Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens

„Auf den folgenden Seiten werde ich auf eine allgemein verständliche und zugängliche Weise eine Theorie des (menschlichen) Denkens entwickeln“, schreibt der Philosophie-Professor und Autor Markus Gabriel in seinem Vorwort zu „Der Sinn des Denkens“ und meiner Ansicht nach ist ihm das gelungen. Es kann aber sein, dass seine Theorie und dieses Buch geteilte Meinungen hervorrufen werden – wie auch seine Vorgänger „Warum es die Welt nicht gibt“ und „Ich ist nicht Gehirn“, die mit ihm gemeinsam eine Trilogie bilden, deren Bände auch einzeln gelesen und verstanden werden können.

Gabriel sieht die Philosophie vor allem als „Nachdenken über das Nachdenken“ und legt den Überlegungen in diesem Buch zwei anthropologische Hauptsätze zugrunde: „Der Mensch ist das Tier, das keines sein will“ und „Der Mensch ist ein freies geistiges Lebewesen“. Die Philosophie ist für ihn ein kreativer Vorgang, der die Erkenntnis der Wirklichkeit und unserer Wirklichkeitserlebnisses anstrebt.

Als Vertreter des „neuen Realismus“ geht er davon aus, dass wir Gegenstände und Tatsachen so erfassen können, wie sie wirklich sind und, dass es unendlich viele Sinnfelder gibt, in denen Gegenstände und Tatsachen existieren. Das Denken ist für ihn ein Sinn, wie das Hören oder das Sehen (man beachte auch die Doppeldeutigkeit des Titels).

Auf dieser Basis entwickelt er seine Theorie. Dabei bezieht er die Ansätze und Ansichten von berühmten und weniger bekannten Philosophen von der Antike bis heute mit ein und berücksichtigt auch die dafür notwendigen Erkenntnisse anderer Wissenschaften, wie der Physik, der Logik oder der Neurowissenschaften.

Diese sind besonders im Zusammenhang mit seinen Ausführungen zur Digitalisierung und zur „künstlichen Intelligenz“ wichtig, die er der menschlichen Intelligenz gegenüberstellt (die für ihn im Übrigen neben der biologischen Komponente auch einen künstlichen Anteil hat, der vom Menschen selbst hervorgebracht wird).

Mit manchen philosophischen Theorien, wie beispielsweise dem Konstruktivismus, geht Markus Gabriel nicht gerade sanft um. Auch US-Präsident Trump bekommt so manchen Seitenhieb ab. Man merkt, dass Gabriel einen eindeutigen Standpunkt hat, den er vehement vertritt, was ja an sich kein Fehler ist. Nur manchmal wirken seine Formulierungen auf mich etwas überheblich, vor allem, wenn er Ergebnisse anderer Wissenschaftler auseinanderpflückt, sich davon nimmt, was seine Theorie stützt und widerlegt, was nicht dazu passt.

Dass er eine klare Meinung hat, wird auch am Ende von „Der Sinn des Denkens“ in seiner „pathetischen Schlussbemerkung“ deutlich. Er bezieht Position für moralisches – gutes – Handeln und gegen Fremdenfeindlichkeit und in dieser Beziehung wird ihm hoffentlich jeder und jede zustimmen.

Schreiben kann Markus Gabriel auf jeden Fall und es gelingt ihm gut, zu vermitteln, was er zu sagen hat. Er schafft es, die komplizierten Inhalte allgemeinverständlich zu vermitteln. Dabei wird fast nichts vorausgesetzt außer der Lust am Nachdenken über das Nachdenken und etwas Konzentration. Die Fachbegriffe (die zum Nachlesen auch in einem Glossar im Anhang aufgeführt sind), werden zum Teil mehrfach und auf unterschiedliche Art und Weise erklärt. Illustriert und verdeutlicht wird das Ganze mit Gedankenexperimenten und – teilweise sehr originellen und witzigen – Beispielen aus Filmen und dem Alltag, die einen gewissen Humor in den Text bringen.

Deshalb habe ich das Buch mit Genuss und einigen Aha-Erlebnissen (zum Beispiel was die Herkunft einiger Worte und Begriffe angeht) gelesen und kann es allen empfehlen, die sich für philosophische „Gedankenspiele“ (an denen man sich auch reiben kann) und ihre praktische Relevanz interessieren.

Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens.
Ullstein, September 2018.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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