Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots

Ich bin kein Kampfbot, ich bin Security. Dass ich mein Chefmodul gehackt habe, wusste niemand. Ich wollte nicht noch einmal gezwungen werden Menschen, die ich eigentlich beschützen sollte, umzubringen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Vor einiger Zeit habe ich, eine einzelne SecUnit, 57 Menschen und Augmentierte umgebracht. Warum und wo, das weiß ich nicht mehr. Schließlich hat man meine Erinnerungen geschreddert, doch dass ich ein Mörder bin, das weiß ich ganz genau.

Mein erster Einsatz, nachdem ich mein Chefmodul gehackt und so einen freien Willen bekommen habe, führt mich als Security auf einen urweltlichen Planeten. Ich soll meine Auftraggeber schützen – vor der unbekannten Flora und Fauna, mehr noch aber, vor ihren Mitmenschen, die bereits eine andere Expedition gekillt haben. Es geht um Überbleibsel verschollener Alien-Zivilisationen. Wie sie wissen stehen diese unter einem besonderen Schutz. Wenn also bekannt wird, dass hier Relikte liegen, ist der Bergung und Verkauf ausgeschlossen – das ist gewissen Kreisen schon ein paar Morde wert .

Kaum habe ich meine Aufgabe erfüllt, und dabei überraschend meine Freiheit bekommen, mache ich mich auf zu der Stelle, an der ich einst gewütet und gemordet haben soll. Ich muss wissen, was damals geschah. Dass ich dabei angeheuert werde, eine Forschergruppe, die um die Ergebnisse ihrer Arbeit gebracht wurden zu schützen, erweist sich als diffizil, will der Dieb doch endgültige Fakten schaffen. So nebenbei kann ich endlich meine persönliche Historie klären.

Mein weiterer Weg führt mich, auf den Spuren des verbrecherischen Konzerns, der uns bei meinem Einsatz auf der urwüchsigen Welt umbringen wollte, zu einem Planeten, an dem GrayCris Terraforming betrieben hatte – bis, sie wohl die dort vermutlich lagernde Reste einer Alienzivilisation gehoben hatten. Dass die Firma mit harten Bandagen kämpft, sich nicht scheut, Gesetze zu brechen und Menschen zu töten war mir bekannt. Dass sie aber meine menschlichen Freunde kidnappt erweist sich als Fehler, großer Fehler, denn jetzt werde ich ungehalten – und das will etwas heißen …

Was ist das für ein Roman, eigentlich zutreffender ein Buch, in dem vier lange, inhaltlich verbundene Novellen zusammengefasst wurden, die mit so gut wie allen maßgebenden Genre-Literaturpreisen (Hugo-, Nebula- und Locus-Award) ausgezeichnet wurden? Nun, es ist die Geschichte einer – Maschine. Eine humanoide Maschine aber, die Intelligenz und Einfühlungsvermögen dokumentiert, die Eigeninitiative entwickelt, ja Moral zeigt!

Der Plot lebt von der Hauptfigur. Ein Bot, eigentlich ein Roboter mit menschlichen Komponenten, mehr noch, ein weiblicher Roboter, wobei Letzteres lange Zeit dem Leser nicht mitgeteilt wird, und erstaunlicherweise auch keine Auswirkung auf die Handlung hat, steht im Zentrum. Doch statt stumpfsinnig sein, genauer ihr Programm abzuarbeiten, entwickelt die künstliche Lebensform zunehmend menschliche Attribute.

Neugier, Aggressionen aber auch Mitleid beschäftigen sie, sie ist genervt, erfreut, peinlich berührt und gerührt – und das Besondere, wir Leser nehmen diesem Kunstwesen die Gefühle ab. Diese Maschine agiert oftmals menschlicher, als die sie umgebenden Menschen – und sie hält diesen einen Spiegel vor. Einen Spiegel, in dem sie für Mitleid, für Moral und für Freundschaft wirbt, gegen blinde Profitgier und Machtbesessenheit wettert und sich als integer Charakter zeigt.

Im Verlauf der abenteuerlichen, spannend aufgezogenen Handlung können wir die Entwicklung der Maschine hin zu einem Wesen, das sich selbst bewusst ist, das zunehmend zunächst für sich selbst, später für Andere Verantwortung übernimmt nachvollziehen und ihr ins Abenteuer folgen.

Das hat jede Menge Unterhaltungswert und Tiefgang, erweist sich als erfreulich gut geschrieben und lässt die Zeit der Lektüre wie im Flug vergehen.

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots.
Heyne, Oktober 2019.
576 Seiten, Taschenbuch, 15,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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