Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Die Geschichte ist wahr. Zumindest so wahr, wie sie in der Familie Meir Shalevs sein kann. Denn dort gibt es Familiengeschichten immer in verschiedenen Versionen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausschmückungen, je nachdem, wer sie erzählt. Und große Erzählerinnen und Erzähler sind – wenn man Meir Shalev glauben möchte – ein Merkmal seiner Familie. Erinnerung und Phantasie, schreibt er, sind in seiner Verwandtschaft ein und dasselbe.

„Die Sache war so…“ – Mit dieser Eingangsformel begann Großmutter Tonia ihre Geschichten und stellte damit klar: Was ich gleich erzähle, entspricht genau den Tatsachen. Und auch die anderen Familienmitglieder nahmen das mit dieser Einleitung für sich in Anspruch.

Die Sache war so: Großmutter Tonia wanderte Anfang der 1920er Jahre aus einem Dorf, das heute in der Ukraine liegt nach Israel aus. Dort heiratete sie ihren Schwager Aaron, der seine Frau – ihre Schwester – verloren hatte und mit zwei kleinen Kindern alleine dastand. Sie wohnten im ersten, in der Jesreelebene gegründeten Moschaw Nahalal, einer Art genossenschaftlich organisiertem Dorf, und betrieben Landwirtschaft. Tonia und Aaron waren keine geborenen Bauern, die Tätigkeiten entsprachen nicht unbedingt ihren Begabungen und Neigungen, aber sie hielten ihr Leben lang durch, was vor allem an Großmutter Tonia lag, die den Laden und die Familie zusammenhielt. Viele erklärten sie allerdings für verrückt oder zumindest für seltsam und schwierig. Denn ihr größter Feind in der staubigen Ebene war der Schmutz.

Obwohl das Haus mit allen notwendigen Räumen, mit Küche, Badezimmer, Toilette, Wohn- und Schlafzimmern ausgestattet war, erlaubte sie kaum einmal, dass es von Gästen betreten wurde. Es könnte ja jemand Dreck hineintragen. Das Leben fand auf der Terrasse und im Hof statt. Statt auf die Toilette ging man den besonderen Zitrusbaum begießen, der nur Anfangs verschiedene Zitrusfrüchte trug, später auch Mais, Artischocken und Bohnen. Duschen konnte man Auge in Auge mit den Kühen im Stall und gekocht wurde sowieso im Freien. Auch im Haus gab es Vorsichtsmaßnahmen: Viele Möbel waren abgedeckt, die Türen zu den verbotenen Zimmern geschlossen und jede Türklinke war mit einem Lappen umwickelt, der sie vor ungebetenen Ablagerungen schützen sollte. Und das Bodenwischen war sowieso eine Wissenschaft für sich.

Der Staubsauger, Sweeper genannt, kam 1936 ins Haus. Die Sache war so: Aarons Bruder Jeschajahu war nach Amerika ausgewandert, „Kapitalist“ geworden und hatte sich, sehr zu Aarons Missfallen, in Sam umbenannt. Dieser Kapitalistenbruder hatte Aaron Dollars geschickt. Als überzeugter Sozialist und Zionist weigerte sich Aaron natürlich, das Geld anzunehmen. Nachdem die Geldscheine per Post mehrere Male in beiden Richtungen den Atlantik überquert hatte, sann Jeschajahu auf eine Möglichkeit, seinem Bruder den Stolz auszutreiben und ihn dazu zu bringen, ein Geschenk von ihm anzunehmen. Die Lösung war der Sweeper, ein glänzendes, riesiges Monument der modernen Schmutzkriegsführung. Jeschajahu war überzeugt, dass er damit Tonia auf seine Seite ziehen konnte, gleichzeitig war das Gerät zu groß und damit zu teuer, um es zurück zu schicken. Doch Großmutter Tonia machte sich bald ihre eigenen Gedanken dazu und die waren so besonders, wie sie selbst.

Großmutter Tonia und ihr Sweeper ziehen sich wie ein roter Faden durch Meir Shalevs Geschichte. Liebevoll und höchst unterhaltsam, beschreibt der in Israel sehr bekannte und beliebte Autor, wie seine Großmutter die Familie durch ihre Wortschöpfungen („Genug im Bett herumgestänkert“ und „kratzratzen“ sind meine Lieblingswendungen) und durch ihre ganze unkonventionelle Art geprägt hat.

Doch drumherum gibt es noch mehr zu entdecken: Die große, weitverzweigte Verwandtschaft (inklusive der Tiere und Maschinen, die ebenfalls oft menschliche Züge tragen) ist für viele lustige und berührende Episoden gut.

Und mitnehmen werde ich auf jeden Fall: Wenn es einem „miserrrobel“ geht, wirkt ein Löffel Sahne Wunder.

Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger.
Diogenes, März 2018.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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