Marlies van der Wel: Seesucht

Als Jonas zwei Jahre alt ist, lernt er das Meer und seine Bewohner kennen. Er ist von dieser ersten Erfahrung so begeistert, dass ihn die Liebe zum Wasser und seinen Bewohnern nicht mehr loslässt. Auch die Fischer, seine Retter in heiklen Situationen, sind mit dem Meer verbunden. Sie sind immer in der Nähe, wenn sich Jonas und die Fische begegnen, und manchmal spotten sie über seine Abenteuerlust.

Marlies van der Wel ist Trickfilmregisseurin und Illustratorin. Nachdem ihr Animationsfilm Jonas and the Sea ab 2016 mehrfach auf internationalen Festivals ausgezeichnet wurde, erscheint in diesem Jahr das eigenständige Bilderbuch zu Jonas‘ Seesucht. Die kurzen Textpassagen wurden von Birgit Erdmann aus dem Niederländischen übersetzt.

Der zunächst noch kleine Jonas fällt mit seiner kreisrunden Brille, der roten Mütze und dem rotgeringelten Pullover auf und bleibt seinem Kleidungsstil sein Leben lang treu. Sein offener, staunender Blick nimmt immer wieder Kontakt zu seinen Betrachtern auf, als wolle er jeden auf seine Reise mitnehmen.

Mit sicherer Hand weiß Marlies van der Wel seinen Gesichtsausdruck und die Körperhaltung so zu zeichnen, dass seine Gefühle sichtbar und spürbar werden. Hierfür braucht es keine Worte mehr. In ihren geschmackvollen und zugleich prägnant-reduzierten Strandbildern sieht man, wie sich das Leben der Fischer verändert, während Jonas als Konstante in der Geschichte den Gegenpol darstellt. Seine Liebe zum Meer begleitet ihn über alle Kapitel.

Jonas wird älter, klüger und kreativer, ohne sein Ziel tatsächlich zu erreichen. Den Fischern scheint es ähnlich zu gehen. Anfangs angeln sie noch vom Strandufer aus. Und im Laufe der Jahre tauschen sie ihre Angeln mit einem Boot und dieses wiederum mit einem Schiff, bis erneut der reichhaltige Fang einen Wechsel erforderlich macht. Alles wird größer, genauso wie Jonas Anforderungen an sich selbst wachsen. Nicht nur sein Haus auf dem Kamm einer Düne wächst und windet sich abenteuerlich dem Himmel entgegen, auch seine Hilfsmittel für Unterwasserexpeditionen wachsen mit seinen Seesüchten.

Mit anrührenden Bildern voller Charme und Humor zeigt die Illustratorin, wie jemand einfach nicht aufgeben kann. Namensgebung und Motive erinnern an biblische Themen. Der Jonas im Walfisch mag zusammen mit Noahs Arche eine Inspiration gewesen sein. Doch Marlies van der Wel erzählt die Geschichte neu und anders. Und natürlich ist das Ende in gewisser Hinsicht offen. Es zeigt das Erreichen des puren Glücks, ohne zu verraten, wie es mit Jonas weitergehen mag. Und ist die letzte Seite erreicht, möchte man wieder von vorne beginnen, um noch nicht entdeckte Details aufzusaugen.

Marlies van der Wel: Seesucht.
mixtvision, Februar 2021.
28 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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