Martin Schult: Anfangs sonnig, später Herbst

Frankfurt 1977. Johannes möchte eigentlich ein ganz normaler 15-Jähriger sein. Aber weil sein Vater für die RAF Päckchen durch die Gegend fährt und seine Mutter nach Indien verschwunden ist, ist er davon ein ganzes Stück entfernt.

Jetzt sitzt er in Frankfurt beim Großvater und soll sich, mit spießigem Seitenscheitel und Bundfaltenhosen ausgestattet, möglichst unauffällig verhalten. Der Schulbesuch ist bis auf Weiteres gestrichen und der Vater erlaubt nur kurze Ausflüge in die Stadt. Die meiste Zeit ist Johannes damit beschäftigt, die „American Top 40“ aus dem Radio auf Kassette aufzunehmen, Musik zu hören und sich zu langweilen. Bis er Paul kennenlernt, einen Jungen in seinem Alter, mit dem er sofort auf einer Wellenlänge ist und der ihm in Dukes Plattenladen eine neue Musikwelt zeigt.

Elisabeth, genannt Eli, Meissner ist mit ihren über 50 Jahren wohl das, was man in den 1970ern noch eine „alte Jungfer“ genannt hat. An Verehrern fehlt es ihr nicht, doch sie geht in ihrem Beruf als Archivarin auf und in ihrem Privatleben gilt es, gemeinsam mit der Mutter den Vater zu pflegen, der querschnittsgelähmt aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war. Und auch ihr Bruder Hans spukt noch oft in ihren Gedanken herum.

Doch nun sind ihre Eltern in ein Pflegeheim gezogen und Eli weiß zunächst nicht so richtig, was sie mit ihrer ungewohnten Freiheit anfangen soll. Als sie beschließt, ihre Wohnung unterzuvermieten, kommen Dinge ans Licht, die sie aus der Bahn zu werfen drohen.

Von Beginn an hat mich Martin Schults Buch „Anfangs sonnig, später Herbst“ gefangengenommen. Mit großer Sympathie für seine vielschichtigen Figuren erzählt er die Geschichten von Johannes und Eli, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten zu haben scheinen, als die Liebe zur Musik, wobei Johannes auf ZZ Top, Iggy Pop und David Bowie steht und Eli klassische Musik bevorzugt. Die Kraft der Lieder und Musikstücke zieht sich als roter Faden durch den Roman. Sie können das Leben verändern, sie können dunkle Zeiten erhellen und verheißen Freiheit und Neubeginn.

Johannes und Eli haben es nicht leicht. Eli kämpft vor allem mit der Vergangenheit, Johannes mit der Gegenwart. Beide haben das Glück, Freunde zu finden, auf die sie sich verlassen können. Auch diesen Nebenfiguren hat der Autor beeindruckende Persönlichkeiten verliehen. Doch letztendlich müssen sich Eli und Johannes selbst ein Bild machen und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Wie sie mit der Situation hadern, hin- und hergerissen sind und ins Schwimmen kommen, erzählt Martin Schult mit viel Einfühlungsvermögen und Tiefe, gleichzeitig aber höchst unterhaltsam, spannend und mit leichter Hand.

„Anfangs sonnig, später Herbst“ ist ein Roman über Autonomie und Verantwortung, über Weiterentwicklung und Freundschaft, der die Leserinnen und Leser in ein bedeutsames Jahr der deutschen Geschichte zurückführt. Geschickt verknüpft der Autor über die beiden Hauptpersonen die Themen rund um den „Deutschen Herbst“ und den Terrorismus der RAF mit dem Nationalsozialismus, dem Krieg und seinen Folgen. Dabei stehen die persönlichen Geschichten im Vordergrund. Nicht nur die Jugend befindet sich im Aufbruch, sondern auch die etwas „ältere“ Generation sucht für sich neue Perspektiven und beide können voneinander lernen.

Wer nostalgisch wird, wenn er das Wort „Chromdioxidkassette“ liest und früher selbst atemlos und mucksmäuschenstill am Kassettenrekorder saß, während die Aufnahme lief, sollte dieses Buch nicht verpassen. Doch das ist noch längst nicht alles, was diesen Roman aus dem Bücher-Allerlei heraushebt. Ich möchte ihn allen ans Herz legen, die Musik lieben und gerne Romane lesen, die die Zeitgeschichte lebendig machen, egal, in welchem Alter sie sind.

Martin Schult: Anfangs sonnig, später Herbst.
Ullstein, Oktober 2019.
400 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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