marx tauft und während sie mit ihren Freunden alle Annehmlichkeiten des Lebens im Palais genießt, hält sie der österreichischen Elite von innen heraus den Spiegel vor. Alkohol und andere Drogen stehen täglich auf dem Speiseplan der „Kinder der Nazis“, wie sie sich selber nennen, wenn sie sich in schicken Cafés, Bars, Clubs und dem Palais treffen. Einerseits geben sie sich intellektuell und philosophisch, andererseits akzeptieren sie verzogen und gelangweilt ihre Privilegien. Luise begegnet dem rechten Milieu um ihre Mutter frech und vorlaut, meist bleibt es allerdings bei rebellischen Phrasen. Das soll sich beim legendären Wiener Opernball ändern, doch die geplante Kunstaktion verläuft anders als gedacht.

Mercedes Spannagel kennt in ihrem Roman keine Tabus: Thematisch springt sie von Sex zu Menstruation und weiter zu Drogen, Politik, Emanzipation, Rechtspopulismus und Korruption. Gesellschaftskritisch und zynisch gibt sie in dichten Momentaufnahmen Einblick in das Leben der elitären Jugend Österreichs. Gleichzeitig wird man allerdings auf Distanz zum Geschehen und den Protagonisten gehalten. Dadurch lesen sich die 190 Seiten kurzweilig und abwechslungsreich. Der flache Spannungsbogen trägt seinen Teil dazu bei, dass man sich genauso gemütlich durch das Buch treiben lässt, wie die Protagonisten durch die Wiener Bars.

Was „Das Palais muss brennen“ so besonders macht, ist der für einen Roman ungewöhnliche Sprachstil: Erfrischend pragmatisch und gleichzeitig auf charmante Weise obszön. Anfangs ist der beinahe spartanische Stil etwas gewöhnungsbedürftig und sicherlich kann sich nicht jeder damit anfreunden. Genau dadurch entsteht aber auch Mercedes Spannagels einzigartiger Sprachwitz, der viele Situationen auf amüsante und intelligente Weise auf den Punkt bringt.

Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen.
Kiepenheuer&Witsch, September 2020.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Johanna Wunsch.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.