Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds

Die Österreicherin Melitta Breznik (Jahrgang 1961) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Autorin. In ihren Büchern berichtet sie über ihre beruflichen und familiären Erfahrungen. So auch in ihrem neuesten Buch „Mutter. Chronik eines Abschieds“, das am 11. Mai 2020 im Luchterhand Literaturverlag erschienen ist.

Darin erzählt Melitta Breznik über das Sterben ihrer Mutter. Nach der Krebsdiagnose sagt die 90jährige zu ihrer Tochter: „Komm wir gehen heim sterben.“ Und so begleitet und pflegt Breznik sie über mehrere Monate zuhause bis zu ihrem Tod. Ihren 91. Geburtstag feiert Brezniks Mutter noch einmal im Kreis der Familie. Es wird ihr letzter Geburtstag. Melitta Breznik beschließt, ihre beruflichen Aktivitäten zurück zu stellen und für ihre Mutter zu sorgen. So bleiben die beiden Frauen 24 Stunden am Tag, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, in der kleinen Wohnung der Mutter zusammen. Sie reden und sie schweigen miteinander, sie halten sich an den Händen, und sie erinnern sich an viele gemeinsame Momente. An schlechte und schöne Tage. An den trinkenden Vater, den toten Bruder und das abgetriebene Kind. An die Reisen, an die alten Schlager, an die Konzertbesuche. Sie sprechen über Melitta Brezniks Kindheit und die Familie. Freunde und Nachbarn schauen vorbei. Brezniks Bruder kommt jeden Tag. Behutsam und zärtlich versucht Melitta Breznik, ihrer Mutter das Sterben zu erleichtern, aber „der Tod braucht Zeit, er duldet keine Eile, er duldet nichts anderes neben sich.“ (S. 76). Und so bleibt die Welt draußen. Melitta Breznik ist Ärztin und kann ihre Mutter auch medizinisch versorgen. Sie lehnt einen assistierten Selbstmord ab. Aber sie sorgt dafür, dass ihre Mutter möglichst schmerzfrei bleibt.

Diese innige Sterbebegleitung kostet sie Kraft und schmerzt ihren Körper und Geist. Bei ihren täglichen Spaziergängen versucht Melitta Breznik, abzuschalten und Energie zu sammeln. Doch manchmal reagiert auch sie ungehalten. Und manchmal verhält sich ihre Mutter störrisch und uneinsichtig. Vor allem, wenn es um Hilfsmittel oder Pflegeunterstützung geht. Aber beide bleiben respektvoll und dankbar für die Zeit, die sie miteinander verbringen können. Bis zum Tod, der die Mutter erlöst. Und die Tochter verwaist zurücklässt.

Was für ein beeindruckendes Buch. Meine Mutter ist im letzten September im Krankenhaus und allein gestorben. Wie es anders hätte sein können und vielleicht auch sollen, beschreibt Melitta Breznik in ihrer „Chronik eines Abschieds“. Ohne Pathos oder Schönfärberei. Es ist ein schmerzlicher, physischer und psychischer Kraftakt, einen geliebten Menschen beim Sterben zu begleiten und nicht jede*r kann (oder will) ihn leisten. Melitta Breznik wollte ihn leisten. Nur gut, dass sie das Buch in kurze Kapitel gegliedert hat, denn als Lesende brauche ich diese kurzen Atempausen dazwischen, so sehr rührt mich das Erzählte an. Und dann dieser Punkt hinter dem Titel „Mutter.“, dem ist nichts hinzuzufügen. Damit ist alles gesagt.

„Mutter. Chronik eines Abschieds“ ist ein zu Herzen gehendes Buch, dass mich sehr nachdenklich und bewegt zurück lässt und dem ich viele Leser*innen wünsche.

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds.
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2020.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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