Mark de Jager: Bluthimmel

Einst, lange ist es her, da erhob er sich auf seinen Schwingen in die Lüfte. Als Drache stand er am oberen, am obersten Ende der Nahrungskette, genoss das Zutrauen seiner Gefährtin und verursachte Angst und Grauen bei den Menschen. Dann wurde er von einem dieser die Erde so zahlreich verwüstenden Zweibeinern gefangen genommen, inhaftiert, seiner Schwingen beraubt und geknechtet. Einem Menschen, den er seitdem mit jeder Faser seines Wesens hasst, einem Menschen, der ihm alles, was ihm einst lieb und wert war genommen hat, einem Nekromanten.

Nur indem er seine Gestalt aufgab, sich selbst in den Leib eines Zweibeiners zwängte, konnte er entkommen. Jetzt hält ihn, den letzten der Drachen nur noch eines aufrecht – der Drang nach Rache. Rache für die Gefangennahme, die Marter und Rache für die Ermordung seiner Liebe.

Durch das vom Krieg verheerte Königreich Krandin führt ihn die Spur seines Feindes zu den Lagern der Nekromanten. Dort stößt er auf eine Spur, die selbst ihn, den Drachen beunruhigt.  Der Nekromant beabsichtigt nichts weniger, als die Pfade der Magie, die Liedlinien zu verseuchen – der Tod alles Lebendigen wäre die Folge. Zusammen mit seiner menschlichen Begleiterin macht er sich auf, die Lanzen, die der Nekromant in den Kreuzungen der Liedlinien platziert hat zu brechen und die Bedrohung auszuschalten – endgültig und blutig versteht sich.

Dann aber tauchen erste Hinweise darauf auf, dass hinter dem dunklen Magier, der ihn einst gefangen nahm, ein weiterer Zauberkundiger steht – und Hinweise auf etwas das nicht sein kann, nicht sein darf. Im Reich der Toten nimmt er eine Spur auf, eine Spur, zu etwas, das er längst verloren glaubte …

Gritty Fantasy erfreut sich seit einiger Zeit schon erhöhten Zuspruchs. Die düsterere, realistischer Darstellung von archaischen Welten, von Kämpfen, dem Leid und brutalem Gemetzel von Schlachten ist sehr weit entfernt von den friedlichen Auen und den geschniegelten Helden die sich sonst oftmals aufmachen, ihre Welt zu retten. Hier geht es blutig und brutal zu, hier wird gelitten und grausam gefoltert, gestorben und verdorben – bleiben doch die Leichen oftmals nicht tot. Mark De Jagers zweite Veröffentlichung bei Bastei-Lübbe , gleichzeitig der Abschluss des Zweiteiler um den gefolterten Drachen in Menschengestalt, reiht sich in diese realistische Darstellung der Grauen eines Krieges ein.

Mit dem in einem menschlichen Körper gefangen gesetzten Drachen, der zudem noch sein Gedächtnis und seine magischen Fähigkeiten weitgehend verloren hat, präsentiert uns der Autor nach seinem Debut in  „Der Fluch des Feuers“ erneut einen interessanten, weil ungewöhnlichen Erzähler. Hierbei wird der Leser zunächst in kalte Wasser geschmissen; – soll heißen, dass wir gleich zu Beginn des Romans sofort im Schlachtengetümmel landen. Erst nach und nach wird deutlich, wer unser Erzähler ist, wie es dazu kam, dass er nun fast ein wenig hilflos in einem menschlichen Körper feststeckt und wer der große Widersacher ist. Die Kenntnis des ersten Teils ist hierbei zwar hilfreich, nicht aber unbedingt notwendig, lässt der Autor doch geschickt das bisherigen Geschehen in kurzen Rückblenden mit einfließen.

Erstaunlich ist, dass er es zunächst nicht nur auf ein Duell Drache versus Nekromant hinauslaufen lässt, sondern, dass er sich erfolgreich bemüht, uns ein interessantes, weil vielfältiges Bild der Welt zu zeigen. Auch wenn diese sich weitgehend auf ländliche Schlachtfelder, belagerte Städte und finstere Festungen beschränkt, bildet diese Kulisse doch ein stimmiges Ambiente für den temporeich aufgezogenen Plot. Die martialischen Gewaltdarstellungen selbst bleiben zwar direkt, ja brutal, nie aber sind sie Selbstzweck sondern dienen dazu, die Handlung in sich logisch voranzutreiben. Eingeschobene Rückblicke auf die Gefangennahme des Drachen, die Zeit seiner Inhaftierung und Folterung sowie seiner Flucht runden das Bild für den Leser ab.

So ist dies ein zweiter Band, der auch alleine stehen kann, der dem Leser ein faszinierendes, realistisches Bild einer archaischen Welt präsentiert, kurzweilig, spannend unterhält und die Handlung in sich befriedigend abschließt.

Mark de Jager: Bluthimmel.
Bastei Lübbe, November 2019.
400 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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