Martin Becker: Kleinstadtfarben

Kommissar Peter Pinscher wird strafversetzt nach Mündendorf, wo er als Bezirksdienstbeamter eingesetzt werden soll. Heißt im Klartext: Bürgersprechstunde, Gewaltprävention an Schulen, Puppentheater in Grundschule und Kindergarten und was sonst noch anfällt. Der Grund: Pinscher hält sich nicht an Regeln und fällt immer wieder durch ruppiges Verhalten gegenüber Bürgern und Kollegen auf.

Also Versetzung, muss er akzeptieren. Von der Großstadt am Rhein in die Kleinstadt am Rand des Mittelgebirges – Mündendorf – ausgerechnet Mündendorf. Da kommt er her. Da steht das Häuschen, indem er seine Kindheit verbracht hat. Da wohnt seine demente Mama im Altersheim.

Letzteres ist ist zumindest ein Pluspunkt. Für seine Mama tut er alles und nun kann er sie täglich besuchen.

Auf der Minusseite: In Mündendorf trifft er auf alte Schulkameraden – vor allem auf Goranek, der jetzt sein Chef ist. Und was außer ihm keiner weiß: In Mündendorf holen ihn die Ängste ein, vor denen er schon seit langem davonläuft. Vor allem sein Elternhaus, welches er ohne Wissen seiner Mutter verkauft hatte, birgt viele schlimme und schreckliche Erinnerungen.

Die Geschichte wird vom Ende her erzählt – damit kennt Pinscher sich aus, immerhin hat er in der Großstadt am Rhein vor allem Todesfälle bearbeitet. Kein Mord, nein, die meisten Toten sind ganz natürlich gestorben. Pinschers Aufgabe bestand in der Ermittlung der Todesursachen – das Aufrollen eines Lebens vom Ende her eben. Er hat Angehörige informiert, Hinterbliebene getröstet – darin war und ist er gut. In unserem Fall heißt das freilich, dass wir Peter Pinscher an dem Tag begegnen, an dem seine Mama gestorben ist und erfahren sodann in der Rückblende von seiner Rückkehr in seinen Heimatort.

Martin Becker hat einen Helden erschaffen, der maßlos ist – beim Essen, bei Alkohol und Zigaretten, selbst auf Arbeit – er war bisher noch keinen Tag krank und ist selbst im Urlaub zum Dienst erschienen. Den schmerzenden Ischias bekämpft er mit immer stärkeren Schmerzmitteln. Er ist ein hoffnungsloser Pessimist, geht immer vom Schlimmsten aus, hat Angst vorm Alleinsein und vor Dunkelheit. Er ist auf den ersten Blick kein sympathischer Mensch, jedoch gelingt es dem Autor, dass ich ihm mit Anteilnahme begegne.

Martin Becker schreibt in stetigem Wechsel zwischen personalem Erzähler, also aus der Perspektive von Pinscher, und innerem Monolog, wenn Pinscher mit sich selbst spricht. Die Übergänge sind fließend, das ist auf den ersten Seiten gewöhnungsbedürftig, aber nur ganz kurz, danach war ich um so stärker im Geschehen, konnte Selbstbeschimpfung, Ärger, Zweifel, Freude, Mut machen quasi live miterleben.

In Mündendorf trifft Pinscher auch auf Anna – eine Schulfreundin und jetzt psychologische Psychotherapeutin, wie sie ihm sagt. Sie bietet ihm an, gemeinsam einen Versuch zu wagen, seine Ängste in den Griff zu kriegen. Außerdem gibt es noch die alte Dame, die in Pinschers Elternhaus gewohnt hat und die kurz vor seiner Rückkehr an einer Überdosis Tabletten gestorben ist. Deren Sohn – auch ein Schulfreund – sich seltsam benimmt. Pinscher beginnt gegen den Willen seines Chefs heimlich zu ermitteln. Und überhaupt lebt sich Pinscher gut ein in seiner alten Heimat.

Letzten Endes geht es um nichts Geringeres als die Suche nach dem kleinen Glück, um ankommen, um nach Hause kommen. Was gibt uns Sicherheit und wie finden wir Frieden? Wie richtet man sich ein in dem Raum, der einem gegeben ist?  Für mich war Martin Beckers Roman auf jeden Fall eine Entdeckung, weil es ihm gelungen ist, dass ich mich in einem mir völlig verschiedenen Menschen, wie es P. Pinscher ist, doch wiederfinde. Das unter anderem macht gute Geschichten aus.

Martin Becker: Kleinstadtfarben.
Luchterhand Literaturverlag, September 2021.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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