Matthias Oden: Junktown

In der Nacht zu gestern starben eine Brutmutter und ihre achthundert Kinder, sie wurden ermordet. Es gibt einen flüchtigen Hauptverdächtigen, und insofern sieht alles sehr klar aus. Routine. Aber, irgendetwas an dem Fall stimmt nicht, die Einzelteile passen nicht zusammen.

Inspektor Solomon Cain, Witwer einer Goldenen Schützin und Held der Konsumrevolution hat sich schon vor Jahren innerlich vom System abgewandt. Zwar kauft er weiterhin Müll und verteilt diesen in seinem Vorgarten, setzt sich Heroin-Schüsse und konsumiert jede Menge Drogen, doch innerlich ist er weit von der Zeit entfernt, als er noch weißgewandeter Agent des Rauschsicherheitshauptamts war.

Ist er schon ein Revoluzzer, der zum Recyceln geschickt werden müsste?

Er selbst weiß es nicht, doch was er weiß ist, dass der Mordfall stinkt. Dass ihn ein hochrangiger Lektor des Rauschsicherheitshauptamts unter Druck setzt, dass er wohin auch immer er sein Augenmerk richtet auf Widerstand und Grenzen trifft weckt seinen Instinkt – er gehört zwar zum alten Eisen, doch jetzt ist sein Ehrgeiz geweckt, er will das Verbrechen aufklären, egal wer darin verwickelt ist, oder was es ihn kosten kann …

Dystopie trifft auf Noir, ein neuer Autor erhebt seine Stimme, und das was Matthias Oden da seinen Lesern kredenzt, ist wahrlich nicht von schlechten Eltern.

Überzeichnet, persifliert ja, das ist die Welt, in der die Revolution die Konsumenten an die Macht gespült hat, in der nur zählt, was man verbraucht, was umgesetzt und genossen wird. Dass die Revolution ihre Kinder gefressen hat, führte dazu, dass die ausgedünnte Konsumentengemeinde aufgefüllt werden muss – sprich, die Brutmütter, ebenso gewaltige, wie ergiebige Fortpflanzungsmaschinen produzieren genmanipulierte Menschen im Hunderter-Pack.

In diese Welt, in der Konsum und Anpassung alles ist, in der Individualität und Non-Konformatismus suspekt sind treffen wir auf einen kauzigen Ermittler, der selbst in dieser unglaublichen Umgebung wie ein Anachronismus wirkt. Er hat sich angepasst – ja gut, ein kleines wenig – wird massiv unter Druck gesetzt, stößt an Grenzen und gibt doch nie auf – Sam Spade wäre stolz auf seinen literarischen Erben.

Er ermittelt in einem Mordfall – somit steht naturgemäß das „Who did it“ im Zentrum. Umrankt wird dieses jedoch von einer Stadt, eben jenem Junktown, die dem Leser vorkommt, die eine Vorhölle für Power-Shopper. Hier gibt es alles, Drogen sind ebenso legal wie Verschwendung, ja beides ein Muss, wenn man dann den Weg in die Recycling-Maschinen vermeiden will. Hier führt ein junger Autor aktuelle Entwicklungen zu einem mehr als überspitzen, und doch irgendwo erschreckend Folgerichtigem zusammen, spricht keine Warnungen aus, sondern erschlägt uns lieber gleich mit einer so nicht gelesenen Welt. Der Überwachungsstaat ist gar überall, die Architektur erinnert an Speer´sche Nazi-Bauten vermischt mit dem Charme der fernöstlichen Slums.

Das ist anders, erschreckend und doch unterhaltsam, interessant und spannend – ein gutes, weil frisches Buch voller Ideen und einer gewissen sprachlichen Wucht.

Matthias Oden: Junk Town.
Heyne, Mai 2017.
400 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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