Mary MacLane: Meine Freundin Annabel Lee (1903)

Irgendwann zu Beginn des 20.Jahrhunderts beginnt in Boston eine ungewöhnliche Freundschaft.

„Annabel Lee gleicht niemandem, den ihr je gekannt habt. Sie ist so ziemlich niemandem ähnlich. Manchmal kann ich eine feine, bewusste Liebe, die von ihren Fingerspitzen auf meine Stirn übergeht, fast spüren. Und dann bin ich, mit meinen einundzwanzig Jahren, einfach nur hin und weg.“

Das Buch „Meine Freundin Annabel Lee“ erschien 1903, da war die Autorin tatsächlich gerade 21 Jahre alt und schon kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ihren ersten Roman – „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ schrieb sie mit 19 Jahren und wurde mit einem Schlag berühmt. Der in Tagebuchform verfasste Versuch, in narzisstischer Selbstüberhöhung und provokanter Gesellschaftskritik aus der Enge der Kleinstadt Butte/Montana auszubrechen, war ein voller Erfolg. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher ermöglichten der jungen Autorin, der Provinz den Rücken zuzukehren.

Das zweite Buch wird ganz anders, anders ungewöhnlich.  Die Ich-Erzählerin Mary MacLane schreibt über ihre Gespräche mit Annabell Lee, ihrer einzigartigen Freundin. Sie tauschen sich über ihre Gedanken aus, philosophieren und träumen. Sie werfen sich Ideen wie Bälle zu, wobei Annabel Lee immer die Oberhand behält, denn „Meine Freundin Annabel Lee schafft es immer, mich zugleich zu faszinieren und zu verwirren.“ Die einzelnen Kapitel sind kurz gehalten, in manchen erzählen sich die Freundinnen Geschichten, wie die von Delilah Löffelreiher, in anderen steht eine These im Mittelpunkt, welche ins Licht gehalten, gedreht, gewendet und von allen Seiten betrachtet wird. Ich erfahre, was es mit der glatten Oberfläche der Dinge auf sich hat und bekomme eine Ahnung vom Maßstab für Kummer:

„Das Meer ist der Maßstab für Kummer, genauso wie der Maßstab für Kummer das Meer ist. Wer einmal einen ans Meer geknüpften Maßstab für Kummer hatte, wird nie wieder vom Meer getrennt werden.“

Mary MacLane lässt offen, ob Annabel Lee ein Mensch ist oder tatsächlich nur eine japanische Porzellanpuppe, die sie bei ihrer Ankunft in einem muffigen Bostoner Laden gekauft hat, um sie aus der staubigen Tristesse zu retten. Möglicherweise ist Annabel Lee nur eine Facette der jungen Autorin und Mary Maclane eine andere und das Buch die Aufzeichnung von Gesprächen mit sich selbst. Aber eigentlich ist das nicht wichtig.

Es ist die Sprache, die so verzaubert, weil sie gleichsam zu schweben scheint und Tiefsinniges mit Absurdem verwebt. Ich kann eintauchen, in Worten und Bildern baden und genießen.

Mary MacLane: Meine Freundin Annabel Lee (1903).
Reclam, März 2021.
153 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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