Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot (1936)

Mit „Geheimnis in Rot“ setzt der Klett-Verlag seine nostalgische Weihnachtskrimi-Reihe fort und hat sich wieder einmal ein echtes Juwel herausgepickt. Der 1936 entstandene Roman – mitten in der „Goldenen Ära“ der britischen Kriminalliteratur – punktet mit stimmungsvollem Setting. Der winterliche Landsitz, die adligen Akteure und das Flair der 30er Jahre bereiten klassisches Krimivergnügen der guten alten Schule. Sir Osmond Melbury trommelt seine ganze Familie an Weihnachten zusammen. Ein böser Fehler: Kaum hat die Bescherung begonnen, wird er mit einer Kugel im Kopf aufgefunden. Mord! Colonel Halstock hat bei der Aufklärung des Falles alle Hände voll zu tun: Bei näherer Betrachtung könnten einige Familienmitglieder ein Interesse am vorzeitigen Ableben des Patriarchen gehabt haben …

Mal ist es eine dringend benötigte Erbschaft, mal ist es eine Liebesbeziehung, die Sir Osmond Melbury nicht toleriert. Das Familienoberhaupt hat sein Vermögen genutzt, um Einfluss auf die fünf Kinder auszuüben. Motto: Wer nicht spurt, wird enterbt! Seine älteste Tochter Hilda ist vor zwanzig Jahren mit einem Künstler durchgebrannt, der wenig später starb und sie mittellos mit einer kleinen Tochter zurückließ. Hilda musste sich daraufhin alleine durchschlagen. Ihre Tochter Carol möchte nun ein Architekturstudium beginnen, aber dafür mangelt es an finanziellen Mitteln. Sir Melburys Kinder Edith, Eleanor und George haben sich dem Willen ihres Vaters gebeugt und sind Ehen mit standesgemäßen Partnern eingegangen. Edith ist mit dem jähzornigen, kriegstraumatisierten David verheiratet, obwohl sie eigentlich einen Schauspieler liebt. Einzig Jennifer, die jüngste Tochter, rebelliert. Sie möchte den „Schreiberling“ Philip Cheriton heiraten, in den Augen ihres Vaters keine ehrenwerte Partie. So hat Sir Melbury auch seinen eigenen Wunschkandidaten, Oliver Witcombe, zum Weihnachtsfest eingeladen.

Als bekannt wird, dass Sir Melbury sein Testament kurz vor seinem Tod abändern wollte, gerät die Familie in Aufruhr. Hat er womöglich die junge Haushälterin Miss Portisham mit einer Erbschaft bedacht? Sir Melbury wird gar eine Affäre mit der attraktiven Rothaarigen nachgesagt. Da unter der heilen Familienfassade einige Geheimnisse brodeln, verschweigen die Melburys in Vernehmungen immer wieder wichtige Details, um ihre Lieben zu schützen oder den eigenen Ruf zu wahren. Stattdessen werden hinter vorgehaltener Hand unbegründete Seitenhiebe ausgeteilt. Was die Aufklärung des Falles nicht unbedingt erleichtert. Zum Glück kann sich Colonel Halstock auf seine Kombinationsgabe verlassen. Wir Leser rätseln munter mit.

Dieser wiederentdeckte Krimi-Klassiker liest sich einfach wunderbar! Denn hier wird statt auf DNA-Analysen und Actionszenen Wert auf die Charakterzeichnungen gelegt. Die Autorin bedient sich eines Tricks: Sie lässt einzelne Kapitel aus Sicht verschiedener Protagonisten schreiben. So fügt sich das Gesamtbild der Geschehnisse puzzleartig zusammen. Dadurch entsteht viel subtiler Humor, da die Innen- und Außenwahrnehmung mancher Familienmitglieder stark auseinanderdriftet. Bestes Beispiel: Tante Mildred, die ältliche Schwester des ermordeten Sir Osmond. Sie selbst sieht sich als missverstandenes Opfer, der Rest der Familie empfindet sie als arrogant und besserwisserisch. Auch versteckte Rivalitäten sowie Klatsch und Tratsch rund um Eheprobleme und Affären sickern herrlich zwischen den Zeilen hindurch. Sie zeigen: Es liegt einiges im Argen in der Familie Melbury!

Fazit: Ein unterhaltsamer Krimigenuss zur Weihnachtszeit, ideal auch zum Verschenken. Und zum Überstehen von stressigen Familienzusammenkünften …

Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot.
Klett-Cotta, Oktober 2017.
298 Seiten, Gebundene Ausgabe, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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